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Designer entwickelt funktionale Produkte aus Bambus

Bambus ist stabil und elastisch zugleich und stellt damit eine Alternative zu industriellen Werkstoffen wie Plastik oder Metall dar. Toshiki Yabushita fertigt moderne Gegenstände aus Bambus an.
27.12.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer
Designer entwickelt funktionale Produkte aus Bambus

Toshiki Yabushita ist vor sieben Jahren aus Japan nach Deutschland gezogen, um Industriedesign zu studieren. Mittlerweile verkauft er seine erste Bambus-Küchenhelfer-Serie.

Frank Thomas Koch

Bambus ist stabil und elastisch zugleich und stellt damit eine Alternative zu industriellen Werkstoffen wie Plastik oder Metall dar. Toshiki Yabushita fertigt moderne Gegenstände aus Bambus an.

Verbrannt. Tiefschwarz, mit hellen Schlieren, hohl und leicht. Toshiki Yabushita nimmt das Stück Bambuskohle vom Tisch, wiegt es in seiner Hand, als wäre es etwas ganz Besonderes. Es ist auch etwas ganz Besonderes, zumindest für den 35-jährigen Designer, und vielleicht auch schon bald für viele Menschen in Deutschland. Wenn er sie von den vielen Vorteilen des Werkstoffs Bambus überzeugen kann. Wenn er mit seiner Geschäftsidee Erfolg hat.

Toshiki Yabushita ist mit Bambus groß geworden. Den Großteil seines Lebens hat der Japaner in seiner Heimatstadt Tokyo verbracht, Zentrum einer der größten Metropolregionen der Welt. Dort ist er aufgewachsen, dort hat er Informatik studiert. Und dort stößt er eines Tages auf eine Ausstellung der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Yabushita, der mittlerweile im Marketing arbeitet, sich aber schon lange für Produktdesign begeistern kann, ist sofort fasziniert von den ausgestellten Arbeiten und von der für ihn ungewöhnlichen Herangehensweise bei der Umsetzung. Also bewirbt er sich bei der Uni, lernt Deutsch und zieht 2008 schließlich nach Halle, um den Bachelor-Studiengang Industriedesign zu beginnen.

Von der Partykamera zur Babywiege

In den Semesterferien fährt er zurück in die Heimat, um seine Familie zu sehen – und um bei einem japanischen Bambusmeister in die Lehre zu gehen. Yabushita erfährt alles über die Pflanze, von der es zwischen 600 und 1200 verschiedene Soten geben soll und er lernt, wie er mit traditioneller japanischer Technik moderne Gegenstände herstellen kann. Er spaltet Bambus, er flechtet Bambus, er macht eigentlich alles mit Bambus, was man sich vorstellen kann. Dabei versucht er stets die natürliche Form des Holzes zu berücksichtigen, wie das im japanischen Design üblich ist. Den Blick für die Funktionalität bekommt er in Deutschland.

Im Studium ist er kaum zu bremsen: Er entwickelt eine Partykamera, die in die Mitte eines Tisches gestellt werden kann und auslöst, sobald jemand lächelt. „Heute ist das eine gängige Funktion der Smartphone-Kameras – damals war es noch innovativ“, sagt Yabushita. Für einen Tesafilm-Abroller, für den man nur eine Hand benötigt, erhält er 2011 den Universal-Design-Award. Kurz darauf macht er seinen Bachelor-Abschlussarbeit, für die er sich von seinem neugeborener Sohn inspirieren lässt: eine Wiege aus Bambus, die das Kind ein Leben lang nutzen kann. Sie lässt sich später zu einer Art Schaukelpferd umfunktionieren und im Erwachsenenalter als Schwingstuhl nutzen.

Sein allererstes Produkt aber ist eine Lampe, gefertigt aus einem langen, dicken Bambusrohr. Monatelang hat er an ihrer Form gearbeitet, hat getüftelt und ausprobiert, entdeckt und verworfen. Das Besondere: Yabushita spaltet das Rohr per Hand mit einem japanischen Messer, gleichmäßig fächert sich gut die Hälfte des Rohrs in 64 Streben auf. Die werden dann durch das Loch einer runden Plexiglasscheibe gesteckt, die ganz ohne Klebstoff hält. Sein erstes Modell hängt bei ihm zu Hause, mehr als 20 hat er bereits in Japan verkauft. In Deutschland aber ist er noch keine einzige losgeworden.

Das liege vor allem daran, dass die Deutschen noch immer kaum Bezug zu Bambus haben, glaubt Yabushita. Dabei ist das Gras durch seine Faserstruktur stabil und elastisch zugleich, es stellt damit eine Alternative zu vielen industriellen Werkstoffen wie Plastik oder Metall dar. Und sein Abbau diene sogar der Umwelt, betont der Japaner: „Bambus wächst extrem schnell“, sagt er, manche Sorten schießen unter idealen Bedingungen einen Meter pro Tag in die Höhe. „Dadurch breitet er sich invasiv aus und zerstört ganze Wälder.“ In manchen Regionen steige die Gefahr von Erdrutschen, weil dort, wo einst Bäume tief verwurzelt waren, nur noch Bambus mit einem weiten, aber flachen Wurzelgeäst steht.

Das alles ist vielen Menschen in Deutschland noch unbekannt – genauso wie die Tatsache, dass Bambuskohle geruchsmindernd wirkt. Dafür muss das Gras erst einmal verbrannt werden, etwa 34 Stunden bei bis zu 1000 Grad, Yabushita hat das oft ausprobiert in dem Keramikofen seiner Uni. Der Bambus schrumpft bei diesem Prozess zwar, seine Poren aber bleiben bestehen und binden Gerüche. Der 35-Jährige hat sich in seinem Master-Studiengang Industrial Design zwei Jahre mit der Kohle beschäftigt. Hat Harzer Roller und später ein schweißnasses T-Shirt mit einem Stück verbranntem Bambus in eine Plastikdose gesperrt und Probanden einen Schnuppertest machen lassen. Er hat die Kohle in den Windeleimer-Deckel seines Kindes integriert und in seinem Gewürzschrank. „Man riecht nichts mehr“, sagt Yabushita.

Auszeichnung als Ideenmacher

Um das für sein Design zu nutzen, pulverisiert er die Kohle und integriert sie in seine Produkte. Eine erste T-Shirt-Serie hat er bereits entwickelt, die zwar nicht verhindert, dass man schwitzt, aber keinen Geruch durchlassen soll. Die Kohle ist dafür an bestimmten Stellen des T-Shirts eingearbeitet. „Aktuell arbeite ich noch mit einem Chemiker zusammen, um die Produkte marktreif zu machen“, sagt der Designer. Nach der Testphase könnten die T-Shirts im Sommer 2016 auf den Markt kommen. Für seine Bambuskohle-Ideen hat Yabushita im vergangenen Jahr bereits den Giebichenstein-Designpreis erhalten.

Weil seine Frau in Bremen studiert, ist der Japaner mitgezogen. Im September erst gründete er sein Start-up Indevor, über das er seine Designobjekte künftig vertreiben will. Noch arbeitet Yabushita nur auf Bestellung per E-Mail, aber schon bald soll ein richtiger Onlineshop folgen. Eine erste Küchenhelfer-Reihe ist bereits in kleine Serie gegangen und zum Beispiel im Viertel erhältlich. Hushime hat der 35-Jährige die Reihe genannt, die aus Kochutensilien besteht, die jeweils aus einem Stück Bambus gefertigt werden. „Bei den Kochlöffeln verwende ich zum Beispiel den natürlichen Knoten innerhalb des chinesischen Bambusrohrs und arbeite ihn so heraus, dass er zum einen als Stütze für den Kochlöffel dient, damit dieser kleine Flecken auf der Arbeitsfläche hinterlässt und zum anderen verhindert, dass Flüssigkeit den Griff herunterläuft“, sagt Yabushita. Auch runde Zangen, Besteck und Kellen hat er im Programm.

Für seine ungewöhnliche Geschäftsidee wurde Yabushita auch als Ideenmacher von den Ideenlotsen Bremen ausgezeichnet und erhält Beratung in der Gründungsphase. „Ich habe schon so viele neue Ideen, die ich gerne umsetzen würde“, sagt Yabushita. Und eine Vision: Dass eines Tages nicht nur die eigenen Kinder mit seinen Bambusprodukten groß werden.

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