Facebook und Co. in der Bürgerschaft Die Fans und Freunde der Bremer Politiker

Bremen. Oliver Möllenstädt hat am Montag die Currywurst geschmeckt. Nachlesen kann man das bei Facebook. Gerade jetzt, wo die Bürgerschaftswahl näher rückt, greifen immer mehr Politiker auf die neue Technik zurück. Aber nicht jeder gibt wirklich etwas von sich preis.
04.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Fans und Freunde der Bremer Politiker
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Oliver Möllenstädt hat am Montag die Currywurst geschmeckt. Karoline Linnert hat im Skat gewonnen, Rita Mohr-Lüllmann betont mit drei Ausrufezeichen, dass sie es großartig findet, dass so viele Bremer soziale Projekte unterstützen, und Jens Böhrnsen spricht den Werder-Profis Mut zu. Nachlesen kann man das alles im Internet, bei Facebook. Gerade jetzt, wo die Bürgerschaftswahl näher rückt, greifen immer mehr Politiker auf die noch relativ neue Technik zurück. Aber nicht jeder gibt wirklich etwas von sich preis.

Die Hoffnung auf eine demokratische Revolution war schon immer mit dem Internet verbunden. Graswurzel-Demokratie war das Stichwort, Bürgerbeteiligung von unten, direkte Kommunikationswege. Bislang hat sich noch keine dieser Hoffnungen wirklich erfüllt. Doch inzwischen entdecken immer mehr Politiker die Möglichkeiten, die ihnen das Internet bietet. Möglichkeiten, direkt die junge Zielgruppe anzusprechenFacetten von sich zu präsentieren, die man vielleicht so nicht von ihnen erwartet, Einblicke zu geben von dem Menschen hinter dem Politiker, Dinge zu erzählen, "die in einer Pressemitteilung auch gar nichts zu suchen hätten", wie es Linnerts Sprecherin Dagmar Bleiker umschreibt.

Böhrnsen unterhält eine Seite

Auf was aber trifft man, wenn man die Seiten von Bremer Spitzenpolitikern vier Monate vor der Wahl besucht? Zum einen auf die Erkenntnis, dass Jens Böhrnsen keine Freunde hat. Zumindest nicht bei Facebook. Über seine Beliebtheit gibt das dennoch keinen Aufschluss. Grund für die Freund-lose Existenz des Bürgermeisters ist eine rein technische Unterscheidung. Böhrnsens Seite ist kein Profil, wie es Privatpersonen anlegen, es ist eine Seite wie sie Firmen oder Vereine unterhalten. Das heißt: Keine Freunde, keine privaten Nachrichten. Immerhin: 328 Personen gefällt das.

Man darf sich aber auch nicht der Illusion hingeben, dass Bremens Bürgermeister wirklich vor dem Rechner sitzt und Statusmitteilungen tippt. Für die konkrete handwerkliche Umsetzung sorgen zwei Mitglieder der Jugendorganisation der SPD, Stefanie Dähne und Sebastian Vogt. "Wir machen aber nichts, was Jens Böhrnsen nicht will", sagt Stefanie Dähne, "er gibt auch die Hinweise und sagt, was wie auf die Seite soll." In manchen Fällen antworte er auch auf einen Kommentar. Und dann, sagt Stefanie Dähne, sei es auch wirklich der Bürgermeister - und nicht sie oder ihr Kollege.

Schnelle Antwort nicht möglich

In seinem Mangel an Facebook-Freunden ist Böhrnsen übrigens nicht allein. Auch seine Stellvertreterin von den Grünen, Finanzsenatorin Karoline Linnert, hat keine. Auch sie hat eine Seite statt eines Profils. Eine bewusste Entscheidung sei das gewesen, sagt ihre Sprecherin. Wenn jemand bei Facebook eine Nachricht schreibe, erwarte er, dass sie schnell beantwortet werde. Das aber könne Linnert gar nicht leisten. Daher habe man auf diese Möglichkeiten Freunde und die Möglichkeit, Nachrichten zu verschicken verzichtet, "damit diese Erwartungshaltung gar nicht erst entsteht."

Doch selbst wenn Politiker ein normales Profil besitzen, und damit Freunde und einen Posteingang, sagen sie längst nicht alles über sich. Rita Mohr-Lüllmann etwa zeigt jedem auch nur zufällig vorbeistreifenden Besucher gern ihr ganzes Profil. Ausbildung, Familienstand, Fotos, Freundesliste. Freunde hat sie übrigens 617. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister ist nur einer von ihnen. Über sich selbst erzählt sie dennoch nicht viel.

"Ich sehe Facebook als Plattform, um von meiner politischen Arbeit zu berichten", sagt die CDU-Spitzenkandidatin, "privat würde ich das nicht nutzen." Immerhin dreimal am Tag schaue sie auf die Seite, berichtet Mohr-Lüllmann, in erster Linie, um zu schauen, wie die Reaktionen auf ihre Beiträge seien und wer Kontakt zu ihr aufgenommen habe.

Da wird es bei Oliver Möllenstädt gleich ein wenig vertrauter. Der FDP-Landesvorsitzende erzählt auch einmal von einer leckeren Currywurst. Mal was Privates. Denn dominiert wird das Profil auch bei Möllenstädt von seiner politischen Arbeit, oft in Form einer Verortung, der Information darüber, wo Möllenstädt gerade ist. Natürlich gibt's vor der Wahl aber auch Schelte für den politischen Gegner. Das Bild von Möllenstädt erscheint so ein bisschen vollständiger als das seiner CDU-Kollegin. Komplett ist es aber nicht. Seine Freundschaftsliste zeigt auch Möllenstädt nicht jedem. "Es muss nicht unbedingt jeder sehen, wer mit wem befreundet ist", findet er - zumal es da durchaus Vertreter anderer Parteien gebe, "mit denen ich befreundet bin, aber keine Werbung machen will."

Es sind Profile wie das von Möllenstädt, die immer auch auf einem schmalen Grat wandern. Dem Grat zwischen dem, was vielleicht gewinnbringend sein könnte für die Vorstellung davon, was ein Politiker so den ganzen Tag macht, und der totalen Banalität. Einträge wie dieser, zum Beispiel, von einem Abgeordneten: "Sitze gerade im Parlament." Rita Mohr-Lüllmann nennt das übrigens nicht ganz unpassend "Null-Aussage", nennt Rita Mohr-Lüllmann solche Einträge, die über "Sitze gerade im Parlament" nicht hinauskommen. Doch sind diese Berichte an der Grenze zum Belanglosen auch Ausdruck davon, dass hier Jens Böhrnsen etwa hat keine Freunde. Über seine Beliebtheit sagt das gleichwohl nichts aus. Denn es geht um den Begriff Freundschaft bei Facebook. Und da wird der Begriff ohne .

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