Angehörige erzählt vom Dammbruch

„Ich sehe jeden Tag, wie meine Eltern weinen“

Vor gut einem Jahr verlor Amanda da Silva Andrade ihre Schwester Natalia beim Bruch eines Staudammes. Im Interview erzählt sie davon und warum sie für eine Verurteilung deutscher TÜV-Süd-Mitarbeiter kämpft.
06.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Simon Wilke
„Ich sehe jeden Tag, wie meine Eltern weinen“

Amanda da Silva Andrade verlor ihr Schwester bei dem Bruch eines Dammes im brasilianischen Brumadhino.

Angélica Amanda Andrade

Frau da Silva Andrade, findet man in Brumadinho noch heute Spuren des Dammbruchs?

Amanda da Silva Andrade: Die Tragödie passierte am Stadtrand, aber noch heute sieht man das Ausmaß der Zerstörung dort, wo die Schlammlawine entlang lief. Die Häuser, die mitgerissen wurden, wurden nicht wieder aufgebaut. Wer in ihnen wohnte und überlebt hat, musste umziehen. Man kann mitten in der Stadt noch immer die zentimeterdicken Ablagerungen der Schwermetalle am Flussufer des Paraopeba (Fluss, der durch Brumadinho fließt, Anm. d. Red.) sehen, die die Schlammlawine mit sich gebracht hat.

Wo waren Sie, als der Damm brach?

Am anderen Ende der Welt, in Kuwait. Ich arbeitete dort als Englischlehrerin. Ich bekam Nachrichten auf mein Handy und als ich den Fernseher anmachte, sah ich die Bilder vom Unglück. Ich rief sofort meine Familie an.

Was konnte die Ihnen so kurz nach dem Bruch berichten?

Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sie war in der Stadtmitte, als es passierte. Plötzlich war sehr viel Polizei unterwegs und evakuierte den Stadtkern. Es herrschte große Hektik, ein bisschen Panik, aber niemand wusste, was wirklich passiert war. Man hatte das Unglück nicht hören können.

War Ihnen direkt klar, was für ein Ausmaß das Ganze hatte?

Ich habe die Fernsehbilder gesehen und fühlte mich an das Unglück von Mariana erinnert, wo 2015 schon einmal etwas Ähnliches passiert war. Deshalb machte ich mir natürlich Sorgen.

Hatten Sie denn damit gerechnet, dass Ihre Schwester auch unter den Opfern sein könnte?

Natalia hatte Verwaltung und Management studiert und war seit zehn Jahren als Analystin bei Vale (Bergbauunternehmen, das den Staudamm betrieb, Anm. d. Red.). Sie arbeitete zwar vor Ort, aber wir hatten zunächst die Nachricht erhalten, dass sie nicht unter den Opfern war. Ich war eigentlich beruhigt.

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Diese Nachricht war falsch...

Falschinformationen waren weit verbreitet, die Meisten wussten gar nichts. Meine Familie hat dann die Busse empfangen, mit denen die Geretteten in die Stadt transportiert wurden. Doch Natalia kam nicht. Also haben sie die Krankenhäuser abgesucht – drei Tage lang. Aber man muss sich vorstellen: Sehr viele Familien haben damals ihre Angehörigen gesucht. Es herrschte Chaos.

Gab es denn irgendetwas, das Sie wussten?

Unmittelbar vor dem Unglück hatte Natalia meine Mutter angerufen. Sie telefonierten und dann ist sie in die Cafeteria gegangen. Ein Kollege von ihr, der überlebt hat, sagte uns, dass er Natalia kurz vor dem Unglück noch dort getroffen hatte. Die Cafeteria war danach von der Schlammlawine mitgerissen worden. Da ahnten wir, dass sie es wohl nicht geschafft hatte. Wir hatten ja auch nichts von ihr gehört.

Wann waren Sie endgültig sicher, dass Ihre Schwester gestorben war?

Nach sieben Tagen. Da bekamen wir die Nachricht, dass sie gefunden und identifiziert worden war.

Sie hatten sich bis dahin nicht sicher sein können, dass Ihre Schwester auch unter den Opfern war. Was fühlten Sie in dem Moment?

Unsere Familie stand sich immer schon sehr nahe und wir waren alle sehr stolz auf Natalia gewesen, aber trotzdem waren wir froh, als wir endlich Gewissheit hatten.

Konnten Sie sie beerdigen?

Sie wurde beerdigt, aber die Umstände waren unvorstellbar. Weil es so viele Opfer gab, wurden an den Friedhöfen der Stadt Schlangen gebildet. Jede Beerdigung durfte nur 15 Minuten dauern, dann kam die nächste. Es war wie im Krieg. Doch ich war selbst nicht dabei, weil ich nicht aus Kuwait weg konnte.

Sie konnten nicht an der Beerdigung Ihrer Schwester teilnehmen?

Ich hatte erst zwei Wochen zuvor meine neue Stelle angetreten. Als wir Natalia beerdigten, war ich per Videochat zugeschaltet. Und auch den Kontakt zu meiner Familie hielt ich vor allem auf diese Weise.

Wie gingen Sie mit dieser Situation um?

Es war sehr hart. Ich hatte kein soziales Netz, was mich hätte auffangen können. Ich wurde eine Woche von der Arbeit freigestellt, konnte aber nicht aufstehen und habe ununterbrochen geweint. Als ich wieder zur Arbeit musste, bekam ich Fieber und hatte Zusammenbrüche. In den Schulferien flog ich nach Brasilien. Ich hatte starke Depressionen entwickelt und begann dort eine Therapie. Ich konnte nicht mehr schlafen, habe Schlaftabletten und Antidepressiva verschrieben bekommen.

Sie sind also in Brasilien geblieben?

Nein, ich musste wieder zurück nach Kuwait. Aber im Oktober war klar, dass ich es nicht schaffe. Ich reiste zur Einreichung der Anzeige gegen den TÜV Süd nach München und kehrte im Anschluss zurück nach Brasilien.

Wie war es zu dieser Anzeige gekommen?

Bei einer öffentlichen Anhörung, in der es um Vale ging, hatte eine Anwältin über die Rolle des TÜV Süd gesprochen. Ich merkte, dass es Menschen gibt, die sich um Aufklärung bemühen und wollte, dass die Menschen, die den Damm als sicher zertifiziert hatten, zur Verantwortung gezogen werden. Es ist wichtig, dass auch in Deutschland verhandelt wird, weil ich glaube, dass ich mich auf das Rechtssystem verlassen kann.

In Brasilien wurden TÜV-Süd-Mitarbeiter angeklagt. Haben Sie Angst, dass das Verfahren dort verschleppt wird?

Ja. Wer viel Geld hat, hat in Brasilien auch viel Macht. Und wer Macht hat, manipuliert und beeinflusst. Auch innerhalb der Justiz gibt es Korruption, sodass Prozesse nicht immer rechtsstaatlich ablaufen. Und bisher wurden die Verantwortlichen nicht verurteilt.

Was erhoffen Sie sich denn von einer Verhandlung in Deutschland?

Mir ist wichtig, dass in Deutschland Gerechtigkeit geübt wird, denn so ein Verbrechen soll nie wieder passieren. Mir ist klar, dass weiterhin Erz abgebaut werden wird, aber Menschenleben sollten immer vor dem Profit stehen. Es kann nicht sein, dass in einigen Ländern Arbeitsstandards eingehalten werden und in anderen nicht. Jedes Leben ist wichtig.

Zum Abschluss: Wie geht es Ihnen heute?

Ich kämpfe täglich. Ich habe meinen Job gekündigt, auch meine Mutter arbeitet nicht mehr. Wir sind weniger fröhlich, haben weniger Kraft. Und das gilt nicht nur für uns: Die Selbstmordrate in ganz Brumadinho ist gestiegen. Es geht zwar irgendwie weiter, aber nichts ist mehr wie früher. Und das Schwierigste ist: Ich sehe jeden Tag, wie meine Eltern weinen.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

Info

Zur Person

Amanda da Silva Andrade (25) verlor ihre Schwester Natalia bei dem Bruch des Staudammes einer Eisenerzmine im brasilianischen Brumadinho. Sie ist eine von fünf Anzeigenerstatterinnen gegen den deutschen TÜV Süd. Sie werfen dem Unternehmen vor, trotzt Bedenken ein Sicherheitszertifikat, das den Weiterbetrieb des Dammes erlaubte, ausgestellt zu haben.

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