Corona im Schlachthof

Unermüdlicher Kämpfer gegen das „Schweinesystem“

Vor Wochen hatte er bereits vor weiteren Corona-Ausbrüchen in der Fleischindustrie gewarnt. Zum aktuellen Fall in Rheda-Wiedenbrück findet Peter Kossen deutliche Worte.
19.06.2020, 05:00
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Unermüdlicher Kämpfer gegen das „Schweinesystem“
Von Marc Hagedorn
Unermüdlicher Kämpfer gegen das „Schweinesystem“

Beim Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche Hunderte Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Friso Gentsch /dpa

Wie wichtig das ist, was er tut, hat Peter Kossen erst am Mittwoch wieder gemerkt. Noch bevor er die Nachricht über den Corona-Ausbruch in einem Schlachthof der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück selbst im Radio hören konnte, hatte er schon die erste SMS bekommen. „Jemand hatte mir einfach die Zahl geschickt“, sagt Kossen. 400, das war die Zahl am Mittwochmittag. 400 mit Corona infizierte Tönnies-Arbeiter. 657 lautete die Zahl dann am Abend, auf so viele Infizierte hatte sich die Anzahl im Laufe des Tages erhöht.

Am Tag danach sitzt Peter Kossen im Auto. Er ist auf dem Weg nach Rheda-Wiedenbrück. Er fährt aber nicht zur dortigen Tönnies-Schlachterei, sondern zur Volkshochschule. Dort soll er ein Buch vorstellen. Es trägt den doppeldeutigen Titel „Das Schweinesystem“. Es versammelt Artikel, Interviews und Aufsätze zu dem Thema, dem sich Kossen seit vielen Jahren widmet: die Ausbeutung von osteuropäischen Leiharbeitern in der Fleischindustrie.

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Kossen hat zu dem Buch das Manuskript eines Vortrages beigesteuert, den er Anfang 2019 gehalten hat. Außerdem enthält das Buch Auszüge aus einem noch frischen Interview mit dem Wochenmagazin „Die Zeit“. Es ist Zufall, dass die Buchpräsentation ausgerechnet am Tag nach dem bisher spektakulärsten Corona-Fall in einem deutschen Fleischbetrieb terminiert ist. Das Datum stand schon seit zwei Wochen fest. Es ist kein Zufall, dass das Thema die nächste Eskalationsstufe erreicht hat. So jedenfalls sieht Kossen das. „Leider war das absehbar„, sagt er, “und solange am System nichts geändert wird, passiert es wieder.“ Schon vor fünf Wochen hatte Kossen im Interview mit dem WESER-KURIER vor weiteren Ausbrüchen gewarnt.

Das System. Das System ist die Praxis, Arbeiter aus Osteuropa nach Deutschland zu holen, sie mit Zeitverträgen auszustatten und in Massenunterkünften wohnen zu lassen. Kossen kritisiert diese Methode unermüdlich. Der 52-Jährige, ein unaufgeregter Mann, katholischer Priester im westfälischen Lengerich, spricht ruhig, formuliert dafür aber umso schärfer. Wenn er über „das System“ spricht, verwendet er Begriffe wie „moderne Sklaverei“, „Menschenhandel“ oder „Wegwerfmenschen“.

Vorstellung des Buchs "Das Schweinesystem"

Autor und Pfarrer Peter Kossen.

Foto: Friso Gentsch /dpa

Ein einsamer Rufer

Kossen ist an diesem Tag in Rheda-Wiedenbrück nicht allein, auch der Gewerkschafter Matthias Brümmer aus Oldenburg und Mitautoren aus Hamburg sind bei der Buchvorstellung dabei. Kossen tut das gut, Mitstreiter zu haben. Manchmal macht es nämlich den Eindruck, als sei dieser hagere Mann ein einsamer Rufer. Denn leicht hat er es nicht. Kossen wird angefeindet.

Kritiker werfen ihm vor, dass er pauschalisiere, dass er zuspitze, dass er Verbesserungen ignoriere. Man hat Kossen schon empfohlen, lieber die Radmuttern an seinem Auto regelmäßig zu kontrollieren. Und einmal, da war er noch Priester in Vechta, hatten ihm Unbekannte eines Nachts nach Mafia-Art ein abgezogenes totes Kaninchen vor die Haustür gelegt.

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Was man Kossen nicht vorwerfen kann: Dass er nicht weiß, wovon er spricht. Er ist in Vechta aufgewachsen, er hat miterlebt, wie die Region durch intensive Landwirtschaft und die Fleischindustrie zu Wohlstand gekommen ist. Sein Elternhaus habe ihm mit auf den Weg gegeben, „Schwächere im Blick zu behalten“, hat er einmal erzählt. Das und die Arbeit seines Bruder prägen ihn. Florian Kossen arbeitet als Arzt im Landkreis Vechta und behandelt Leiharbeiter, er kennt ihre Sorgen und Nöte, ihre körperlichen Erkrankungen und seelischen Leiden.

Virus aus Heimaturlauben mitgebracht

Peter Kossen sagt auch jetzt wieder mächtige Sätze. Dass die Firma Tönnies versucht, den Corona-Ausbruch damit zu erklären, dass die Arbeiter das Virus aus Heimaturlauben mit nach Deutschland gebracht hätten, findet Kossen „zynisch, hier macht man aus Opfern Täter“. An dem Punkt sei es nicht mehr weit, und es hieße irgendwann: „Die dreckigen Rumänen halten sich nicht an die Regeln und schleppen das Virus in unsere sauberen Betriebe ein.“

Dass der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet ähnlich wie die Tönnies-Manager argumentiert, findet Kossen schlicht „dumm, zum Glück hat er einen tüchtigen Bundesarbeitsminister an seiner Seite“. Gemeint ist Hubertus Heil. Der SPD-Politiker hat angekündigt, das System in der bisherigen Form abzuschaffen. Dafür kämpft auch Kossen. Er würde sich freuen, wenn Bücher wie „Das Schweinesystem“ überflüssig würden.

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