Kommentar über Corona-Impfungen

Der Staat gibt die Kontrolle auf

Wenn die Hausärzte gegen Covid-19 impfen, soll sich das Tempo erhöhen. Doch Menschen in prekären Lebensverhältnissen könnten dadurch schlimmstenfalls länger auf die Impfung warten, meint Timo Thalmann.
10.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der Staat gibt die Kontrolle auf
Von Timo Thalmann
Der Staat gibt die Kontrolle auf

Eine Hausärztin spritzt den Impfstoff von Biontech. Die neue Kampage geht zulasten der Impfzentren.

Christoph Schmidt/DPA

Es will zwar offiziell noch keiner eingestehen, aber ein zentrales Bremer Impfzentrum, das bis zu 17.000 Menschen am Tag impfen kann, wird es wohl nicht mehr geben. Die Planungen sind mit dem Impfstart durch die niedergelassenen Ärzte hinfällig. Der Bund will es so: Die künftig wachsenden Impfstoffmengen sollen samt und sonders den Ärzten zur Verfügung stehen, die Liefermengen für die Impfzentren werden auf dem jetzigen Stand eingefroren.

Solange der Impfstoff zugleich knapp bleibt, kann das Folgen haben für die Frage, wer geimpft wird. Denn nun wählen die Ärzte aus, wer nach ihrem Befund Priorität genießt. Sie werden sich dabei selbstverständlich an die Impfverordnung halten und nach bestem ärztlichen Wissen und Gewissen handeln. Dennoch steht zu befürchten, dass es zu einer sozialen Unwucht kommt: Das fängt schon damit an, dass die Arztpraxen nicht gleichmäßig im Land verteilt sind. In manchen dünner besiedelten Regionen Ostdeutschlands etwa macht es keinen Unterschied, ob man 30 Kilometer zum nächsten Arzt oder zum nächsten Impfzentrum fahren muss. Und in den großen Metropolen gibt es besser und weniger gut mit Ärzten bestückte Stadtteile, was zumeist mit dem sozialen Gefüge einer Stadt einhergeht. In den ärmeren Stadtteilen ist die Arztversorgung eher unterdurchschnittlich, wo die finanziell kräftigere Klientel wohnt, eher überdurchschnittlich.

Aus diesem Grund liegt der Verdacht nahe, dass strukturell eher Bessergestellte schneller zu ihren Impfungen kommen könnten. Wo die Menschen weniger Beziehung und Bindung zum Arzt ihres Vertrauens haben, könnte sich die die Impfgeschwindigkeit verlangsamen. Denn zahlreiche Studien haben gezeigt: Wer arm ist geht seltener zum Arzt, ignoriert Krankheitssymptome und ist bei chronischen Erkrankungen schlechter versorgt. Man muss davon ausgehen, dass das bei Impfungen nicht großartig anders aussieht.

Gerade wegen dieser Ausgangslage hatte Bremen als Stadtstaat eine zentrale Lösung bevorzugt. In gewisser Weise war das politisch durchaus eine linke Herangehensweise, wie man sie von einem rot-grün-roten Senat mit einer Gesundheitssenatorin der Linkspartei erwarten darf: Die Gesundheitsbehörden steuern über die Einladungen die Prioritäten. Ein nach oben skaliertes, ausgebautes Impfzentrum spielt dabei die Hauptrolle. Das damit verbundene politische Versprechen lautet: Niemand muss sich aktiv irgendwo melden, der Staat kümmert sich. Für die Schwächeren in der Gesellschaft war das eine gute Nachricht.

Für manche, die es gewohnt sind, ihre Angelegenheiten und Interessen eigenständig und selbstbewusst zu vertreten, mag es eine frustrierende Erfahrung sein. Denn es nützt in diesem Fall nichts, Behörden, Ärzten oder Hotlines gegenüber wiederholt deutlich zu machen, warum gerade ihre Vorerkrankung zu einem sofortigen Impftermin führen muss.

Auch Geld könnte nicht schaden: Der US-Medizinethiker Arthur Caplan berichtet von zahlreichen Fällen, in denen gut betuchte Bürger eine frühe Impfung schlicht kaufen wollten. Er sieht einen Schwarzmarkt, vorbei an der staatlichen Priorisierung. Und er ist sich sicher, dass der Zugang zu Impfungen sofort dem Markt mit allen bekannten sozialen Folgen unterworfen wird, wenn der Staat die Kontrolle über die Impfstoffverteilung abgibt.

Sicher, das ist auf das extrem marktorientierte Gesundheitssystem der USA bezogen. Aber in Deutschland leben nicht durchweg bessere Menschen, und wenn jetzt die Gruppe der Vorerkrankten ausschließlich von den niedergelassenen Ärzten geimpft werden soll, gibt der Staat zwangsläufig die Kontrolle über die von ihm selbst festgelegte Priorisierung ab.

Natürlich sind die Hausärzte ein wichtiger Teil der Corona-Impfkampagne. Sie erreichen Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen nie in ein Impfzentrum kommen würden. Aber die Annahme, dass sich die Corona-Impfungen automatisch beschleunigen, weil nun die Hausärzte loslegen, ist ein Mythos. Nicht die Zahl der Ärzte limitiert die Impfungen, sondern die Zahl der Impfdosen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+