Fünf Jahre Arabischer Frühling Die gescheiterte Revolution

Omar Hazek ist übernervös. Er rutscht auf dem Stuhl hin und her, seine Augen kreisen rastlos. Zwei Jahre Haft im ägyptischen Gefängnis haben Spuren hinterlassen bei dem 36-jährigen Schriftsteller.
25.01.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Die gescheiterte Revolution
Von Birgit Svensson

Omar Hazek ist übernervös. Er rutscht auf dem Stuhl hin und her, seine Augen kreisen rastlos. Zwei Jahre Haft im ägyptischen Gefängnis haben Spuren hinterlassen bei dem 36-jährigen Schriftsteller.

In dem Café an der Uferpromenade in der Mittelmeermetropole Alexandria sind fast alle Tische belegt. Demonstrativ lehnt sich der Herr am Nebentisch mit blauer Jeans und weißem Hemd auf seinem Stuhl zurück, um das Gespräch mit dem ehemaligen Häftling besser belauschen zu können.

Omar Hazek trinkt Wasser. Kaffee oder Tee würden ihn noch nervöser machen, gibt er als Begründung. Vor wenigen Tagen ist der Prosaist und Lyriker an der Ausreise aus Ägypten am Flughafen in Kairo gehindert worden. Er wollte nach Europa reisen, in den Niederlanden den Oxfam-Literaturpreis entgegennehmen, danach Wien und Berlin besuchen, dort an Veranstaltungen des PEN-Clubs teilnehmen. Doch seine Reise passte nicht ins Konzept des ägyptischen Regimes, das zum fünften Jahrestag des Umbruchs jegliche Kritik erstickt. Als ein Freund klarer Worte gilt Hazek deshalb als gefährlich für das heutige Ägypten. Denn das, was er zu erzählen hat, ist das Gegenteil von dem, was Staatschef Abdul Fattah al-Sisi und seine Leute vorgeben. Es ist die Umkehrung der Revolution, die so hoffnungsvoll am 25. Januar 2011 in Ägypten begann.

Extremisten füllten Machtvakuum

„Damals habe ich angefangen, Essays zu schreiben“, sagt Hazek. Davor schrieb er Gedichte, beklagte die Situation der Palästinenser, sparte aber mit Kritik an Mubarak. Das änderte sich, als der Blogger Khaeld Said in Alexandria im Sommer 2010 von zwei Polizisten zu Tode geprügelt wurde. Die Facebook-Initiative „Wir sind alle Kahled Said“ steckte auch Omar Hazek an. Fortan wurden seine Texte politischer und die Szene kritischer. Die ersten großen Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime begannen in Alexandria. Die Welle schwappte auf Kairo über.

Omar war immer dabei, bloggte, schrieb, verschaffte sich und den Anliegen der jungen Kritiker Gehör bei den Medien. Er bejubelte den Abgang Mubaraks, sympathisierte mit der neu gegründeten Dustour-Partei von Ex-Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei, sah Mohammed Mursi und seine Muslimbrüder zunächst als das kleinere Übel gegenüber den Altkadern des Mubarak-Regimes. „Doch die konnten nicht regieren“, sagt er heute rückblickend, „die waren zu klein für Ägypten.“

Nach dem Sturz des Islamisten Mursi und der Wahl Al-Sisis zum Präsidenten hieß es für die Mehrheit der Ägypter: Sicherheit oder Demokratie? Als der Feldmarschall in zivil beides versprach, bekam er eine überwältigende Zustimmung. Doch es kam anders. Ägypten ist heute weiter von einer Demokratie entfernt als noch zu Zeiten Mubaraks, und der Terror im Land nimmt nicht ab. Drei Präsidenten und mehr als 1000 Tote seit Januar 2011.

Regime fielen wie Dominosteine

Wie Dominosteine purzelten die über Jahrzehnte währenden autokratischen Regime im Nahen Osten. Die Massenmobilisierung gegen Diktatur, Willkür und Korruption und für Demokratie, Mitbestimmung und die Wahrung der Bürgerrechte steckte an. Kritiker, die vor Radikalisierung und einem nicht mehr zu kontrollierenden Machtvakuum warnten, fanden kaum Gehör. Die Euphorie der Revolutionsbewegungen dominierte die Agenda weltweit. Dabei wurde übersehen, dass das entstehende Vakuum nicht durch demokratische Kräfte, sondern durch Extremisten gefüllt wurde. Die Weltöffentlichkeit reagierte zu spät, wie im Fall Syriens, oder gar nicht, wie im Fall Jemens. In Libyen half der Westen, Diktator Gaddafi zu entmachten, zog sich dann aber zurück, als es darum ging, dem Land eine Zukunft zu geben. In Ägypten drehte die Konterrevolution der Militärs die Uhr wieder zurück.

„Die Natur einer Revolution ist, dass sie lange dauert und immer wieder Rückschläge aushalten muss“, reflektiert Hazek die Stimmung unter denen, die ein anderes Ägypten wollen. Ein Land, in dem die Menschenrechte respektiert und die Bürger geschützt werden, in dem Meinungs- und Pressefreiheit herrschen. Denn all das wird derzeit am Nil mit Füßen getreten. Nach China hat Ägypten die zweithöchste Zahl an inhaftierten Journalisten weltweit, meldet „Reporter ohne Grenzen“. Kein anderes Land hat so viele politische Gefangene. Zu Tausenden sitzen Muslimbrüder, deren Sympathisanten, aber zunehmend auch kritische Jugendliche, die für dieses „andere Ägypten“ eintreten, im Gefängnis.

Eine winzige Zelle in Borg al-Arab, westlich von Alexandria in der Wüste, musste sich Omar mit vier anderen Gefangenen teilen. Dort sitzt auch Mohammed Mursi ein, der gestürzte – gleichwohl erste frei gewählte – Präsident Ägyptens, und wartet auf ein Revisionsverfahren gegen sein Todesurteil. „Das Gefängnis ist voll mit sogenannten politischen Häftlingen“, erzählt Hazek über seine Haftzeit. „Von zehn Gefangenen sind vielleicht drei tatsächlich Muslimbrüder.“ Alle anderen seien Sympathisanten oder wen die Sicherheitskräfte dafür halten. Viele sind willkürlich verhaftet worden, waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Gerichtsverfahren seien Luxus.

Protest gegen Haftbedingungen

Er selbst bekam einen Richterspruch: zwei Jahre Haft wegen Teilnahme an einer illegalen Demonstration. Hazek und viele andere verlangten am 13. Dezember 2013 die Verurteilung der beiden Polizisten, die den Blogger Khaled Said drei Jahre zuvor getötet hatten. Kurzfristig hatte Präsident Al-Sisi die bis heute geltenden Anti-Demonstrationsgesetze verkündet. Die meisten Demonstranten wussten nichts davon, als sie an jenem Tag in Kairo auf die Straße gingen. Mehr als 100 Polizisten verhafteten alle Protestierer, die sie finden konnten.

Al-Sisi rechtfertigt sein brutales Vorgehen gegenüber Kritikern mit dem Chaos, das rings um Ägypten herrsche. Für die terroristischen Aktivitäten eines ägyptischen Ablegers von Daesch auf der Halbinsel Sinai, aber zunehmend auch in anderen Teilen des Landes, macht er das Einsickern ausländischer Islamisten verantwortlich. Tatsächlich aber ist es eine Mischung aus über Jahre entstandenem Frust auf das Regime in Kairo, das die Beduinen des Sinai sträflich vernachlässigte, die gnadenlose Verfolgung der Muslimbrüder, die dadurch in die Radikalität getrieben werden, und dem Versäumnis effektiver Kontrollen an der Grenze zu Libyen. Dort hat sich inzwischen eine internationale Terrorszene entwickelt, deren Zellen in der gesamten Region operieren. Die Waffen, die auf dem Sinai gefunden werden, Sprengsätze und Bomben, die in Ägypten explodieren, stammen nachweislich aus Libyen und nicht, wie Kairo behauptet, aus dem Gazastreifen.

Folter in den Gefängnissen

Aus dem Gefängnis schrieb Omar Hazek Briefe. Er klagte die Haftbedingungen an, wurde Zeuge von Folter und Grausamkeiten. Als er frei kam, konnte er sich nicht wirklich darüber freuen. „Die erste Nacht in Freiheit konnte ich nicht schlafen. Ich musste immer an die vielen anderen denken, die noch immer einsitzen – oft ohne Grund.“ Hazek ist den Tränen nah, als er das sagt. Sein sonst so jungenhaftes Gesicht ist in Sekundenschnelle gealtert.

Doch im nächsten Moment spricht die Hoffnung aus ihm, wenn er sagt: „In 20 Jahren sieht Ägypten anders aus.“ Das Bewusstsein der Menschen hier sei noch reichlich schwach, doch es wachse kontinuierlich. „Der Zorn über Al-Sisi wird größer. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.“ Er wünsche sich mehr Druck aus dem Ausland, vor allem aus Europa. Nur damit könne etwas verändert werden. Er werde weiter kämpfen für eine bessere Zukunft in Ägypten. Es ist diese Ungebrochenheit von Omar Hazek, die der Regierung Angst macht. Und er ist damit nicht alleine.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+