Integrationsgipfel

Krise trifft Migranten doppelt

Fast alle Länder hätten mit Abriegelungsmaßnahmen auf die Krise reagiert. Dabei seien eingewanderte Arbeitskräfte in vielen Schlüsselsektoren der Wirtschaft stark vertreten.
20.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Andrea Dernbach

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Anteil von Migrantinnen und Migranten zur Bewältigung der Corona-Pandemie gewürdigt. Ihre Vereine und Verbände hätten „Multiplikatorenfunktion“, sagte Angela Merkel nach dem 12. Integrationsgipfel, zu dem sie am Montag etwa 300 Akteure der Einwanderungsgesellschaft ins Kanzleramt geladen hatte. Die Corona-Krise mache es aber nötig, „noch mehr auf die Integration setzen“. Gerade Eingewanderte gerieten in der Krise als erste unter Druck, entsprechend gelte „dem Zusammenhalt der Gesellschaft unser besonderes Augenmerk“, sagte Merkel. „Es bleibt noch sehr, sehr viel zu tun.“

Die OECD hatte zuvor auf zurückgehende Migrationszahlen durch die Corona-Pandemie aufmerksam gemacht – eine Tendenz, die auch für das Funktionieren und den Wohlstand des reichen Nordens der Welt nicht vorteilhaft ist. Die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen und Visa habe sich durch Grenzschließungen und Einreiseverbote in allen OECD- Ländern, das ist die Organisation der 37 wirtschaftsstärksten Staaten der Erde, so drastisch reduziert wie nie – um 46 Prozent in der ersten Jahreshälfte 2020. Fast alle Länder hätten mit Abriegelungsmaßnahmen auf die Krise reagiert. Dabei seien eingewanderte Arbeitskräfte in vielen Schlüsselsektoren der Wirtschaft stark vertreten. Sie stellten ein Drittel – in Deutschland ein Viertel – der Beschäftigten im Verkehr, in der Lebensmittelproduktion und im IT-Service oder arbeiteten als Reinigungskräfte. Auch in der Krise seien sie an vorderster Front, heißt es in der OECD- Studie der. Im Durchschnitt kämen ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte im OECD-Raum aus dem Ausland, in der Schweiz sogar fast die Hälfte. Auch ein Sechstel der Krankenschwestern und -pfleger in den reichen Ländern seien immigriert. Die Autorinnen der Studie schreiben: „In den vergangenen zehn Jahren sind die Migrationszahlen gestiegen und die Integration der Zugewanderten hat sich verbessert.“ Einige der Integrationsfortschritte könnten jedoch nun von der Corona-Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen zunichte gemacht werden.

Während die Fluchtmigration in den Jahren nach 2015 zurückging, wurde die Arbeitsmigration bis heute deutlich stärker, mit einem Zuwachs der dauerhaften Einwanderung von mehr als 13 Prozent allein 2019 und einer millionenfachen Steigerung auch der befristeten Arbeitserlaubnisse. Migrantinnen und Migranten könnten aber nur dann weiter ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beitrag in den Aufnahmeländern leisten, wenn ihre Gesundheit und Sicherheit wie die aller anderen Beschäftigten geschützt sei.

Aktuell sieht das anders aus: Weil Eingewanderte häufig nicht im Homeoffice arbeiten, haben sie ein höheres Infektionsrisiko. Zudem begünstigen ihre härteren Lebensbedingungen, beengtes Wohnen und Armut, das Virus. Studien aus mehreren OECD-Ländern zufolge haben sie „ein mindestens doppelt so hohes Infektionsrisiko wie im Inland Geborene“, schreibt die OECD. „Migration bleibt wichtig, um Wirtschaftswachstum und Innovation zu fördern und auf den raschen Wandel der Arbeitsmärkte zu reagieren“, sagte der Generalsekretär der OECD, Angel Gurría, der den Bericht in Paris, dem Sitz der Organisation, zusammen mit der Europäischen Innenkommissarin Ylva Johansson vorstellte.

Es gelte, Rückschritte zu vermeiden, nachdem die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in den letzten Jahren gut vorangekommen sei, sagte Gurría. Die unter Corona gestiegene Arbeitslosigkeit entfiel in Deutschland zu 42 Prozent auf Erwerbstätige mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt aber bei gut einem Viertel. In ausnahmslos allen Ländern, aus denen die OECD über Daten verfügt, sei die Arbeitslosenzahl der Einwanderer stärker gestiegen als die der im Inland Geborenen. Wie die Welt sich von der Krise erhole, werde „von der Migrations- und Integrationspolitik unserer Regierungen abhängen“, heißt es in ihrer Studie.

Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz hatte die Lage bereits am Wochenende ähnlich beurteilt wie die OECD. Menschen mit Einwanderungsgeschichte oder Geflüchtete arbeiteten einerseits in den am stärksten betroffenen Branchen, andererseits fielen nun wichtige Integrationsangebote für sie aus oder würden stark eingeschränkt, erklärte die CDU-Politikerin. Man habe etwa bei den Integrationskursen, die das „Herzstück der Integrationsmaßnahmen“ seien, zu Beginn der Pandemie „nahezu komplett die Kurse herunterfahren müssen“, sagte Widmann-Mauz am Montag. Die Kurse seien dann langsam wieder angefahren worden. „Wir bewegen uns da nach wie vor nicht in dem Bereich, wo wir sagen können, wir erreichen alle“. Daher setze der Nationale Aktionsplan Integration auf eine „Digitaloffensive“, um Sprachförderung, Beratung und Arbeitsmarktintegration trotz physischen Abstands anzubieten.

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