Interview über politischen Kitsch „Das Denken ist kitschig geworden“

Der Journalist und Autor Alexander Grau hat ein Buch über „politischen Kitsch“ geschrieben. Was das ist und welche Folgen diese Form des Kitschs hat, erläutert er im Interview.
14.10.2019, 22:10
Lesedauer: 4 Min
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„Das Denken ist kitschig geworden“
Von Silke Hellwig

Herr Grau, was ist das eigentlich: politischer Kitsch?

Politischer Kitsch ist eine überzogene, penetrante und gefühlige Art, politische Inhalte zu kommunizieren. Dazu gehören sentimentale Worthülsen, süßliche Metaphern, betroffenheitsschwangere Rhetorik, aber auch Inszenierungen im öffentlichen Raum: Mahnwachen, Lichterketten, Schweigemärsche und Ähnliches. Allerdings ist politischer Kitsch kein neues Phänomen. Er scheint mir ein typisches Zeichen der Moderne zu sein. In der Französischen Revolution feierte sich der Staat erstmals mit allen Mitteln kitschiger Selbstinszenierung, Blumenmädchen inklusive. Ganz massiv erlebte man solchen Kitsch in den Politinszenierungen der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts mit Massenaufmärschen, Fahnen, Fackelzügen und dergleichen. Hier ging es vor allem darum, eine Brücke zwischen Realität und ideologischer Utopie zu schlagen.

Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass wir im Zeitalter des absoluten Kitschs leben. Mögen Sie das erläutern?

Traditioneller politischer Kitsch – auch der eben angesprochene totalitäre politische Kitsch – wollte die Kluft zwischen Realität und ideologischem Ideal überbrücken. Im absoluten Kitsch jedoch ist das Denken selbst kitschig geworden. Es gibt keine Kluft mehr. Die Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird einfach aufgehoben. Die Welt und ihre Probleme werden in Schwarz und Weiß eingeteilt, ihre Komplexität wird negiert. Man ergötzt sich an einer einseitigen Sicht auf die Dinge, bedient sich einer überdrehten Empörungsrhetorik und beinahe aggressiver Rührseligkeit.

Da zeige der Kitsch, schreiben Sie, „seine hässliche Fratze“ …

Ja, denn die eigenen Gefühle, das eigene Empfinden werden absolut gesetzt. Für Zwischentöne ist kein Platz. Es geht nicht darum, zu differenzieren, Argumente auszutauschen oder in eine Debatte einzutreten, denn das kitschige Weltbild wird von Emotionen getragen, nicht von Fakten. Wer nicht dafür ist, ist dagegen, wer nicht Freund, ist Feind. Das ist für jeden Diskurs tödlich und steht der Lösung komplexer Probleme im Wege. Kitschiges Denken führt zu einer dysfunktionalen Gesellschaft und gefährdet die Demokratie. Kitsch ist im Kern autoritär.

Man könnte meinen, die Fridays-for-Future-­Bewegung war Anlass für Ihr Buch.

Es liest sich so, das hat mich selbst überrascht. Aber als ich es schrieb, war die Bewegung in der Öffentlichkeit noch unbekannt. Doch Sie haben recht: In ihrer naiven Radikalität, ihrer vereinfachten Weltsicht, ihrer Weigerung, Komplexität wahrzunehmen, ist diese Bewegung ein brachialer Ausdruck intellektuellen Kitsches. Die pathetischen, überzogenen und hoch emotionalen Äußerungen Greta Thunbergs während der Klimakonferenz werden der Situation nicht gerecht, und darin liegt eine Gefahr.

Wenn Greta Thunberg der Prototyp politischen Kitschs ist, ist Angela Merkel der Antityp, oder?

Sie ist die unkitschige Person schlechthin. Sie gibt sich stets äußerst nüchtern und pragmatisch. Sie ist weitgehend emotionslos und extrem diszipliniert. Das ist auch bundesrepublikanische Tradition. Denn auf das sehr kitschige Kaiserreich, die emotional aufgeladene Weimarer Republik und den totalitären Kitsch des Dritten Reiches folgte die Bonner Republik, die sich in ihrer ästhetischen Selbstdarstellung extrem nüchtern gab. Das wurde, im Vergleich etwa zum Staatspathos der USA oder Frankreichs, manchmal durchaus als Mangel wahrgenommen. In Deutschland hingegen hat sich die kitschige Polit-Kommunikation vor allem aus dem nicht-professionellen Bereich entwickelt, von Kirchentagen, Demonstrationen und aus NGOs. Das ändert sich aber langsam, der Kitsch dringt in die Politik vor.

Aber was ist mit Merkels Satz „Wir schaffen das“? War das nicht purer Kitsch?

Der Satz ist umstritten, er mag voreilig, falsch oder leichtsinnig gewesen sein. Aber für kitschig halte ich ihn nicht. Es kommt auf den Kontext auf.

Aber damit hat Angela Merkel doch nur an die Gefühle der Bürger appelliert, ohne ihre Zuversicht mit Fakten zu untermauern.

Nicht jeder Appell an Gefühle ist automatisch kitschig, es kommt auf die Art an, auf die Sprache, die Bilder und die Absichten. Angela Merkel ging es damals nicht darum, Emotionen zu schüren, sondern genau um das Gegenteil. Sie hat sich bemüht, die Menschen zu beruhigen. Das ist das Gegenteil von dem, was die Fridays-for-Future-Bewegung bezweckt.

Sie stellen auch fest, dass sich aus kitschigem Denken Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat entwickeln. Bürger erwarteten nicht mehr nur, dass der Staat dafür sorgt, dass es ihnen gut geht, sondern sie machen ihn auch dafür verantwortlich, dass sie sich gut fühlen.

Genau das ist das Problem. Der Sozialstaat wird mit mehr und mehr Ansprüchen konfrontiert. Ging es früher schlicht um grundlegende Existenzsicherung, so scheint der Staat mittlerweile für ein mehr oder minder gelungenes Leben verantwortlich zu sein und als Rückversicherung im Falle des Scheiterns. Das ist schlicht infantil. Es gibt keinen Rechtsanspruch auf ein gelungenes Leben.

Sie definieren politischen Kitsch als ein „Produkt des prosperierenden Massenwohlstands“. Daraus schöpfen Sie Hoffnung. Inwiefern?

Kitschiges Bewusstsein und kitschiges Denken, also die Verweigerung der Realität und das sich Hineinfantasieren in eine Idealwelt, setzen einen gewissen Wohlstand voraus. Es mag zynisch sein, aber sobald wir uns als Gesellschaft wieder existenzielleren Fragen zuwenden müssen, wird der politische Kitsch nachlassen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Alexander Grau

ist Journalist und Buchautor. Er studierte Philosophie, Sprachwissenschaften und Neuere Geschichte in Berlin. Just erschienen ist sein Buch „Politischer Kitsch – eine deutsche Spezialität“.

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