Beluga-Prozess Der tiefe Fall des Niels Stolberg

Es ist ein Stoff, aus dem Bücher gemacht sind: Der steile Aufstieg und jähe Absturz eines Unternehmers. Im Januar beginnt in Bremen der Prozess gegen Niels Stolberg, den einst so prominenten Beluga-Chef.
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Der tiefe Fall des Niels Stolberg
Von Jürgen Hinrichs

Niels Stolberg ist hellwach, seine Augen funkeln, er ist kampfbereit. Das war der Eindruck vor ein paar Tagen. Jetzt hat er erfahren, dass sein Prozess bald beginnt, im Januar schon, und er ist froh darüber: „Die Zeit des Wartens ist vorbei.“ Seit fast fünf Jahren wird gegen ihn ermittelt, die Staatsanwälte haben Anklage erhoben und mussten sich ebenfalls lange gedulden, bis das Gericht nach fast zwei Jahren gründlicher Prüfung endlich so weit war.

Seit Donnerstag steht fest, wann die Hauptverhandlung gegen Stolberg und drei weitere Verantwortliche der Beluga-Reederei beginnt. Es ist der 20. Januar, von diesem Tag an muss sich das Quartett vor der Großen Wirtschaftskammer des Landgerichts Bremen wegen Betrugs, Untreue und Kreditbetrugs verantworten. Der Strafrahmen liegt bei bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Stolberg sagt, dass er in den vergangenen Jahren durch die Hölle gegangen sei. Von einem Tag zum anderen das geliebte Unternehmen verloren, eine Reederei, die zuletzt mit 72 Schiffen gewirtschaftet hat und in der Schwerlastbranche eine der größten in der Welt war. Die Früchte von 15 Jahren Arbeit zunichtegemacht. Und schlimmer: Stolberg, dieser erfolgreiche Unternehmer und Mäzen, stand wegen der Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in der Öffentlichkeit plötzlich als Krimineller da. Die meisten seiner Freunde wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er geriet ins Abseits und hatte Mühe, so erzählt er das, trotzdem den Kopf hochzuhalten.

"Ich bin zuversichtlich"

Stolberg verlor sein gesamtes Vermögen, er musste Privatinsolvenz anmelden. Es war die Hölle, das sagt er noch mal, aber wenn man ihn trifft und ihn erlebt, ist ihm die Hölle so schlecht offenbar nicht bekommen. Der Mann sieht gut aus, braun gebrannt und erholt, er wirkt tatendurstig und tut ja auch schon wieder was. Das, was er kann, Geschäfte in seiner alten Branche, Beratertätigkeit. Er spricht von ersten Abschlüssen und will diesen Weg weitergehen: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich hier noch so einiges bewegen lässt.“

Doch zunächst einmal wird er sich jetzt um seinen Prozess kümmern müssen. Ein Mammutverfahren, für das 56 Verhandlungstage angesetzt sind. Es können auch mehr werden, viel mehr, das kann das Gericht nicht absehen. Mindestens wird aber wohl ein ganzes Jahr vergehen, bis die Urteile gesprochen sind.

Stolberg hat sich Topanwälte ins Boot geholt, die am Donnerstag Optimismus verbreiteten: „Wir sind zuversichtlich, dass sich die Vorwürfe der Anklage vom September 2014 vor Gericht als haltlos erweisen werden“, ließ die Kölner Kanzlei Feigen/Graf verbreiten. Doch wer am Ende recht behält, Anklage oder Verteidigung, können selbst gewiefte Juristen schwer abschätzen. Die Materie ist derart komplex und kompliziert, dass sich drei Richter der Großen Wirtschaftsstrafkammer fast zwei Jahre lang mit nichts anderem beschäftigen konnten. Sie sind mit Anklageschriften konfrontiert, die mehrere Hundert Seiten umfassen und haben selbst bis in die feinsten Verästelungen des Beluga-Imperiums recherchieren müssen, um den Gehalt der Anklagen zu überprüfen, um sie nun „in vollem Umfang“ zuzulassen, wie das Gericht mitteilt.

Stimmen die Vorwürfe, hat Stolberg Banken und Investoren jahrlang an der Nase herumgeführt. Er hat ihnen weisgemacht, dass seine Geschäfte prima laufen, und dass es lohnt, daran teilzuhaben. Die Bilanzen sind demnach aufgepumpt worden, ohne zuletzt noch viel realen Gehalt zu haben. So kam frisches Geld in den Kreislauf, das dringend benötigt wurde, um an der einen und der nächsten Stelle Löcher zu stopfen.

Ein Drama wie bei den Buddenbrooks

Beluga war in den Jahren bis zur Pleite im Jahr 2011 genauso von der Weltwirtschaftskrise betroffen wie die anderen Reedereien. Offiziell wurde aber abgewiegelt. Die Schwerguttransporte auf dem Meer seien ein Spezialgeschäft, und das laufe weiterhin gut, hieß es ein ums andere Mal aus der Firmenzentrale auf dem Teerhof. Stolberg war da längst auf seine Tricks verfallen, wenn die Staatsanwaltschaft mit ihren Anschuldigungen richtig liegt. Klären müssen das die Richter, auch ob der Reeder mit krimineller Energie handelte oder sich möglicherweise verheddert hat, als er retten wollte, was noch zu retten war. Das spräche ihn nicht frei von Schuld, sie würde nur nicht so schwer wiegen.

Stolberg äußert sich nicht zum Prozess und zu den Details der Vorwürfe. Nur dies: „Vieles wird sich im Zuge der Verhandlung relativieren, davon bin ich überzeugt.“ Doch selbst wenn es so sein sollte, sein Lebenswerk, zu dem auch viel soziales Engagement gehörte, ist perdu.

Es ist ein Stoff, aus dem Bücher gemacht sind: Der steile Aufstieg und jähe Absturz eines Unternehmers. Ein Drama wie bei den Buddenbrooks von Thomas Mann, nur dass diese Familie vier Generationen gebraucht hat, bis sie sich zugrunde gewirtschaftet hat. Bei Stolberg waren es nur 15 Jahre.

Eine Zeit, in der er es in Bremen zunächst schwer hatte. Stolberg galt als Emporkömmling, als einer von außen, dem man nicht so recht trauen wollte. Irgendwann wurde er mit seiner Reederei aber so groß, dass niemand mehr an ihm vorbeikam. Er heimste Auszeichnungen ein, wurde Unternehmer des Jahres und erreichte 2008 schließlich den Höhepunkt der gesellschaftlichen Anerkennung. Mehr geht nicht unter den Kaufleuten in Bremen. Stolberg wurde Schaffer bei der Schaffermahlzeit, er hielt bei dem Brudermahl die Rede auf Bundespräsident und Vaterland. Mit hochrotem Kopf und voller Stolz stand er in der Oberen Rathaushalle. Sie hatten ihn aufgenommen, er war dabei. Doch dann kam der Rest der Geschichte.

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