Neue Partei setzt sich für Grundeinkommen ein

Die Suche nach dem Masterplan

"Es ist Zeit für neue Ideen – und das ist eine“, sagt Gerhard Dick. Am Donnerstag will er einen Bremer Landesverband der Ein-Themen-Partei "Bündnis Grundeinkommen" ins Leben rufen.
26.01.2017, 00:00
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Die Suche nach dem Masterplan
Von Nico Schnurr
Die Suche nach dem Masterplan

Eine letzte Diskussion vor der Parteigründung (von links): Gerhard Dick, Hendrik Fiedler und Jan Hövener.

Frank Thomas Koch

"Es ist Zeit für neue Ideen – und das ist eine“, sagt Gerhard Dick. Am Donnerstag will er einen Bremer Landesverband der Ein-Themen-Partei "Bündnis Grundeinkommen" ins Leben rufen.

Ein Prophet ist er nicht, sagt Gerhard Dick. Das Wirtschaftssystem mal eben auf den Kopf stellen und die Digitalisierung umkehren, könne er nicht. Wie auch? Dick weiß, wovon er spricht. 30 Jahre hat der Bremer als Unternehmensberater gearbeitet. Er hat weltweit große Konzerne umgekrempelt, sie „effektiver gemacht“, wie sie in seiner Branche sagen.

Oft bedeutete das auch: Stellen streichen. Dick hat erlebt, „wie verängstigt die Angestellten bei meinen Projekten waren, weil sie um ihren Job, ihre Existenz gefürchtet haben“. Seit ein paar Jahren denkt der 63-Jährige anders über das Lieblingswort seiner Branche. Unternehmen würden nicht effektiver und besser, wenn sich ihre Mitarbeiter permanent um ihre Existenz sorgten, glaubt Dick heute.

Für ihn steckt „so viel mehr Potenzial in den Menschen, wenn sie nicht so ängstlich wären“. Er will helfen, Ängste zu nehmen und Potenziale zu wecken. Nicht als Unternehmensberater, sondern als Politiker. Deswegen gründet Dick an diesem Donnerstag eine Partei. Zusammen mit sechs Mitstreitern will er den Bremer Landesverband des Bündnisses Grundeinkommen ins Leben rufen. Gerhard Dick soll dem Bremer Ableger vorsitzen.

Existenz absichern und Teilhabe ermöglichen

Menschen ihre Sicherheit nehmen, das gehörte zu seinem Berufsalltag. Jetzt möchte Dick Menschen neue Sicherheit schenken, „das Miteinander verändern“. Gelingen soll das mit einem Grundeinkommen. Bedingungslos soll es sein, jedem soll es zustehen. Die Existenz soll es absichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Dick ist überzeugt, dass das gut gehen kann. Inzwischen ist er damit nicht mehr allein.

Im September 2016 hat sich in München das Bündnis Grundeinkommen gegründet. Noch steckt die Ein-Themen-Partei in den Anfängen, bislang zählt sie bundesweit nicht mehr als rund 100 Mitglieder. Sieben von ihnen kommen nun aus Bremen – eine Mischung aus Soziologie-Studenten, in der Anti-Atomkraftbewegung politisierten Senioren, Wirtschaftsingenieuren und Kunstpädagogen.

„Wir verstehen uns als Projekt“, sagt Dick. „Wir wollen keine Profi-Politiker werden. Sobald es ein Grundeinkommen gibt, lösen wir uns auf.“ Ihnen ist klar, dass es ein ziemlich weiter Weg bis dahin sein dürfte. Hoffnung haben sie trotzdem. Sie glauben, dass die Debatte um ein Grundeinkommen bis zur Bundestageswahl deutlich an Gewicht gewinnen wird. Mut macht ihnen dafür ein Blick ins Ausland.

Grundeinkommen betrifft alle politischen Felder

In Finnland versucht die liberal-konservative Regierung seit Januar mit einem Pilotprojekt herauszufinden, ob ein Grundeinkommen das unflexible und komplizierte Sozialsystem vereinfachen kann. Anstelle des Arbeitslosengeldes bekommen dort 2000 zufällig ausgewählte Arbeitslose 560 Euro Grundeinkommen, ohne dass daran Bedingungen geknüpft sind. Auch in den Niederlanden und Kanada gibt es bereits erste Tests auf regionaler Ebene.

Dick und seine Mitstreiter wollen von dieser Entwicklung profitieren und von den Pilotprojekten lernen. Denn kompliziert genug ist ihr Unterfangen ohnehin schon. „Wir kümmern uns zwar nur um ein Thema, aber wir liefern keine einfachen Antworten“, sagt der 23-jährige Hendrik Fiedler. Für ihn ist das Bündnis Grundeinkommen deshalb auch „ein Gegenangebot zu dem Hass und den einfachen Lösungen, die Rechtspopulisten versprechen“.

Leicht machen wollen sie es sich nicht beim Bremer Landesverband. Für sie ist das Grundeinkommen ein Thema, das alle politischen Felder betrifft. Bei ihrer letzten Sitzung vor der Parteigründung jonglieren sie mit den ganz großen Themen.

"Kein Allheilmittel für alles"

Sie diskutieren über das Verhältnis von Mensch und Maschine in der digitalisierten Arbeitswelt, wachsende soziale Ungleichheit und fehlende Umverteilung. „Die Reichen können ja reich bleiben, so lange die Armen nicht noch ärmer werden“, sagen sie. Oder: „Bei uns gibt es keine Gegen-die-da-oben-Mentalität, wir wollen die Kreativität und Empathie aller Menschen stärken.“

Für sie ist das Grundeinkommen „kein Allheilmittel für alles“. „Aber es ist Zeit für neue Ideen – und das ist eine“, sagt Dick. Wie diese Idee genau verwirklicht werden soll, wissen sie noch nicht. Auch wie hoch so ein Grundeinkommen sein müsste, können sie noch nicht vorhersagen. Momentan geht es ihnen ohnehin um anderes. Das Bündnis will das Image des Grundeinkommens verbessern.

"Wir sind keine Spinner oder Träumer."

Die Mitglieder wollen Vorurteile nehmen und aufzeigen, dass ihre Idee von einer gesicherten Existenz aller Menschen mehr ist als utopisches Weltverbesserertum, sondern auch Pragmatiker überzeugen kann. „Wir sind keine Spinner oder Träumer“, sagt Fiedler. Zusammen mit dem Landesverband will er angehen gegen den Mythos des faulen Menschen, der nur arbeite, wenn er denn müsse.

Mit seinem alten Beruf hat Gerhard Dick momentan nur noch wenig zu tun. Nur wenn er erzähle, wohin er will mit seiner Partei, dann klinge er manchmal noch wie der Unternehmensberater, findet er. „Wir haben noch keinen Masterplan für das Grundeinkommen, aber wir sind auf der Suche, und darum geht es uns in Bremen“, sagt er. „Ein erster Meilenstein auf dieser Suche ist die Bundestagswahl im September.“

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