Kommentar über baukulturelle Sünden

Die dritte Zerstörung

Eine dritte Welle der Zerstörung von Baudenkmalen in Bremen sieht unser Gastkommentator, Professor Eberhard Syring von der Hochschule Bremen.
15.07.2019, 20:57
Lesedauer: 2 Min
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Von Eberhard Syring

Auf dem Bauzaun verkünden die Architekten: „Wir lieben es, wenn ein Plan funktioniert“. Der Plan, der funktionieren soll, beginnt mit dem Abriss einer spätklassizistischen Villa aus dem Jahr 1911, zuletzt als „Medienhaus“ bekannt. Hier soll ein winkelförmiger Gebäuderiegel entstehen, den die Architekten euphemistisch „Stadtvilla“ nennen.

Statt Villa Stadtvilla – so einfach geht der Etikettenschwindel. Doch der Neubau wird, das verraten die verbreiteten Bilder, architektonisch belanglos werden. Ganz im Gegensatz zur alten Villa. Sie stammt von dem renommierten Architektenduo Abbehusen und Blendermann. Über August Abbehusen, den künstlerischen Kopf des Teams, hieß es: „Er war der strengste Klassizist unter den bremischen Architekten seiner Zeit und besaß das feinste Proportionsgefühl“ (Hermann Gildemeister). Als bekanntestes Werk der Architekten gilt das zwei Jahre später gebaute Theater am Goetheplatz.

Das Verschwinden eines solchen stadtbildprägenden Bauwerks ist leider kein Einzelfall. Im aktuellen Bauboom wird auf den historischen Bestand kaum Rücksicht genommen. Betroffen sind Bauwerke aus allen baugeschichtlichen Phasen. Jüngstes Beispiel ist der vorgesehene Abriss des ehemaligen Seemannsheims, ein herausragendes Werk der Nachkriegsmoderne, das sich wunderbar in das Ensemble des wiederaufgebauten Stephani-Viertels einfügte.

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Das Argument, man müsse für dringend benötigte Wohnungen solche baukulturellen Kollateralschäden hinnehmen, verfliegt, wenn man sieht, was meist auf den freigeräumten Grundstücken entsteht: hochpreisiger Wohnungsbau, der sich für den Bedarf an bezahlbaren Wohnraum eher kontraproduktiv auswirkt. Oft erschallt in solchen Fällen auch der Ruf nach der Denkmalpflege.

Doch es mag durchaus Gründe dafür geben, dass ein Bauwerk nicht unter Schutz steht, aber gleichwohl ein wichtiges stadtbildprägendes baukulturelles Zeugnis darstellt, das nicht einfach so für Profitinteressen disponibel wird. Natürlich ist die Stadt kein Museum, gleichwohl leisten charakteristische bauliche Zeitdokumente wichtige Beiträge für ihre Identität.

Im Zweiten Weltkrieg hat Bremen zahlreiche Baudenkmale verloren. Den Modernisierungen der Nachkriegszeit fielen mit einer „Zweiten Zerstörung“ weitere wertvolle Bauten zum Opfer. Vieles deutet darauf hin, dass wir gegenwärtig eine „Dritte Zerstörung“ erleben. Und wie schon bei den früheren „Ersatzbauten“ ist auch heute eine Verflachung der architektonischen Qualität zu befürchten.

Info

Zur Person

Unser Gastautor ist Professor für Architekturtheorie und Baugeschichte an der Hochschule Bremen. Bis 2018 war er wissenschaftlicher Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur.

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