Gastkommentar zur Dekolonialisierung

Dem Bremer Elefanten aufs Maul geschaut

Was ist los in Bremen, das sich heute als weltoffen und linksliberal versteht, aber eine umfassende Auseinandersetzung mit seinem kolonialen Erbe scheut, fragt unsere Gastautorin Cordula Weißköppel.
10.08.2019, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Cordula Weißköppel

Zum offiziellen Gedenktag für die Opfer des Genozids in „Deutsch Süd-West“ am Sonntag möchte ich Bremens bekanntestes Anti-Kolonialdenkmal sprechen lassen:

Seit 1932 stehe ich hinter Bremens Bahnhof. Am liebsten halten sich Obdachlose und Jugendliche bei mir auf, manchmal verirren sich auch interessierte Touristen zu mir. Wie ich nach Bremen gelangt bin? Fragt die Politiker der frühen 1930er Jahre: Damals war eine erneute Verherrlichung des Kolonialismus populär, nachdem die deutschen „Schutztruppen in Übersee“ im Zuge des 1. Weltkriegs ihre Niederlage in Auseinandersetzung mit einheimischen Bevölkerungen und anderen Kolonialmächten hinnehmen mussten.

In der Kolonie „Südwestafrika“ wehrten sich Nama und Herero gegen Landnahme und Ausbeutung durch deutsche Händler und Soldaten. 1904 erließ der deutsche General von Trotha daraufhin Schießbefehl gegen widerständige Hereros, deren Zivilbevölkerung aus den gewohnten Territorien in die Omaheke-Wüste getrieben wurde, wo zig Tausende verdursteten. Historiker streiten heute darüber, ob die insgesamt ca. 70.000 Getöteten einem „Kolonialkrieg“ oder einem „Genozid“ zum Opfer fielen.

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Erst 2009 gelang es engagierten Bremern und einzelnen Nachfahren der Opfer, einen eigenen Gedenkort zu schaffen, ganz in meiner Nähe: Ein Haufen Steine aus jener Omaheke-Wüste in Namibia wurde eingeflogen, ein Rondell daraus gebaut, eine Texttafel in deutscher Sprache installiert. Wer das Kleingedruckte nicht lesen kann, stolpert drüber, da diese Findlingslandschaft – eigentlich zum Innehalten, zum Trauern und Eingestehen von Schuld konzipiert – oft von Quecken überwuchert ist.

Was ist hier los in Bremen, das sich heute als weltoffen und linksliberal versteht, aber eine umfassende Auseinandersetzung mit seinem kolonialen Erbe scheut? Wer übernimmt hier angemessene Fürsorge und nachhaltige Verantwortung? Wo verstecken sich die betuchten Mäzene? Und wer vermittelt den Nachgeborenen, wofür die roten Gesteinsbrocken zu meinen Füßen und die noch röteren Klinker meines gigantischen Körpers stehen? Wer erzählt endlich in allen Details die Gewaltgeschichten, die im Kolonialismus ihren Anfang nahmen, in Faschismen der europäischen Moderne ihre Fortsetzung fanden und im globalen Kapitalismus dafür sorgen, dass strukturelle Ungleichheiten zwischen „armem Süden“ und „reichem Norden“ bestehen bleiben? Ich werde weiter unbequeme Fragen stellen, bis der deutsche Kolonialismus ausführlich in Bremer Schulbüchern behandelt wird.

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Zur Person

Unsere Gastautorin ist wissenschaftliche ­Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen.

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