Soziologe Arne Niederbacher im WESER-KURIER-Interview

"Eine Waffensteuer ist Gängelung"

Bremen. Die Fraktionen von SPD, Grünen und Linken haben den Senat aufgefordert, eine Waffensteuer für Bremen zu prüfen. Seitdem wird hitzig diskutiert. Der Soziologe Arne Niederbacher spricht über Schützenvereine und ihren Konflikt mit der Politik.
15.03.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremen. Die Fraktionen von SPD, Grünen und Linken haben mit einem Bürgerschaftsbeschluss den Senat aufgefordert, eine Waffensteuer für Bremen zu prüfen. Seitdem hat sich die Diskussion nicht beruhigt. Mit dem Dortmunder Soziologen Arne Niederbacher sprach Michael Brandt über Schützen und die Faszination, die von Waffen ausgeht.

Herr Niederbacher, halten Sie es für richtig, nach Instrumenten zu suchen, die Zahl legaler Waffen in Deutschland zu reduzieren?

Arne Niederbacher: Nein, ich sehe dazu keine Notwendigkeit und halte es für einen problematischen Vorgang. Der legale Waffenbesitz in Deutschland ist sehr gut reguliert. Es gibt gesetzliche Vorgaben die genau regeln, wie man in den Besitz einer legalen Waffe kommt. Insbesondere infolge vergangener Amokläufe wurden diese weiter verschärft. Es gibt keinen Grund, die Schützen weiter zu gängeln.

Warum reagieren die Schützenvereine so vehement?

Die Mitglieder von Schützenvereinen stehen in der Ecke. Sobald irgendetwas in Zusammenhang mit Waffen geschieht oder neue Gesetze diskutiert werden, ist die Presse für Schützen sehr schlecht. Sie sehen sich in ihrer Freizeitbeschäftigung und in ihrem Spaß beeinträchtigt.

In Internetforen und im Mail-Verkehr äußern sich einzelne Waffenbesitzer sehr aggressiv.

Man muss die Diskussion loslösen von dem, was in Internetforen geschrieben wird. Dort ist es leicht, unter einem Pseudonym Dampf abzulassen. Die Schützen haben jedenfalls wahnsinnig Angst davor, dass sie in der Gesellschaft diskreditiert werden. Das Hobby der Schützen ist nicht alltäglich. Es geht nicht um Laubsägearbeiten oder Auto-Tuning. Ihnen wird das Recht zugestanden, legal eine Waffe zu besitzen. Das ist ein besonderes Privileg. Dieses Privileg sehen die Schützen bedroht.

Schützenverbände setzen ihr Sportgerät mit anderen Geräten wie Fußbällen oder Rädern gleich. Ist das verniedlichend?

In der Regel sehen Schützen ganz klar die Differenz zwischen einem Fahrrad und einer Schusswaffe. Die Waffe ist ein Sportgerät, mit dem man potenziell auch verletzen und sogar töten kann.

Es wird außerdem in der Debatte immer wieder angeführt, wie wenig Tötungsdelikte es mit legalen Waffen gebe.

Die Zahlen sprechen eindeutig für die legalen Waffenbesitzer. Im Übrigen ist es in Deutschland überhaupt nicht notwendig, ein Brotmesser in der Wohnung zu haben, man kann sich das Brot auch beim Bäcker schneiden lassen. Es werden deutlich mehr Menschen in Deutschland mit Brotmessern umgebracht als mit legalen Schusswaffen. Aber man kommt nicht auf die Idee, Brotmesser zu besteuern.

Wenn Menschen ein Hobby betreiben, dann ist das Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen sie umgehen, häufig von Irrationalität geprägt. Bei Waffenbesitzern spielt häufig der Freiheitsbegriff eine Rolle. Ist der Gegenstand ,Waffe' etwas Besonderes?

Es ist der historische Verweis auf die ,wehrhaften Schützen' im Mittelalter, denn die ersten Zusammenschlüsse von Schützen trugen wesentlich zur Befreiung und Sicherung der Städte bei. Aber das ist heute natürlich hinfällig. Für Schützen ist die Waffe aber eben nicht nur ein Sportgerät, sondern es ist ein faszinierender technischer und ästhetischer Gegenstand mit Geschichte.

Aber es geht um Technik zum Töten.

Ja, die Waffe ist ein potenziell gefährlicher Gegenstand, den es zu beherrschen gilt. Aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass Schusswaffen am Ende sogar disziplinieren. Wenn ein Waffenbesitzer bei Rot über die Ampel fährt oder mit Alkohol am Steuer erwischt wird, dann wird seine Zuverlässigkeit infrage gestellt und er verliert seinen Anspruch auf eine Waffenbesitzkarte.

Sie haben in Schützenvereinen geforscht.

Wir haben unsere Forschungen in Schützenvereinen gestartet, weil wir den Eindruck hatten, es fände eine legale Bewaffnung der Bevölkerung statt. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Nicht ganz einfach war, dass dabei genau das Gegenteil dessen herausgekommen ist, wovon wir ursprünglich ausgegangen waren. Es geht nicht um Bewaffnung, sondern um Faszination.

Was haben sie festgestellt?

Schon der Feldzugang ist schwierig. Schützenvereine sind eine geschlossene Gemeinschaft, die sich abschottet. Sie kommen eigentlich nur über Freunde in so einen Verein. Wenn Sie es auf eigene Faust probieren, dann werden Ihre Motive, Ihre Beweggründe von den Vereinsmitgliedern nachgerade erforscht. Dahinter steckt, dass die Schützen niemanden auf dem Schießstand haben wollen, den sie nicht einschätzen und vertrauen können. Die Vereine regulieren das sehr gut, da gibt es eine gewissenhafte Auswahl. Die zuständigen Behörden haben auch bewusst die Sachkundeprüfung zum Waffenbesitz in der Hand der Schützenverbände gelassen.

Einerseits sagen Sie, die Schützenvereine schotten sich ab, andererseits werben die Schützen aber schon bei Kindern um Nachwuchs.

Die Logik dahinter ist, junge Menschen von Anbeginn mit Waffen vertraut zu machen, um Angst und Vorurteile abzubauen. So wird auch nach draußen kommuniziert, dass der Schießsport nichts Schlimmes ist. Und ganz nebenbei, was Konzentration und Entspannung angeht, ist das Schießen ein interessanter Sport. Das hat etwas Kontemplatives. Das war für mich auch überraschend.

Sie hätten keine Bedenken, Schulkinder an diesen Sport heranzuführen?

Gehen Sie auf die Kirmes. Wo finden Sie Kinder mit ihren Eltern - das ist die Schießbude oder das Dosenwerfen. Die These ist schlicht falsch, dass Jugendliche immer gewalttätiger werden. Alle Zahlen sprechen dagegen, dennoch, es gibt immer wieder Fälle und es wird immer wieder erschreckende Fälle von Gewaltakten geben. Es ist immer falsch, von Minderheiten auf Mehrheiten zu schließen.

Sie sagen, die zunehmende Furcht in der Gesellschaft vor Waffen wird durch reale Entwicklungen nicht gedeckt?

Genau. Wenn ein Amoklauf stattfindet, ist das ein großes Thema für die Medien. Es wird bis ins Detail berichtet, wie sich das an der Schule abgespielt hat. Es gibt aber keine Zunahme von Amokläufen sondern lediglich eine intensivere Berichterstattung.

Folglich halten Sie die Forderung nach einer Waffensteuer für eine Überreaktion der Politik?

Ich halte es wirklich für eine Gängelung, die spätestens vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden würde. Für die Steuer gibt es keine Grundlage. Es ist in meinen Augen irrsinnig, für ein Hobby eine Steuer zu erheben. Der Gesetzgeber kann den Besitz von legalen Schusswaffen in Deutschland verbieten. Dann müssen wir aber darüber sprechen, was noch alles verboten gehört. Es ist die Tendenz erkennbar, dass immer mehr Dinge an den Rand der Gesellschaft ausgelagert werden, Leute an den Pranger gestellt werden: Nach den Rauchern kommen die Dicken, nach den Schützen die Besucher von Spielhallen. Das sind symbolische Kreuzzüge, die da geführt werden. Und wie wir wissen, jede vermeintliche Problemlösung schafft immer fort neue Probleme.

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