Professor Thoben über die Zukunft Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft

Universitätsprofessor Klaus-Dieter Thoben spricht im Interview über die Veränderungen der Wirtschaft durch die anhaltende Digitalisierung.
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Universitätsprofessor Klaus-Dieter Thoben spricht im Interview über die Veränderungen der Wirtschaft durch die anhaltende Digitalisierung.

Herr Thoben, heute schon vernetzt?

Klaus-Dieter Thoben: Das Erste, was ich heute Morgen gemacht habe, war ein Blick in meine Mails zu werfen. Aber eigentlich versuche ich es zu vermeiden, dass ich schon vor dem Frühstück online bin.

Ist die Digitalisierung für Sie eher Fluch oder Segen?

Wenn man die Technologien verantwortungsvoll nutzen kann, dann können sie hilfreich sein. Aber: Die Welt ist auch voll von schlechten, das heißt unüberlegten, zu schnell oder zu spät getroffenen Entscheidungen. Die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist ein wesentliches Instrument, das man gebrauchen muss, wenn man der digitalen Zukunft erfolgreich begegnen will.

Sehen Sie da bereits genügend Kompetenz in der Wirtschaft?

Ich glaube, das Thema IT-Kompetenz sollte in unserer Gesellschaft noch weiterentwickelt werden. In anderen Ländern wird ja bereits diskutiert, diese Kompetenz zum Grundlagenfach in der Schule zu machen. Davon ist man in Deutschland leider sehr weit entfernt. Man sieht in den Betrieben, wie groß die Unterschiede im Umgang mit neuen Technologien sind: Da gibt es die jungen Menschen in ihrer Euphorie der ständigen Erreichbarkeit, die lernen müssen, damit hauszuhalten. Und ältere Menschen, die bereit sein müssen, sich auf die Technologien einzulassen. Das ist heute eine ganz große Herausforderung.

Woran liegt das?

Ich denke, wir haben es damals schon bei der Einführung der Computer in Unternehmen versäumt, die Menschen richtig darauf vorzubereiten und mitzunehmen – da sind die Betriebe zu zögerlich gewesen.

Es gibt ja die Kritik, dass sich vor allem mittelständische Betriebe nicht genügend auf die Digitalisierung einlassen.

Nicht jedes Unternehmen muss digital werden. Aber dafür braucht es vor allem Prozessverständnis: Ich muss als Unternehmensleiter sehen, in welchen Bereichen mich die Digitalisierung weiterbringen kann, und ob sich durch den Einsatz von IT Prozesse verbessern lassen. Dafür müssen sie ihre Prozesse kennen. Das ist die Herausforderung bei Industrie 4.0: Technologie ist in Massen vorhanden. Aber es bedarf Kompetenz, um da den richtigen Weg einzuschlagen.

Viele Menschen fürchten sich davor, dass Maschinen und Roboter ihnen ihre Arbeitsplätze streitig machen werden. Ist diese Angst begründet?

Wir können heutzutage sehr viele von diesen Szenarien aufstellen. Aber bis wir sie realisieren, ist es noch ein weiter Weg: Da geht es um Datenverarbeitung, Algorithmen, Kontrollsysteme, da braucht es Kompetenz und Anwendungserfahrung. Klar gibt es Stimmen, die sagen, Industrie 4.0 ist der nächste Jobkiller…

…manche gehen davon aus, dass in den kommenden zehn bis 20 Jahren die Hälfte aller Arbeitsplätze der Digitalisierung zum Opfer fallen.

Ja, aber man muss genau hinschauen, welche Auswirkungen das auf welche Arbeitsplätze haben könnte. Ich würde erst einmal sagen: Viele Prozesse werden einfacher. Und da besteht vielleicht auch die Gefahr, dass einfache Stellen wegfallen könnten. Im Bremer Institut für Produktion und Logistik setzen wir uns seit Gründung mit Automation auseinander. Heute kann ich sagen: Wenn wir in Deutschland bei der Entwicklung von Automationslösungen nicht so gut wären – dann würde es viele Bereiche, die Arbeitsplätze bereithalten, heute nicht mehr geben. Wir können das machen, weil wir sehr gut in der Automatisation sind, und weil wir sehr viele fähige Menschen in diesem Bereich haben.

Die IT-Technologie kommt aber maßgeblich aus den USA.

Deswegen heißt es für Deutschland: Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken, sonst verlieren wir unsere Position am Markt. Es gibt also keine Alternative dazu, sich auf die Digitalisierung einzulassen.

Wie macht man das am besten?

Wir müssen kompetente Mitarbeiter haben, die in der Lage sind, mit diesen Technologien umzugehen. Gleichzeitig muss man darüber nachdenken, wie diese Technologien das Arbeitsleben verändern – und dann kommen wir wieder zum Thema Qualifikation. Je höher diese ist, desto mehr kann man sich auf die digitale Welt einlassen und umso besser sind die Chancen. Wir kommen um lebenslanges Lernen nicht mehr herum. Ein Berufsabschluss ist nur eine Eintrittskarte in die Arbeitswelt. Mehr nicht. Und dann stellt sich die Frage: Was mache ich damit?

Es gibt aber auch ältere Leute, die jetzt schon Schwierigkeiten damit haben, mit Smartphones umzugehen. Für die ist auch Weiterbildung nicht mehr so einfach. Ist die digitale Zukunft noch so weit weg, dass sie sich keine Sorgen machen müssen?

Für Menschen, die sich überhaupt nicht mit neuen Entwicklungen wie auch der Digitalisierung auseinandersetzen wollen, wird es irgendwann schwierig. Da muss man natürlich prüfen, wie man diese Menschen an die neuen Technologien heranführt, auch von Unternehmensseite her. Und gleichzeitig muss aber auch die Bereitschaft der Leute, der Belegschaft vorhanden sein, sich damit auseinanderzusetzen. Wir können uns es in Deutschland nicht leisten, sich abzeichnende neue Technologien nicht zu nutzen.

Einige fordern in diesem Zusammenhang stärkere Regulierung, wie beispielsweise verpflichtende Weiterbildungskurse.

Bei Zwangsverpflichtungen bin ich erst einmal sehr vorsichtig. Es mag Fälle geben, da würde das sicher helfen. Aber ich gehe immer von einem mündigen Menschen aus, der auch ein Interesse an seinem eigenen Weiterkommen hat. Ich glaube nicht, dass man durch Zwang unmotivierte Leute dazu bringen kann, Technologien zu verstehen, und ich glaube auch nicht, dass Unternehmen Interesse an solchem Personal haben. Es muss ein Geben und Nehmen sein. Beide Seiten brauchen einander.

Geben und Nehmen klingt nicht gerade nach einer „vierten industriellen Revolution“.

Ich halte den Begriff Revolution auch nicht für ganz passend. Aber klar, es gibt diese Vision, und es gibt die Technologie, die auf absehbare Zeit ja auch noch viel günstiger werden wird. Und je günstiger etwas ist, umso stärker hält es Einzug in die Gesellschaft. Die Industrie 4.0 wird also ohne Frage kommen, auch wenn wir sagen, wir möchten das nicht. Und dann stellt sich die Frage, welche Strategie wir haben.

Wie finde ich als Unternehmen denn diese Strategie, die zu mir passt?

Das hat ganz viel mit IT-Kompetenz zu tun. Aber eigentlich muss ich mich als Unternehmen erst einmal fragen: Wo macht es Sinn, dass ich Bereiche ins Internet verlagere, und wo nicht. Da gibt es nicht den einen richtigen Weg.

Sie beschäftigen sich jetzt seit Jahren mit dem Thema Digitalisierung. Wenn es um diese große Vision von Industrie 4.0 geht – wo stehen wir da gerade?

Das ist schwierig zu sagen. Wenn man in den Bereich Logistik schaut, dann sieht man: Es gibt noch viele Regulierungen aus alten Zeiten, die den Fortschritt behindern. Viele grenzüberschreitende Verkehre wären zum Beispiel sehr viel effektiver, wenn man nicht jedes Mal wieder eine Grenze überschreitet und damit zusätzliche Prozesse verbunden sind. Und wichtig ist auch zu schauen, dass der Mensch nicht aus diesen Prozessen verdrängt wird, sondern eventuell auch die Rolle des Menschen im Zusammenhang mit der Digitalisierung neu zu definieren. Die Vision Industrie 4.0 wird irgendwann Realität sein, so viel ist sicher. Dann liegt es an den Unternehmen, ob sie dafür aufgestellt sind.

Das Interview führte Tobias Meyer.

Zur Person: Klaus-Dieter Thoben (58) hat Maschinenbau studiert und im Bereich der Anwendung von IT-Systemen in der Produktentwicklung promoviert. Er ist Professor im Fachbereich Produktionstechnik der Uni Bremen, Leiter des Instituts für Produktion und Logistik und Sprecher des Wissenschaftsschwerpunktes Logistik „LogDynamics“ der Uni Bremen.

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