Uta Ranke-Heinemann gestorben Die dem Papst Paroli bot

Uta Ranke-Heinemann hat die Würdenträger reihenweise abgekanzelt. Im Alter von 93 Jahren ist die Theologin, Tochter des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann und dessen Bremer Frau Hilda, gestorben.
26.03.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Die dem Papst Paroli bot
Von Monika Felsing

Wenige Menschen, die in Deutschland für das höchste Amt im Staate kandidiert haben, waren so rebellisch wie sie: Uta Ranke-Heinemann, die älteste Tochter von Gustav Heinemann und seiner aus Bremen stammenden Frau Hilda, geborene Ordemann, hat das Schwimmen gegen den Strom zu ihrem Prinzip gemacht. Im Alter von 93 Jahren ist sie in ihrer Heimatstadt Essen gestorben, wie einer ihrer beiden Söhne mitteilte.

Als Feministin, als Pazifistin und 1969 als erste Frau weltweit mit einer Professur in katholischer Theologie war die Kommilitonin von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI, eine Hoffnungsträgerin. Ihr Vater hatte mehrfach das Parteibuch gewechselt, um seinen Überzeugungen treu zu bleiben, sie selbst konvertierte zum Katholizismus und wandelte sich zu einer der schärfsten Kritikerinnen des Klerus. 1954 heiratete sie ihren Jugendfreund Edmund Ranke, der eigentlich ins Kloster hatte gehen wollen. Er war die Liebe ihres Lebens. Mit der Kirche aber hat sie zeitlebens gehadert, und sie machte daraus keinen Hehl, sondern bot selbst dem Papst Paroli. Ihr Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ wirkte auf Menschen, die wie sie an Glaubensgrundsätzen zweifelten oder darunter litten, dass Homosexualität von Rom verurteilt wurde, wie Befreiungsliteratur.

Kirchliche Hierarchien gegeißelt

In gewissem Sinne stand sie nicht allein. In Marburg war der Theologe Rudolf Bultmann ihr Mentor gewesen, und sie dachte ähnlich urchristlich-radikal wie Albert Kalthoff, der in der Kaiserzeit in Bremen Pastor von St. Martini gewesen war. Was das für eine Menschenopferreligion sei, die ein Kreuz zu ihrem Symbol gemacht habe, hat sie gefragt und stattdessen auf die Bergpredigt als Botschaft der Liebe verwiesen. Uta Ranke-Heinemann geißelte die kirchlichen Hierarchien, vor allem aber die Sexualmoral der Katholischen Kirche, war gegen die Kirchensteuer und wollte endlich Frauen auf der Kanzel und im Vatikan sehen. Weil sie auch an Dogmen wie der Jungfrauengeburt rüttelte, wurde ihr die Lehrerlaubnis für katholische Theologie 1987 entzogen.

Kandidatur für Bundespräsidentenamt

Mit dem Bremer Politologen und Historiker Diether Koch, der 1972 ein Buch über ihren Vater und die Deutschlandfrage veröffentlicht hatte, stand Uta Ranke-Heinemann sporadisch in Kontakt. Seine Witwe Käte Koch hat einen Brief von 1986 zur Hand. „Ich wollte, ich wüsste so gut wie Sie über meinen Vater Bescheid. Je älter ich werde, desto mehr, meine ich, nähere ich mich ihm“, schrieb die Theologin. „Ach ja, mit jedem Menschen stirbt eine ganze Bibliothek. Ich denke das so oft, wenn ich mich an etwas genau erinnern will und meine Eltern so gerne noch einmal fragen würde.“ Als Parteilose hatte sie 1999 für die PDS den eher symbolischen Versuch unternommen, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Das Amt aber kam trotzdem wieder in die Familie. Bundespräsident wurde der Mann ihrer Nichte Christina, Johannes Rau.

In Kontroversen behielten auch die nicht das letzte Wort, die sonst keinen Widerspruch gewohnt waren, und der Titel des Buches, mit dem sie sich publizistisch verabschiedet hat, war wie ein Thesenanschlag an einem Kirchenportal: „Nein und Amen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+