Corona-Impfstoff

Bremer Virologe warnt vor Schnellschuss

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schürt Hoffnungen auf einen Impfstoff spätestens im nächsten Jahr und kritisiert die russische Vakzin-Zulassung. Bremer Experten warnen vor einem Wettrüsten.
14.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Virologe warnt vor Schnellschuss
Von Nico Schnurr
Bremer Virologe warnt vor Schnellschuss

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht davon aus, dass „sicher im nächsten Jahr“ ein Impfstoff in Deutschland verfügbar sein wird.

Martin Schutt

Im Wettrennen um einen Corona-Impfstoff dämpfen Bremer Experten die Erwartungen. Mit einem baldigen Ende der Pandemie sei nicht zu rechnen. Bei der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus seien noch viele Fragen offen. „Natürlich kann es bis zum Herbst einen Impfstoff in Deutschland geben“, sagt der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer, „aber dann wären Zweifel angebracht, ob die wissenschaftlichen Standards zur Überprüfung hoch genug waren“.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht davon aus, dass in den nächsten Monaten, aber „sicher im nächsten Jahr“ ein Impfstoff in Deutschland verfügbar sein wird. „Wir werden wahrscheinlich so schnell einen Impfstoff haben bei einem neuen Virus wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte“, sagte Spahn dem ZDF am Donnerstag.

Zuvor hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) für Verwirrung gesorgt. In einem Positionspapier hieß es, Prognosen ließen „die Verfügbarkeit eines Impfstoffs bis Herbst 2020 möglich erscheinen“. Wenig später erklärte das RKI, bei dem Papier handele es sich um eine alte Version, die aus Versehen online gestellt worden sei. Man gehe nicht von der Verfügbarkeit eines Vakzines im Herbst aus.

Am Dienstag hat Russland den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen. Mit seinem Namen „Sputnik V“ soll das Mittel an den ersten Satelliten im All erinnern, den die Sowjetunion 1957 vor den USA gestartet hatte. Noch ist nicht klar, wie wirksam der Impfstoff ist. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten. Die Zulassung widerspricht der internationalen Praxis, dass Impfstoffe drei klinische Studienphasen durchlaufen müssen, bevor sie auf den Markt kommen. Spahn sieht den russischen Vorstoß kritisch: „Es geht nicht darum, Erster zu sein, sondern darum, einen wirksamen, erprobten und damit auch sicheren Impfstoff zu haben.“

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer warnt vor einem Wettrennen um einen Impfstoff. Es mache mehr Sinn, über Landesgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Er verstehe nicht, welches Prestige es sein solle, am schnellsten zu sein. Impfstoffkandidaten gebe es in Massen. „Jetzt geht es darum, so sauber und transparent zu testen, wie es die Zeit erlaubt.“ Schnellschuss-Impfstoffe, die nicht wirkten oder schlimmstenfalls zu gravierenden Nebenwirkungen führten, bergen aus Sicht von Dotzauer eine weitere Gefahr: „Das Vertrauen in Impfstoffe wäre dahin, und das ist genau das, was man keinesfalls will.“

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Bernd Mühlbauer, Professor für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, beteiligt sich an einer Studie der Weltgesundheitsorganisation. Er untersucht, welche Medikamente Corona-Patienten helfen. Mühlbauer hält die schnelle Zulassung in Russland für „politisch motiviert“. Der Pharmakologe sagt, man solle sich nicht „von Sensationsmeldungen blenden lassen“. Dass in Russland ein Vakzin zugelassen werde, obwohl der wichtigste Teil der Prüfungen noch ausstehe, „wäre im europäischen Zulassungsrecht unvorstellbar“.

Virologe Dotzauer kritisiert, dass bislang keine Ergebnisse zum russischen Impfstoff veröffentlicht wurden. Es sei üblich, dass Impfstoffentwickler erste Daten bekannt machten. „Das ist hier nicht passiert.“ Der Impfstoff aus Russland soll in einer Studie mit 38 Probanden überprüft worden sein, eine Phase-drei-Studie mit etwa 20 000 Probanden soll nun beginnen. Dotzauer sagt: „Es gibt eine Reihe von Impfstoffen, unabhängig von Corona, die bis Phase zwei vielversprechend waren, sich aber in der dritten Phase als nicht so wirksam wie erhofft herausstellten.“

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Normalerweise dauert es Jahre, bis ein Impfstoff alle Phasen durchlaufen hat und zugelassen werden kann. In einer Pandemie fehlt diese Zeit. „Ich denke, dass man beschleunigen muss“, sagt Dotzauer, „verkürzen ja, aber nicht zu risikofreudig und nicht leichtsinnig". Mit einem schnelleren Verfahren sei es möglich, dass spätestens im nächsten Jahr ein Impfstoff in Deutschland verfügbar sei.

„Die eigentliche Frage ist nicht, ob es zugelassene Impfstoffe geben wird, sondern, wie gut und anhaltend der Impfschutz sein wird“, sagt Pharmakologe Mühlbauer. Es gebe vermeintlich genesene Patienten, die erneut positiv auf das Virus getestet worden seien. Bei einigen hätten sich auch Monate nach der überstandenen Erkrankung keine Abwehrkörper im Blut gebildet. Bei anderen sei die Anzahl an Antikörpern mit der Zeit gesunken. Eine lange Wirksamkeit einer möglichen Impfung stelle das infrage, sagt Mühlbauer.

Der „allgegenwärtige Optimismus“ sei zwar gerechtfertigt, aber es seien noch Fragen offen. Man könne nicht sagen, wann ein auf Dauer wirksamer Vakzin gefunden sei. „Die derzeit ansteigenden Infektionszahlen sollten eine Warnung sein“, sagt Mühlbauer, „das Virus ist noch da, und man sollte nicht glauben, dass sich die Pandemie im Fall der Zulassung eines Impfstoffes sofort erledigt hätte“.

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