Corona

„Ich bin froh, dass wir jetzt zur zweiten Welle die App haben“

Die Corona-Warn-App ist für den Autor und Datenschützer Markus Beckedahl nicht das Allheilmittel im Kampf gegen das Virus. Warum er trotzdem froh ist, dass es die App gibt, hat er uns erzählt.
29.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Ich bin froh, dass wir jetzt zur zweiten Welle die App haben“
Von Marc Hagedorn
„Ich bin froh, dass wir jetzt zur zweiten Welle die App haben“

Markus Beckedahl schreibt seit 2002 unter „netzpolitik.org“ über Fragen der Informationsgesellschaft. Er ist Autor der Bücher „Die digitale Gesellschaft“ oder „Überwachtes Netz“.

Frank Thomas Koch

Herr Beckedahl, nutzen Sie die Corona-Warn-App?

Markus Beckedahl: Ja, und zwar von Anfang an. Das hätte ich vor ein paar Jahren vermutlich auch nicht gedacht. (lacht)

Und? Schon Warnmeldungen erhalten?

Ich habe bisher nur geringe Risikokontakte angezeigt bekommen. Ich achte allerdings auch sehr darauf, meine sozialen Kontakte möglichst gering zu halten, ich arbeite zum Beispiel im Home-Office. Ich kenne aber eine Reihe von Menschen in meinem Umfeld, die über die App gewarnt worden sind, sich haben testen lassen und tatsächlich positiv waren.

Also hat die App ihren Zweck erfüllt.

In diesen Fällen ja. Aber man muss auch klar sagen, dass sie kein Allheilmittel ist. Wenn man aktuell allerdings sieht, wie sehr die Gesundheitsämter mit ihrer analogen Arbeitsweise an ihre Grenzen stoßen und die Nachverfolgung von Infektionsketten aus den Fugen gerät, bin ich froh, dass es die App als eine digitale Möglichkeit gibt.

Sie meinen mit der analogen Arbeitsweise der Gesundheitsämter das Auswerten handschriftlicher Listen, das Rumtelefonieren, um Kontaktpersonen zu ermitteln und zu informieren.

Obwohl ich in der Regel skeptisch bin gegenüber Apps und dem Glauben, dass Technik alle sozialen Probleme lösen soll, war ich von der Architektur der Corona-Warn-App überzeugt. Es war klar, dass das, was die Gesundheitsämter mit Stift, Papier und vielleicht noch ein paar Excel-Tabellen machen, bei größeren Fallzahlen nicht mehr funktioniert.

Lesen Sie auch

Was sagt der datensensible Mensch in Ihnen, wenn er sich die Funktionsweise der App anschaut?

Ich weiß gar nicht, wie viele Apps ich auf meinem Handy habe, aber es sind sehr viele. (lacht) Ich gehe davon aus, dass die Corona-Warn-App von all diesen Apps am wenigsten Daten speichert und verarbeitet.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die App sehr viel mehr könne als sie darf und viel effektiver sein könnte. Was sagen Sie dazu?

Dass die App mehr kann, sagen vor allem diejenigen, die die technischen Bedingungen gar nicht kennen. Denn tatsächlich ist das nicht so einfach, wie es sich sagt. Und es gibt noch etwas anderes zu bedenken.

Und zwar?

Es gab in Europa bei der Entwicklung einer Warn-App eine Konkurrenz der Ideen. Frankreich zum Beispiel hat sich für ein zentrales Modell entschieden, wo der Datenschutz eine nicht so große Rolle spielte wie bei uns. Das Ergebnis kann man nun sehen. In Frankreich sind die Infektionszahlen dreimal so hoch wie bei uns. Die Warn-App dort funktioniert überhaupt nicht, und man sattelt jetzt auf ein dezentrales Modell wie in Deutschland um.

Welche Rolle spielt Freiwilligkeit?

Das Ziel der App sollte ja sein, dass möglichst viele Menschen sie installieren – und zwar freiwillig. Freiwilligkeit führt dazu, dass Vertrauen aufgebaut wird. Vertrauen, das man über Zwang nicht erreicht. Ich als Datenschützer finde es immer noch irritierend, dass Whatsapp ein Vielfaches an Nutzern hat als die Corona-Warn-App. Dabei greift Whatsapp viel mehr Daten ab, weshalb ich Whatsapp auch nicht nutze.

Ein anderer Kritikpunkt an der App ist, dass sie bestimmte Handymodelle und Betriebssysteme voraussetzt. Wie bewerten Sie das?

Diesen Ärger kann ich verstehen. Das ist eine technische Frage. Man musste nehmen, was da ist. Die Bluetooth-Low-Energy-Technologie zum Beispiel ist im Großteil der Handys eingebaut...

Lesen Sie auch

…sie soll den Stromverbrauch des Handys so gering wie möglich halten…

…alles andere würde schlechter funktionieren. Das war also eine pragmatische Entscheidung. Man kann bei der Entwicklung einer Corona-App nicht fünf Jahre warten, um alle Nutzer auf denselben Standard zu bringen.

Trotzdem würden vielleicht mehr Menschen mitmachen, wenn sie technologisch dazu in der Lage wären.

Hier hätte die Bundesregierung tatsächlich mehr machen können, etwa Armbänder entwickeln, deren Sinn und Zweck es schlicht ist, die Corona-Warn-App datenschutzfreundlich darauf laufen zu lassen. Das würde sozial Schwachen und Älteren helfen, die nicht so technikaffin sind.

Es gibt Nutzer, die gern genauer wüssten, wann und wo sie Kontakt zu Infizierten hatten.

Dass es diesen Wunsch gibt, kann ich mir gut vorstellen. Man könnte sich deshalb überlegen, ob man diese Möglichkeit als Zusatz in die App einbaut. Die App ist erst einmal auf größtmögliche Anonymität ausgerichtet, aber wenn Sie wünschen, dass Ihre Standortdaten irgendwo gespeichert werden, könnten Sie das freischalten.

Eine andere Idee ist ein Kontakt-Tagebuch.

Als zusätzliche Apps gibt es das ja schon. Ich würde mir wünschen, dass man diese Funktion in die Warn-App integriert. Im Moment ist es doch so: Die App ist in ihrer jetzigen Ausstattung etwas langweilig. Wenn die App aber Mehrwert hätte, also zum Beispiel ein Tagebuch, wäre der Reiz größer, sie häufiger zu öffnen. Man könnte auch lokale Informationen zum Infektionsgeschehen einfügen. Das würde die App attraktiver machen.

Lesen Sie auch

Eine Aufgabe der App ist auch die schnelle Information über das Testergebnis, aber da gibt es immer noch Lücken.

Und das ist ein Problem und auch ein kleiner Skandal. Viele Krankenhauslabore sind nicht an die App angeschlossen. Wir haben 60 Millionen Euro für die Entwicklung der App ausgegeben, wovon ein Großteil für Telefon-Hotlines bereitgestellt wird. Aber das eigentliche Problem, die Anbindung der Labore, wird darüber nicht finanziert. Das Versprechen der Regierung, dass das Problem der Labore innerhalb weniger Wochen erledigt sei, ist nicht gehalten worden.

Ihr Fazit nach gut vier Monaten Corona-Warn-App?

Ich bin froh, dass wir sie haben als eine zusätzliche Möglichkeit, jetzt, da die zweite Welle angerollt ist. Aber die App kann nur so gut sein, wie die technische Infrastruktur ist. Genauso wichtig ist, dass viele Menschen sie nutzen. Wenn alle Whatsapp-Nutzer auch die Corona-Warn-App hätten, hätten wir die Pandemie mit Sicherheit besser unter Kontrolle.

Info

Zur Person

Markus Beckedahl wurde 1976 geboren und lebt in Berlin. Er schreibt seit 2002 unter „netzpolitik.org“ über Fragen der Informationsgesellschaft. Er ist Autor der Bücher „Die digitale Gesellschaft“ oder „Überwachtes Netz“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+