Laye Condé Debatte ums Denkmal

Vor zehn Jahren wurde Laye Condé Opfer von Polizeigewalt. Er stand aber auch im Verdacht, mit Drogen gehandelt zu haben. SPD und Grüne streiten nun um das öffentliche Gedenken an den Mann.
01.02.2015, 00:00
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Debatte ums Denkmal
Von Jürgen Hinrichs

Öffentliches Gedenken – wie kann das gehen, wenn der Mann, um den es sich handelt, zwar Opfer von Polizeigewalt wurde, aber auch im Verdacht stand, mit Drogen gehandelt zu haben? Das ist die Ausgangslage im Fall von Laye Condé, der vor zehn Jahren in der Obhut des Staates einen elenden Tod fand. Nun soll es einen Ort geben, der an dieses Schicksal erinnert. Die Grünen sind dafür, die SPD ist strikt dagegen.

Vier Stühle, einer ist umgekippt, er liegt auf dem Boden und soll ein Symbol dafür sein, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber was? Die Skulptur ist einfach, plump ist sie nicht, weshalb eine Gedenktafel dazu gehört, die ihren Sinn, ihre Absicht entschlüsselt: Die Erinnerung an Laye Condé, der vor zehn Jahren in Bremen Opfer von Polizeigewalt wurde und mit 35 Jahren an den Folgen eines Brechmitteleinsatzes starb. Eine Initiative kümmert sich hartnäckig darum, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät. Sie verzweifelt schier darüber, dass damals niemand die politische Verantwortung übernommen hat und schlägt nun den Bau eines Gedenkortes vor, den es bisher nur im Entwurf gibt.

Condé, gebürtig aus Sierra Leone, war von der Polizei festgenommen worden, weil er mit Drogen gehandelt haben soll. Er wurde mit Brechreizmittel vollgepumpt, so lange, bis er nicht mehr ansprechbar war. Condé starb Tage später im Koma.

So weit der Hergang. Das Landgericht verhandelte gegen einen Mediziner, der Condé das Brechmittel eingeflößt hatte. Es war ein Fiasko für die Richter, eine Blamage. Zweimal wurden ihre Freisprüche vom Bundesgerichtshof kassiert, zweimal mit scharfen Rügen wegen krasser Rechtsfehler. Das dritte Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt – ein unbefriedigender, aber nach der langen Zeit möglicherweise unvermeidlicher Ausgang. Wer Schuld hatte am Tode von Condé, wurde letztlich nie geklärt.

Er war nicht der Einzige, der sich bei der Bremer Polizei einer solchen Behandlung unterwerfen musste. Danach gab es solche Fälle nicht mehr. Der Einsatz von Brechmitteln, vom damaligen Bürgermeister Henning Scherf (SPD) noch als „dringend benötigtes Beweismittelverfahren“ bezeichnet, gilt nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes heute als Folter.

Geteilt wird diese Einschätzung der Richter heute zum Beispiel von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Polizeipräsident Lutz Müller. Beide haben sich mittlerweile bei der Familie von Condé entschuldigt. Müller hat darüber hinaus eine Dokumentation zu dem Fall herausgegeben, sie soll bei der Aus- und Fortbildung von Polizisten verwendet werden, um den Punkt zu setzen, wo staatliche Gewalt ihre Grenzen finden muss.

Vieles wurde also getan, um das Schicksal von Condé und anderer Opfer von unzulässiger Polizeigewalt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dass es nun trotzdem auch noch einen Gedenkort geben soll, nicht irgendwo, sondern in den denkmalgeschützten Wallanlagen mit der Kunsthalle vis-à-vis – für die SPD ist das der eine Schritt zu viel.

„Das kann ja wohl nicht angehen“, sagt Klaus Möhle, Sprecher für Soziales in der SPD-Fraktion. Condé sei schließlich ein Drogendealer gewesen, „da ist es für mich nicht nachvollziehbar, ihm ein Denkmal zu setzen“. Der Vorschlag weise in eine völlig falsche Richtung, die SPD werde ihn deshalb ablehnen.

Anders die Grünen. „Ich halte so ein Denkmal nach wie vor für richtig und bin auch mit dem Standort einverstanden“, sagt Grünen-Fraktionschef Matthias Güldner. Die Argumente des Koalitionspartners SPD könne er zwar nachvollziehen, aber es gehe bei dem Projekt ja nicht allein um die Person von Condé, sondern um den Vorgang als solchen, dass nämlich jemand in der Obhut des Staates zu Tode gebracht wurde.

Die Condé-Initiative sagt es genauso. „Hier soll doch keine Lebensleistung gewürdigt werden“, betont Initiativen-Sprecher Volker Mörchen, „wir kannten Herrn Condé gar nicht.“ Von einem Denkmal auszugehen sei ein „kapitales Missverständnis“. Es solle ein Gedenkort für die Opfer von Foltermethoden werden, festgemacht an der Person Condé.

Über das Projekt entscheiden muss letztlich die Deputation für Kultur. Vorher befasst werden unter anderem der Landesdenkmalpfleger, der Beirat Mitte und der Landesbeirat für Kunst im öffentlichen Raum. Lauter Instanzen, die Gewähr dafür bieten, dass der Streit über den Gedenkort noch lange andauern wird.

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