Interview mit Innensenator Ulrich Mäurer

"Die Kosten für Sicherheit explodieren"

Bremen. Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) beklagt wachsende Gewalt beim Fußball - auch in Bremen. Daher will er ein Mitspracherecht der Innenminister bei den Spielplänen der Bundesliga - und eine Beteiligung der Vereine an den Kosten für die Polizeieinsätze.
06.12.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) beklagt wachsende Gewalt beim Fußball - auch in Bremen. Politik und Sportverbände überarbeiten das Konzept Sport und Sicherheit von 1992. Mäurer ist hier federführend für die Länderinnenminister zuständig.

Seit 1992 gibt es ein "Nationales Konzept Sport und Sicherheit". Warum wollen Sie eine veränderte Neuauflage?

Die Innen- und Sportminister sind sich einig, dass sich die Rahmenbedingungen seit 1992 grundlegend verändert haben. Die Zuschauerzahlen haben sich ebenso erhöht wie die Zahl der Spiele. Wir haben zusätzliche Probleme in der dritten Liga bekommen, etwa beim FC Oberneuland und Werder Bremen II, vor allem, wenn Mannschaften aus den neuen Bundesländern zu Gast sind. Außerdem: Bei den Fans beschäftigten uns früher die Hooligans, nun die so genannten Ultras. Diese gewaltbereite Gruppe verhält sich sehr abgeschottet und zeigt wenig Bereitschaft zur Kommunikation. Sie beteiligt sich nicht an Fan-Projekten.

Gibt es heute mehr Randale in den Stadien?

Wir beobachten eine massive Zunahme von Gewalt beim Fußball und müssen viele Polizisten für die Sicherheit abstellen. In der Saison 2008/2009 gab es in den Ligen eins bis drei 830 Verletzte, darunter 230 Polizeibeamte und 268 Unbeteiligte. Bei Risikospielen in der Bundesliga geht nichts unter 800 Beamte, inklusive Pferdestaffel aus Niedersachsen sowie Polizisten aus anderen Ländern wie Hamburg oder Schleswig-Holstein, die wir bezahlen müssen.

Was kosten solche Einsätze?

Wenn FC Freiburg zu Gast ist, reichen 300 Polizisten. Wenn aber Hamburg, Hannover, Frankfurt oder Köln kommen, müssen wir aufstocken. Denn zwischen den Fans gibt es Probleme. Die Kosten für Sicherheit explodieren. Bundesweit haben wir für die letzte Saison 80 Millionen Euro ausgegeben. 2009/2010 waren es in Bremen 59000 Einsatzstunden, für die man 3,18 Millionen Euro in Rechnung stellen könnte.

In der Saison 2008/2009 hat die Erste und Zweite Bundesliga über zwei Milliarden Euro Umsatz erzielt. Sollte man sie nicht an Sicherheitskosten beteiligen?

Dieser Meinung bin ich schon lange, bin aber ein Rufer in der Wüste. Auch im Kreis der Sport- und Innenminister gibt es dafür keine Mehrheit. Manche Ideen brauchen ihre Zeit. Immerhin zahlt Werder Bremen die Busse, um auswärtige Fans zum Bahnhof zu bringen. Der Verein macht ebenso wie der Bremer Fußball-Verband eine Menge in punkto Gewaltprävention.

Was fehlte im alten Sicherheitskonzept?

1992 spielten beispielsweise die Reisewege der Fans noch keine Rolle. Spielte Werder gegen Hannover, gab es vielleicht Probleme jeweils in den beiden Städten. Nun aber kann es sein, dass Werder in Dortmund und Hannover in Köln spielt. Irgendwo unterwegs treffen sich die beiden Fan-Gruppen auf einem Bahnhof und nehmen ihn auseinander. Deshalb müssen wir jetzt auch die Reisewege kontrollieren. Dazu gehört auch der Alkoholgenuss in den Zügen. Die Deutsche Bahn sollte ein Alkoholverbot einführen. Manche steigen ja schon mit Bierkisten in die Züge ein.

Morgen legt die Arbeitsgruppe, die das Sicherheitskonzept erarbeitet, einen Zwischenstand vor. Wo knirscht es zwischen Politik, Deutschem Sportbund, Deutschem Fußballbund und Deutschem Städtetag?

Alle Beteiligten ziehen an einem Strang und sehen die Notwendigkeit, das Konzept zu überarbeiten. Mit Ausnahme der Spielplanung am 1.Mai - wir wollen das komplette Wochenende spielfrei halten - gibt es auch mit DFB und DFL derzeit keinen Dissens. Wichtig ist, das Problem mit den Ultras in das Konzept mit aufzunehmen.

Was können Sie jetzt schon tun?

In Bremen haben wir die Fanmärsche beendet. Hier kam es in der Vergangenheit zu Gewalt, als Hunderte den Wall entlang zum Stadion geleitet wurden. Das sah aus wie nach einem Bürgerkrieg und war unzumutbar für die Bürger. Ich habe das neu organisiert: Bei Risikospielen ist die Innenstadt für auswärtige Fans geschlossen, sie werden am Bahnhof zu Bussen geleitet und zum Stadion gefahren.

Für dieses Konzept brauchen Sie mehr Platz am Stadion. Wann wird der Tennisclub Rot-Gelb umziehen?

Ich habe da ein uraltes Thema geerbt, was durch verletzte Zuschauer nach dem Spiel gegen den HSV wieder aktuell wurde. Wir brauchen räumliche Kapazitäten direkt am Stadion, um auswärtige Fans von einheimischen zu trennen und sie zu ihren Bussen zu leiten. Deshalb wird diskutiert, die Tennisplätze von Rot-Gelb zu verlagern.

Sie sind dafür?

Als Sportsenator habe ich kein Problem mit dem Tennisverein, der dort seit vielen Jahren ist. Als Innensenator muss ich daran denken, dass die Stadt keine Verletzten und Toten will. Und wenn das ungelöste Problem der Fantrennung die Verletzungsgefahr im Stadion erhöht, muss der Tennissport zurückstecken, und wir müssen gemeinsam nach einer alternativen Lösung suchen.

Rot-Gelb ist bereit, bei entsprechendem Ersatz umzuziehen - wer soll es bezahlen?

Für die Sicherheit ist nicht allein der Innensenator verantwortlich, sondern auch der Veranstalter. Im konkreten Fall kann die Stadt Bremen den Lösungsprozess begleiten, aber wir haben nicht das Geld, um den Tennisverein großzügig abzufinden und ein neues Areal mit neuem Vereinsheim zur Verfügung stellen.

Werder soll zahlen?

Ich weiß, dass Werder grundsätzlich bereit ist, sich an einer Lösung zu beteiligen.

Dann ist das Problem ja bald vom Tisch.

So einfach ist das nicht. Der Verein hat ein Erbpachtrecht, das nur aufgrund höheren Interesses kündbar ist. Inzwischen ist eine neue Lage eingetreten. Wir warten jetzt erst das Gutachten von Professor Michael Schreckenberg ab.

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