Interview mit Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen zu Bremen-Nord "Der Stadtteil hat ein Arbeitsplatz-Defizit"

Bremen-Nord. Am Dienstag hat sich erstmals der Arbeitskreis Bremen-Nord getroffen. Bürgermeister Jens Böhrnsen spricht im Interview über die Probleme im Stadtteil und die Gefahr, dass sich der Arbeitskreis lediglich selbst auf die Schulter klopft.
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Von Michael Brandt

Bremen-Nord. Am Dienstag hat sich im Rathaus erstmals der Arbeitskreis Bremen-Nord getroffen. Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) hat Ortsamtsleiter, Wirtschaftsförderer, Planer und Politiker eingeladen, um mit ihnen die Situation des Stadtteils zu analysieren und Wege in eine bessere Zukunft aufzuzeigen. Mit Bürgermeister Böhrnsen sprach Michael Brandt über die Probleme im Stadtteil, die Investition von 44 Millionen Euro in den zurückliegenden Jahren und die Gefahr, dass sich die Mitglieder des Arbeitskreises lediglich selbst auf die Schulter klopfen.

Herr Böhrnsen, Arbeitskreise stehen nicht gerade in dem Ruf, eine schlagkräftige Einrichtung zu sein. Warum jetzt eine Gesprächsrunde für einen Stadtteil?

Jens Böhrnsen:Die Grünen konnten keine Begeisterung für die Idee entwickeln, in dieser Legislaturperiode einen Bremen-Nord-Beauftragten einzusetzen. Deshalb haben wir uns für dieses Instrument entschieden. Wir brauchen eine starke Schubkraft für eine Entwicklung in Bremen-Nord. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne die Notwendigkeit hervorgehoben, besondere Anstrengungen für die Region zu unternehmen. 2,5 Seiten sind für dieses Thema in der Koalitionsvereinbarung reserviert. Das ist beachtlich. Jetzt müssen wir Ideen entwickeln, wie es weitergeht.

Ist in Bremen-Nord wirklich alles so schlimm?

Man darf nicht vergessen: Es gab unbestritten eine positive Entwicklung in den vergangenen Jahren. Bremen-Nord ist ein attraktiver Ort zum Leben, Wohnen und Arbeiten. Und was ganz ausgeprägt ist: Die Region hat eine eigene Identität. Nach der schweren strukturellen Krise des Vulkan-Konkurses haben wir einige Dinge richtig gut vorangebracht. Zum Beispiel die Verkehrsinfrastruktur. Die A270 ist bis über Blumenthal hinaus verlängert worden und der Personenverkehr auf der Trasse der Farge-Vegesacker-Eisenbahn wurde reaktiviert. Oder die Gewerbeansiedlung. Heute arbeiten wieder mehr als 1300 Personen auf dem Vulkan-Gelände. Und die Jacobs Universität mit 1200 Studierenden entwickelt sich gut. Die Maritime Meile ist entwickelt und der Hafen ist umgebaut worden. Der Schiffbau ist voll ausgelastet.

Das klingt ein wenig danach, als wolle man sich in dem Arbeitskreis nur gegenseitig auf die Schulter klopfen?

Nein. Wir brauchen keinen Arbeitskreis, um über unsere Erfolge zu sprechen. Eines der Kernprobleme in Bremen-Nord ist die negative Bevölkerungsentwicklung. Während die Stadtbereiche Mitte, Süd und Ost zulegen, hat Bremen-Nord 2010 unter dem Strich 800 Personen verloren. Die Vermutung liegt nahe, dass das etwas mit der Arbeitsplatzssituation zu tun hat. Der Stadtteil hat ein Arbeitsplatz-Defizit.

Es fehlt augenscheinlich an einer Initialzündung. 44 Millionen Euro sind nach Bremen-Nord geflossen - trotzdem häufen sich die Probleme. Ist das Geld falsch investiert worden?

Keineswegs. Ich habe schon auf einige positive Entwicklungen hingewiesen. Einige Dinge sind noch in Arbeit. Am Sedanplatz entsteht gerade aus dem ehemaligen Kaufhaus Kramer das Stadthaus mit Behörden und einer Bowlingbahn. Wir investieren sechs Millionen Euro in die Sanierung des Bürgerhauses. Und der Science Park an der Jacobs Universität wird kontinuierlich weiterentwickelt.

In die Tourismus-Projekte an der Maritimen Meile - darunter das Schaufenster Bootsbau und das Spicarium - sind Millionen an öffentlichen Fördergeldern geflossen. Aber die Besucher bleiben aus. Waren das Investitionen am Bedarf vorbei?

Es gibt eindeutig Nachholbedarf bei der Vermarktung der maritimen Attraktionen. Aber klar ist: Vegesack hat mit seiner Lage am Wasser und seiner großen maritimen Historie touristisches Potenzial. Das zeigt auch eine aktuelle Image-Analyse der Uni Bremen.

Wie viele Arbeitsplätze sind in Bremen-Nord verloren gegangen?

In der Zeit von 1970 bis 2007 sind fast die Hälfte der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze verschwunden. Heute gibt es in Bremen-Nord noch rund 17.000 Beschäftige. Es leben dort aber 28.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die Quote von 169 Arbeitsplätzen je 1000 Einwohner ist zum Beispiel schlechter, als in Bremerhaven. Hier ist eine sehr genaue Analyse notwendig.

In welchen Gebieten kann sich Bremen-Nord noch entwickeln?

Das ehemalige Gelände der Bremer Woll-Kämmerei ist ideal dafür. Es ist ein Industrie-Standort mit Geschichte. Das müssen wir nutzen. Die Entwicklung der Gesundheitsbranche auf dem Friedehorst-Gelände und im Bereich des Klinikums ist wichtig. Und wir haben die bekannten Schwerpunkte im Yachtbau, in der Windkraft und in der Forschung und Wissenschaft. Politik muss die Rahmenbedingungen und die Infrastruktur dafür schaffen, dass diese Entwicklungen weitergehen.

Die Debatte über die Entwicklung macht sich häufig an der Fußgängerzone in Vegesack fest. Dort bestimmen Leerstände und die Probleme der Markthalle das Bild.

Das stimmt nur zum Teil noch, viele Leerstände werden wieder genutzt. Es stimmt aber, dass der Einzelhandel ein Seismograf für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Aber die Menschen vor Ort verweisen in Gesprächen eben nicht auf die Markthalle oder die Fußgängerzone, wenn wir nach Problemen fragen, sie verweisen auf die Arbeitsplatzssituation. Man muss aber einräumen, dass sich die Hoffnung bei der Ansiedlung des Einkaufszentrums Haven Höövt, eine Fußgängerzone mit zwei Polen zu schaffen, noch nicht verwirklicht hat.

Wann wollen Sie Ergebnisse präsentieren?

Der Arbeitskreis darf keine allgemeine Palaver-Runde sein. Wir haben in dieser Woche konkrete Aufträge formuliert, die jetzt abgearbeitet werden, um Grundlagen zu schaffen. Wir müssen zum Beispiel Klarheit darüber haben, warum die Bevölkerungszahl sinkt. Was sind die Gründe für die Menschen, Bremen-Nord zu verlassen? Was muss man tun, um diesen Rückgang zu beenden? Was können wir konkret für die Schaffung von Arbeitsplätzen tun? Wir setzen nicht auf ein Strohfeuer, sondern wir wollen nachhaltige Lösungen. Der Arbeitskreis soll über mehrere Jahre arbeiten, geplant sind drei bis vier Sitzungen pro Jahr.

Haben nicht die anderen Stadtteile ebenso ein Recht, dass ihre Probleme beachtet werden?

Gerecht ist das, was darauf schaut, wo besonderer Bedarf ist. Bremen muss ein Interesse daran haben, dass sich alle Teile der Stadt gleich gut entwickeln.

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