Corona-Pandemie Verlegung von Intensivpatienten: So funktioniert das Kleeblatt-Prinzip

Die Lage auf den Intensivstationen in Deutschland spitzt sich zu. Corona-Patienten aus Bayern, Thüringen und Sachsen wurden nach dem Kleeblatt-Prinzip in andere Bundesländer verlegt. Wie das funktioniert.
29.11.2021, 12:00
Lesedauer: 4 Min
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Von dpa
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Die Krankenhäuser im Osten und Süden Deutschlands sind bei der vierten Corona-Welle an ihre Grenzen gekommen. Knapp 50 Intensivpatienten aus Bayern, Thüringen und Sachsen mussten bereits in andere Bundesländer gebracht werden. Verteilt werden die Patienten nach dem sogenannten Kleeblatt-System. Doch was ist das eigentlich – und was bedeutet es für Patienten?

Wie funktioniert das Kleeblatt-System?

Das System wurde vor dem Hintergrund der ersten Corona-Welle 2020 eingeführt. Die Idee: Um Überforderungen bei einzelnen Krankenhäusern zu vermeiden, sollen innerhalb eines Kleeblatts, dem meist noch Nachbarbundesländer angehören, unkompliziert Patienten-Verlegungen möglich sein. Nach Angaben der Intensivmedizinervereinigung Divi passiert das schon seit Anfang Oktober in großer Zahl. Ist das innerhalb eines Kleeblatts nicht mehr möglich, sollen bundesweite Verlegungen möglich sein. Dafür muss das System politisch „aktiviert“ werden. Dann wird zwischen Bund, Ländern und Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) koordiniert, welches Bundesland noch Kapazitäten hat, in welches Krankenhaus die Patienten bestenfalls sollen und welche Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Von wo nach wo wird nun verlegt?

Aktiviert wurde das System durch das besonders von Corona betroffene Bayern, sowie durch Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Berlin. Bayern bildet das Kleeblatt Süd, die anderen Länder bilden gemeinsam mit Sachsen-Anhalt das Kleeblatt Ost. Von dort werden die Patienten bundesweit verlegt – vornehmlich in Regionen, die weniger stark von der Corona-Pandemie betroffen sind.

Auch Bremen hat inzwischen schwer erkrankte Corona-Patienten aus Sachsen aufgenommen. In der Nacht zu Sonntag wurden sie laut Gesundheitsressort per Flugzeug von Dresden nach Bremen gebracht. „Anschließend wurden die beiden per Intensivtransport nach Bremerhaven gebracht und werden jetzt in den Kliniken Reinkenheide und am Bürgerpark behandelt“, hieß es in der Mitteilung. Demnach wurden für Sonntag zwei weitere Intensivpatienten erwartet, die im St. Josef Stift und im Klinikum Bremen-Ost aufgenommen werden sollen. Insgesamt habe das Land Bremen aktuell fünf freie Intensivplätze zur überregionalen Verlegung gemeldet.

Niedersachsen hat seit Donnerstagabend mehrere Intensivpatienten mit Covid-19 aus anderen Bundesländern aufgenommen. Bislang waren Transporte aus Thüringen und Sachsen geplant. Niedersachsen und Bremen bilden gemeinsam mit Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern das Kleeblatt Nord.

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Wieso wurde die Aktivierung nötig?

In den betroffenen Kleeblättern sind die Intensivstationen in den vergangenen Wochen vollgelaufen. Laut Divi sind in Bayern, Sachsen und Thüringen je rund ein Drittel der Betten mit Covid-19-Patienten belegt. „Es ist jetzt wirklich Alarmstufe Rot“, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt, an das die Koordination des Kleeblatts Ost angedockt ist. Zwar seien in einigen Kreisen noch Intensivbetten frei hieß es aus Thüringen – diese müssten aber auch frei gehalten werden, um weiter Unfallpatienten versorgen zu können.

Wer ist von Verlegungen betroffen? 

Von den ersten rund 80 geplanten Verlegungen entfällt der Großteil auf Covid-19-Patienten, wie der Vorsitzende des Arbeitskreises der Innenministerkonferenz für Feuerwehrangelegenheiten, Rettungswesen, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung, Hermann Schröder, mitteilte. Nur in Ausnahmefällen könnten Patienten mit anderen Erkrankungen verlegt werden. Generell sieht das Kleeblatt-Konzept laut einem Kriterienkatalog der Divi nur die Verlegung von Covid-Patienten vor. Sie sollen auch in einem stabilen Zustand sein und nicht bereits länger an einer künstlichen Lunge liegen. Etwa schwer Erkrankte, die in Bauchlage beatmet würden, seien nicht transportfähig, sagte die Leiterin der Krankenhauskoordinierung in München, Viktoria Bogner-Flatz.

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Wie läuft der Transport ab? 

Angesichts der weiten Strecke sind beispielsweise Thüringer Patienten mit dem Helikopter transportiert worden. Seit Freitag beteiligt sich zudem die Luftwaffe am Transport von Patienten und hält dafür zwei Flugzeuge bereit: einen Airbus A310 MedEvac – eine „fliegende Intensivstation“ mit sechs Behandlungsplätzen – sowie das Überwachungsflugzeug A319OH. In Letzteres waren zwei Plätze zur Intensivbehandlung eingebaut worden. In Wunstorf (Niedersachsen) ist zudem noch ein A400M MedEvac stationiert.

Aber nicht immer werde über den Luftweg verlegt, teilte eine Sprecherin des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit. Bei schlechtem Wetter könne auch ein Transport auf dem Land sinnvoll sein. Dafür gibt es speziell ausgestattete Intensivtransportwagen, die in der Regel nicht weiter aufgerüstet werden müssen. Werden irgendwo zusätzliche Transportkapazitäten benötigt, können die Länder das über das Gemeinsame Melde- und Lagezentrums von Bund und Ländern (GMLZ) abfragen.

Wie ist die Lage in den besonders betroffenen Regionen?

Mediziner und für die Verlegung Verantwortliche zeichnen ein alarmierendes Bild. „Manchmal haben wir in München nicht ein einziges Intensivbett frei. Wir telefonieren stundenlang, um Patienten unterzubringen, die eventuell noch im Schockraum liegen“, sagte Bogner-Flatz. Patienten würden früher als sonst von Intensiv- auf Normalstation verlegt und von dort früher nach Hause entlassen – mit allen damit verbundenen Risiken. „Wir haben aufgrund der Notlage Behandlungsstandards aufgeweicht und verlassen müssen – weil wir für manches die Ressourcen, die wir bräuchten, nicht bereitstellen können“, sagte Bogner-Flatz. „So eine Verlegung macht man nicht gerne als Intensivmediziner. Aber es ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir das tun müssen – weil es noch schlimmer kommt.“

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