Nachlass im Netz

Digitale Zombies

Für das digitale Erbe gibt es bislang keine einheitliche Regelung, aber wir sollten uns darum kümmern – sonst leben wir als Tote in den sozialen Netzwerken weiter.
04.08.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Digitale Zombies
Von Katharina Elsner

Für das digitale Erbe gibt es bislang keine gesetzliche Regelung, aber wir sollten uns darum kümmern – sonst leben wir als Tote in den sozialen Netzwerken weiter.

Wenn wir sterben, hinterlassen wir Erinnerungen – zumindest bei den Menschen, die uns mehr oder weniger mochten. Manche Erinnerungen verblassen von selbst, einige werden verkauft, wie Omas Massivholz-Schrankwand, andere bleiben einfach stehen: Wir sehen das letzte Urlaubsfoto, das er gepostet hat, den letzten Like unter dem Katzenvideo, wir wissen, wann genau er die letzte Whatsapp-Nachricht gelesen hat. Manchmal erinnert uns Facebook freundlich daran, dass man schon fünf Jahre digitale Freundschaft pflegt – seltsam, wenn der andere bereits tot ist.

Wir haben inzwischen eine digitale Identität, wir haben E-Mail-, Amazon- oder Ebay-Konten. Wir haben Smart Watches, digitale Bücher-, Play- und To-do-Listen, sogar Einkaufszettel. Wir sind digitale Wesen und haben uns im Durchschnitt bei sechs sozialen Netzwerken angemeldet. In dem Moment, in dem wir sterben, lebt das Digitale irgendwie weiter. Den Schrank der Oma können wir ausräumen, ihr E-Mail-Konto bleibt meist verschlossen.

Wer kümmert sich nun darum? Wie geht das eigentlich, Omas Konto zu löschen? Wer darf das löschen oder noch einmal durchwühlen? Gilt Datenschutz auch nach dem Tod? Will ich mich einfach so löschen lassen, soll jemand die Delete-Taste drücken und das ist dann das, was von meinem Leben bleibt? Oder soll ich als digitaler Zombie durch die nächsten Jahrzehnte in den Weiten der digitalen Welt wandern? Interessiert das alles überhaupt jemanden?

Alle drei Minuten stirbt ein deutscher Facebook-Nutzer

Die Antwort: Noch nicht so richtig, aber die, die sich dafür interessieren, werden mehr. „Vor allem bei der jüngeren Generation, denn das hat auch etwas mit Datenschutz zu tun“, sagt Gerrit Cegielka von der Verbraucherzentrale Bremen. Denn die digitale Identität, die wir uns geschaffen haben, ist – trotz der Öffentlichkeit – ein privater Raum, dessen Zugangsschlüssel wir meist nicht mal unseren engsten Freunden anvertrauen, weil wir uns dort ungestört und auch mal anonym austoben können, mal Hasskommentare schreiben, mal Pornos anschauen, mal Datingportale.

Alle drei Minuten stirbt ein Facebook-Nutzer in Deutschland, ohne zu entscheiden, was mit den geposteten Inhalten, und Likes passieren soll. Die Verbraucherzentrale hat sich deswegen des Themas angenommen und im April 2015 eine große Kampagne gestartet: „Mach's gut.“

Die Ironie des Schicksals: Die Vorstellung der Kampagne bei der Presse fiel genau mit dem Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine in den Alpen zusammen. Unter den Opfern waren auch viele Schüler und Schülerinnen, die meisten mit mehreren sozialen Identitäten, die meisten Eltern wohl ratlos, wie sie damit umgehen sollten. Denn wer beschäftigt sich schon mit seinem eigenen Tod, wer trifft schon Vorsorge, wenn das Leben gerade erst begonnen hat.

Digitaler Nachlass muss geregelt werden

Am einfachsten ist es, sich vor seinem Tod um sein digitales Erbe zu kümmern. Den digitalen Nachlass können wir wie im analogen Leben regeln: Wir bestimmen mit einer Vollmacht einen Erben, der sich um unser Netzleben kümmert. Die Verbraucherzentrale rät, eine Liste mit allen Zugangsdaten zu den verschiedenen Konten zu erstellen, die auf einen kennwortgeschützten USB-Stick zu ziehen und den wiederum sicher zu deponieren, in einem Tresor oder Bankschließfach. Das Problem: Unter Umständen dauert es ein wenig, bis der ein oder andere tatsächlich stirbt. Die Passwörter, die auf dem USB-Stick lagern, sind dann vielleicht nicht mehr aktuell, es kommen neue Accounts hinzu, andere fallen weg.

Denn die Hälfte der Deutschen nutzt nur ihr Gedächtnis, um sich Passwörter zu merken. Es ist aufwändig, das digitale Leben des anderen auszulöschen. Die erste Hürde: Herausfinden, wo der Tote im Netz überall umtriebig war. Das mag bei Facebook oder Instagram noch recht einfach sein, weil man folgt oder befreundet ist. Daneben gibt es aber noch Paypal und andere Online-Bezahldienste, iTunes oder Cloud-Dienste wie Dropbox oder die letzten Schritte, die noch auf der Smart Watch gespeichert sind.

Um es kurz zu fassen: Das Internet ist ein Urwald, wenn es um das digitale Erbe geht. Jeder Online-Händler, jeder E-Mail-Anbieter, jedes soziale Netzwerk und jeder Streaming-Dienst hat unterschiedliche Regelungen und verlangt unterschiedliche Nachweise, dass der Tote auch wirklich tot ist, und dass man auch wirklich der Erbe oder die Erbin ist. Ein paar Beispiele:


Facebook: Facebook bietet zwei Optionen für Angehörige: Bei der ersten Option wird das Profil in einen Gedenkzustand versetzt. Inhalte bleiben sichtbar und können als Erinnerungen geteilt werden. Bei Option zwei wird das Facebook-Profil gelöscht. So oder so will Facebook eine Sterbeurkunde. Ein Tipp: In die Sicherheitseinstellungen bei Facebook schauen. Dort findet sich ein Feld für einen Nachlasskontakt, also einen Freund, der sich um den Account kümmert. Direkt darunter findet sich ein Kästchen, das es erlaubt, ein Häkchen zu setzen, wenn man will, dass der Account dauerhaft nach dem Tod gelöscht wird.


Google: Die permanente Überwachung hat auch etwas Positives. Google weiß, wann wir das letzte Mal unser Smartphone benutzt, E-Mails gecheckt oder Youtube-Videos angeschaut haben. Wenn das für drei Monate ausbleibt, wird Google misstrauisch und hat deshalb für Online-Konten Verstorbener einen Kontoinaktivitätsmanager eingerichtet. Hier können bis zu zehn Personen benannt werden, die über die Inaktivität benachrichtigt werden sollen. Der Nutzer legt fest, wer auf welche Daten Zugriff haben darf, ob das Konto komplett gelöscht und wie viel Zeit seit dem letzten Login vergangen sein soll, bis der Kontoinaktivitätsmanager greift. Haben wir keinen Manager eingerichtet, müssen wir uns direkt mit einer Sterbeurkunde an Google wenden.


Web.de und Gmx.de: Auch diese E-Mail-Anbieter verlangen eine Sterbeurkunde. Das reicht aber nur aus, wenn das Konto gelöscht wird. Das Fernmeldegeheimnis gilt über den Tod hinaus – da nicht nur der Schreiber, sondern auch der noch lebende Empfänger betroffen ist. Wenn nun unter der Mailadresse noch Informationen über Verträge oder Rechnungen laufen? Da muss ein Erbschein her.

Amazon: Auf der Seite selbst findet sich kein Hinweis, wie Angehörige mit dem Konto umgehen können. Hier hilft nur, den Kundensupport telefonisch oder per Mail zu kontaktieren und dann die Sterbeurkunde zuzusenden.

Umgang mit den Konten von Toten

Kompliziert – und teuer. Eine Sterbeurkunde kostet beim Standesamt zehn Euro, fünf Euro für jede weitere Kopie – wenn sie Mitarbeiter gleichzeitig ausstellen. Für einen Erbschein müssen Erben ebenfalls zahlen. Die Verbraucherzentrale hat in einem Marktcheck 18 Anbieter befragt, wie sie mit Konten von Toten umgehen. Wer sich durch das 36-seitige PDF-Dokument durchsuchen möchte, wird hier fündig: www.verbraucherzentrale-rlp.de/digitaler-nachlass.

Wem das zu mühsam ist, kann sich an auch an eine Firma wenden, die eine Art digitale Bestattung übernimmt: Columba. Columba arbeitet nicht nur mit einem Großteil der Bremer Bestatter zusammen, sondern auch mit den größten Internet-Firmen und vielen Hundert kleinerer Firmen. Der Angehörige beauftragt über seinen Bestatter Columba, die dann mit einer Software scannt, ob ein Konto des Verstorbenen bei Amazon & Co. vorliegt, das dann entweder gelöscht oder auf die Erben übertragen wird.

Keine einheitliche Regelung

Rechtliche Fragen sind die eine Seite des Todes. Die ethischen eine andere. Wer entscheidet, wann mein Profil, meine Bilder oder meine Forumbeiträge gelöscht werden? Ist es fair, auch für die Menschen ein digitales Grab zu erhalten, die nicht mal eben auf den Friedhof kommen können? Viele Fragen, kaum Antworten. Jeder Sterbefall ist individuell, vom Gesetzgeber fehlt bisher eine einheitliche Regelung zum digitalen Erbe.

Eines ist aber sicher: Es ist besser, wir sorgen für das analoge wie für das digitale Erbe vor. Gerrit Cegielka schätzt, dass Angehörige einen halben Tag damit verbringen, den digitalen Nachlass zu regeln – wenn denn die entsprechenden Zugangsdaten vorliegen. Sonst könnte das ein paar Monate dauern – für einen Mailanbieter. Diese Erbschaft will wohl niemand vermachen, es sei denn, man gönnt seinen Nachfahren sowieso nichts, wünscht ihnen ein ewiges Brennen im Höllenfeuer der Bürokratie, über das man im Grab noch lacht.

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