70 Jahre Kriegsende in Bremen Ein Schuss noch, bevor der Krieg zu Ende war

Ende April begann der Kampf um Bremen. Durch Luftangriffe waren vorher sämtliche Versorgungseinrichtungen zerstört.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Claus Bulling

Ende April begann der Kampf um Bremen. Durch Luftangriffe waren vorher sämtliche Versorgungseinrichtungen zerstört. Es gab keinen Strom mehr, kein Gas und kein Wasser. Auch die Sirenen mussten schweigen. Alarm konnte nicht mehr gemeldet werden. Wir waren deshalb auch nicht im Bunker, als die Kämpfe um Bremen begannen. Wir erlebten die Schlacht im Keller unseres Hauses in Horn.

Tante Emmalene, die Schwester meines Vaters, war zu uns gekommen, um unserer Mutter beizustehen. Nun kam ein Bombenangriff nach dem anderen. Wenn eine Bombe in der Nähe einschlug, sahen wir am Kellerfenster einen hellen Lichtschein. Wir zogen voller Angst die Decke über den Kopf; was natürlich völlig sinnlos war.

Wir waren nun mitten zwischen den Fronten. Von Süden her schossen die Engländer ihre Granaten in unsere Gegend und von Norden her die Deutschen, allerdings viel weniger, weil sie kaum noch Munition hatten. Drei Granaten schlugen oben in unser Haus ein. Als es plötzlich still wurde und wir dachten, nun sei der Kampf zu Ende, traute ich mich aus dem Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Ich war ja schließlich der Älteste. Der Garten lag voller Äste, die von den Bäumen geschossen waren.

In der Nähe unseres Planschbeckens sah ich ein totes Huhn liegen und lief hin, um es zu bergen. Immerhin hätten wir es ja noch essen können. Plötzlich zischte eine Gewehrkugel an meinem Ohr vorbei. Jemand hatte mich für einen Soldaten gehalten und auf mich geschossen. Ich warf mich auf den Boden und kroch, Deckung suchend, ins Haus zurück.

Als die Schießerei zu Ende war und es draußen still war, entschloss sich unsere Tante Emmalene, sich auf ihr Fahrrad zu setzen, um mal eben in die Reinthaler Straße zu fahren und nachzusehen, ob ihr Haus noch stand. Wenige Minuten später kam sie zurück und erzählte uns, in der Schwachhauser Straße seien ihr englische Panzer entgegengekommen. Sie sei deshalb sofort umgekehrt. In wenigen Minuten müssten sie hier sein, meinte sie.

Plötzlich klopfte es kräftig an der Haustür. Unsere Mutter ging mutig nach oben und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein englischer Offizier und fragte sie, wer in dem Hause sei. Unsere Mutter konnte zum Glück ziemlich gut Englisch. Sie antwortete ihm, außer ihr seinen nur ihre fünf kleinen Kinder und eine Tante da. Ihr Mann lebe nicht mehr. Zum Glück war der Engländer ein richtiger Gentleman. Er bedauerte meine Mutter und fragte sie dann nach Kameras und dergleichen. „Ich habe keine“, bekam er zur Antwort. Er ging kurz durch das Haus, schaute sich alles an und sagte dann zum Schluss: „Meine Einheit zeltet direkt hinter Ihrem Garten auf der Wiese. Wenn sie durch Plünderer in Not kommen sollten, schicken Sie eines der Kinder oder kommen selbst. Wir helfen Ihnen dann“. Ich bin diesem freundlichen Mann heute noch dankbar. Unsere Mutter war erleichtert, und wir natürlich auch. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Der Krieg war für uns zu Ende. Aber nun begann eine Notzeit, wie wir sie uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Es dauerte Wochen, bis es wieder Strom, Gas und Wasser gab. Es gab nichts zu kaufen. Wir mussten von den Vorräten leben, die wir noch hatten, und zum Glück legten unsere Hühner Eier.

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