Interview mit DIW-Präsident DIW: "Länderfusionen sinnvoll"

Bremen. Stadtstaaten wie Bremen könnten von einer Länderfusion profitieren. Diese Auffassung vertritt Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, im Gespräch mit Norbert Pfeifer.
06.08.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Bremen. Stadtstaaten wie Bremen könnten von einer Länderfusion profitieren. Diese Auffassung vertritt Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, im Gespräch mit Norbert Pfeifer.

Der Ruf nach Länderfusionen wird wieder lauter. Sind Länderehen sinnvoll? Marcel Fratzscher:

Man muss bei der Debatte zwei Aspekte unterscheiden. Der erste ist der politische. Am Ende zählt, ob die Bevölkerung eine Fusion will. Als Wirtschaftswissenschaftler ist mir der zweite Aspekt sehr wichtig. Da geht es um die Fragen der Effizienz und Kosten. Und unter diesem Aspekt sind Zusammenschlüsse sinnvoll.

Wo könnte man zum Beispiel sparen?

Bei der Administration. Wenn man die Anzahl der Behörden in jedem Bundesland anschaut, dann hat man eine ganze Menge Möglichkeiten zum Sparen. Berechnungen zeigen, dass deutschlandweit kurzfristig fast eine Milliarde Euro gespart werden könnte. Langfristig dürften die Einsparungen durch Fusionen noch höher sein. Der Steuerzahler würde profitieren.

Diese Ersparnis ist aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Finanzprobleme wären damit nicht zu lösen.

Man darf nicht vergessen: Das sind nur die direkten finanziellen Ersparnisse. Der zweite wichtige Aspekt ist der des Wettbewerbes: Wie können Regionen oder Länder heute im internationalen Wettbewerb bestehen? Wie können Länder es schaffen, ihren Wirtschaftsstandort attraktiv zu gestalten? Und hier ist ganz deutlich: Wenn man Teil einer größeren Region ist, kann man mit einer stärkeren Stimme sprechen, die mehr gehört wird. Diese Nutzen sind finanziell sehr schwer zu berechnen, ich halte sie aber für noch wichtiger als die direkten finanziellen Ersparnisse einer Länderfusion.

Dann würden vor allem kleinere Länder von Fusionen profitieren.

Ja. Gerade Stadtstaaten wie Bremen hätten viel davon, wenn sie Teil einer größeren Region wären. Viele Koordinierungsaufgaben würden wegfallen, die Interessen könnten in einem größeren Rahmen besser vertreten werden.

Lohnt sich die ökonomische Debatte, wo Fusionen politisch doch kaum durchsetzbar sind?

Sie lohnt sich auf jeden Fall. Denn Teil der politischen Debatte muss es auch sein zu fragen: Was sind die Vorteile, und was sind die Nachteile? Man muss die Kosten, ein eigenes, kleines Bundesland zu sein, gegen die möglichen Ersparnisse stellen. Das muss die Politik dem Wähler ganz klar auf den Tisch legen. Und die sollten dann das letzte Wort haben. Aber zur Entscheidung sollten sie alle Informationen haben.

Haben Fusionen eine Chance, wenn das Volk gefragt wird? Beim letzten Anlauf 1996 hielten die Brandenburger wenig von einer Länderehe mit Berlin.

Ich denke, wenn man die Vorteile einer Fusion klar herausstellen würde, dann könnten zukünftig solche Entscheidungen anders ausfallen. Aber es ist zugegebenermaßen viel Überzeugungsarbeit notwendig.

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Zur Person

Marcel Fratzscher, geboren 1971 in Bonn, studierte Ökonomie. Er leitet seit Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Uni in Berlin.

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