Silke Hellwig über Fluchtwellen Der Rückblick hilft nicht in der Gegenwart

Zweifellos gibt es Parallelen zwischen Flüchtlingen von gestern, heute und vermutlich auch von morgen. Flucht hängt meistens mit Vertreibung zusammen, welcher Natur auch immer, also mit Angst und Schrecken.
22.10.2015, 07:17
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Der Rückblick hilft nicht in der Gegenwart
Von Silke Hellwig

Zweifellos gibt es Parallelen zwischen Flüchtlingen von gestern, heute und vermutlich auch von morgen. Flucht hängt meistens mit Vertreibung zusammen, welcher Natur auch immer, also mit Angst und Schrecken.

Flucht ist alles andere als ein organisierter Umzug, sondern der Aufbruch in ein fragliches Schicksal. Dahin, wo man freundlich aufgenommen wird oder auch nicht, wo die Sorgen enden oder von neuen abgelöst werden. Wer flieht, gibt seine Heimat auf, gewohntes Terrain, auf dem er sich auskennt, meist aus Verzweiflung.

Hoffnung und Unsicherheit einen die Menschen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Deutschland irrten, mit denen, die derzeit ihrer Länder verlassen, um unter anderem in Deutschland Frieden zu finden oder eine bessere Zukunft. Dass eine Flucht kein Abenteuertrip ist, sondern ein Schreckenserlebnis, darin erinnern sich jene nur allzu gut, die selbst oder deren Familien vor 70 Jahren aufbrachen – mit demselben Ziel der Flüchtlinge heute, ein Land mit Namen Ungewiss.

Erinnerung aus pädagogischen Gründen

Derzeit wird oft und ausführlich an deutsche Vertriebene und Flüchtlinge erinnert, meist aus pädagogischen Gründen. Zum einen, um Verantwortungsgefühl zu wecken: Eine Nation, die vor 70 Jahren für eine Massenflucht sondergleichen sorgte, die darüber hinaus Millionen von Menschen verschleppte, quälte, ermordete und aus ihren Familien und Existenzen riss – hat diese eine Nation nicht bis ans Ende aller Tage eine besondere Verpflichtung Flüchtlingen gegenüber? Und zum anderen, um Zuversicht zu vermitteln: Wenn dieses vom Krieg erschöpfte, verbitterte, besiegte Land zwölf Millionen Flüchtlinge erst auf-, dann nach und nach annehmen konnte, warum sollte es jetzt nicht gelingen, bei einigen Hunderttausend?

„Böhmen, Pommern, Syrien“ titelte die „Zeit“ und erinnerte daran, wie Flüchtlinge maßgeblich zum Wiederaufbau Deutschlands beigetragen haben. Sie seien „Motoren einer ungeahnten Modernisierung“ gewesen, hätten „verkrustete Strukturen aufgebrochen“ und seien von dem Willen beseelt gewesen, sich eine Existenz aufzubauen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sicher, alles richtig, aber kann sich das heute wiederholen? Schwieriger ist es allemal: nicht nur wegen sprachlicher, kultureller, religiöser Unterschiede. Wer vor 70 Jahren vertrieben wurde, wusste spätestens mit dem Potsdamer Abkommen, dass er nie mehr würde nach Schlesien oder Pommern zurückkehren können. Die Asylsuchenden von heute sind, zumindest zunächst, Gäste, nicht Mitbürger. Ihr Status hierzulande ist von der Situation in ihrer Heimat abhängig. Sie finden Schutz, solange sie des Schutzes bedürfen. Sie werden sich in dieser Zeit kaum mit diesem Land identifizieren können, sondern mit ihrer alten Heimat, die sie unfreiwillig verlassen mussten. Zudem ist die Bundesrepublik Sehnsuchtsort sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge, die in ihrer Heimat keine Perspektive haben oder sehen. Können deren Erwartungen – so die Menschen hier bleiben – überhaupt erfüllt werden?

„Historische Analogie ist die letzte Zuflucht von Leuten, die eine gegenwärtige Situation nicht erfassen können.“ Diesen Satz lässt der US-amerikanische Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson einen seiner Protagonisten denken. In der Tat: In der Praxis hilft der Blick in die Vergangenheit kaum, die Gegenwart zu meistern. Wer einmal Schwierigkeiten überwunden hat, mag bei neuen optimistischer sein, aber nicht unbedingt erfolgreich. Lässt sich eine Fluchterfahrung über mehrere Generationen nachfühlen? Wohl kaum.

Wichtige Parallelen

Indes gibt es eine wichtige Parallele, die in der aktuellen Debatte oft untergeht: Als sich 1945 zwölf Millionen Menschen ein neues Zuhause suchen mussten, wusste jeder haargenau, wer für den Strom der Elenden verantwortlich war. Nicht wenige hatten noch wenige Wochen zuvor an den „Endsieg“ geglaubt. Den Flüchtlingsstrom von heute haben wir auch mitverursacht, zumindest mittelbar: Globalisierung heißt nicht etwa nur, neue Exportmärkte zu erobern und sich von einer schwedischen Modekette mit Kleidung aus Bangladesch versorgen zu lassen, sondern geht mit größerer Verantwortung einher. Es ist unmöglich (und herzlos), nur für Frieden und soziale Gerechtigkeit im eigenen Land zu sorgen. Es wäre naiv zu glauben, eine Insel der Seligen nach außen verteidigen zu können.

Die Verantwortung des Deutschlands von heute erwächst auch, aber nicht in erster Linie aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart, aus dem buchstäblichen Selbstbewusstsein einer wohlhabenden, friedlichen, krisenfesten, leistungsfähigen und demokratischen Nation. Davon gibt es bekanntlich nicht allzu viele. silke.hellwig@weser-kurier.de

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