70 Jahre Kriegsende in Bremen Der Onkel als Retter

Es geschah in einer der Bombennächte. Mein Vater war noch im Krieg. Meine Mutter wohnte mit mir in der Osterstraße.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 1 Min
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Von Karl-Heinz Kern

Es geschah in einer der Bombennächte. Mein Vater war noch im Krieg. Meine Mutter wohnte mit mir in der Osterstraße. Als die Bomben auf uns niederprasselten, hatte sie mit mir und fünf anderen Bewohnern rechtzeitig im Keller unseres Hauses Schutz gesucht.

Die Bomben ließen nichts von den Häusern stehen. In unserem Keller überlebten alle. Wir waren verschüttet, aber unverletzt, wie durch ein Wunder. Doch das große Aufatmen nach dem furchtbaren Schrecken dauerte nur Minuten. Unmittelbar nach den Zerstörungen kam die zweite Angriffswelle. Jetzt trafen Brandbomben die Ruinen und Schuttberge direkt über uns.

Danach gab es Fliegerentwarnung. Aber es drohte die nächste Gefahr. Löschzüge rückten an, um das Übergreifen der Brände zu verhindern. Die Löschwassermengen sammelten sich am tiefstgelegenen Punkt, und das waren die Keller. Alle fürchteten, im steigenden Wasser hilflos zu ertrinken. Doch der Pegel blieb dann plötzlich stehen. Die Erwachsenen standen inzwischen fast bis zum Bauch im kalten Wasser. Von oben her regte sich nichts. 24 Stunden vergingen so. 24 Stunden voll quälender Angst.

Oben waren inzwischen längst Suchtrupps damit beschäftigt, Überlebende aus den Kellern zu retten. Aber die Einsätze waren vergeblich. Es wurden nur Leichen geborgen. Resigniert wollte man nach den missglückten Versuchen schließlich aufgeben. Das hätte für uns endgültig den Tod bedeutet. Doch es kam anders.

Mein Onkel, August Kern, war längst zu den Suchtrupps gestoßen. Er war mit dem Einstellen der Sucharbeiten ganz und gar nicht einverstanden. „An dieser Stelle ungefähr müssen wir unbedingt weiter suchen. Hier haben meine Schwägerin mit ihrem kleinen Sohn gewohnt. Die leben noch. Ich weiß es, die leben noch!“ Mehrere Männer ließen sich zur Weitersuche überreden. Sie gruben tiefer und tiefer. Plötzlich hörten mein Onkel und die Helfer Klopfzeichen. Mein Onkel schrie: „Ich wusste es, ich habe es gewusst, die leben noch!“ Fieberhaft grub man weiter. Dann konnte man ein kleines Loch in die Kellerdecke schlagen. Der Staub war noch nicht gewichen, da wurde ein kleiner Junge, das war ich, von unten durch das enge Loch gezwängt. Die Mutter kam nach, und alle weinten.

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