Start-up Ujam will Musikmarkt demokratisieren Einmal Silicon Valley und zurück

Von der Bremen nach Kalifornien: Als Peter Gorges und Axel Hensen vor sechs Jahren ihr Start-up Ujam gründeten, war dieser Traum greifbar. Ihr Ziel: Den Musikmarkt revolutionieren – und demokratisieren.
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Einmal Silicon Valley und zurück
Von Carolin Henkenberens

Von der Bremen nach Kalifornien: Als Peter Gorges und Axel Hensen vor sechs Jahren ihr Start-up Ujam gründeten, war dieser Traum greifbar. Ihr Ziel: Den Musikmarkt revolutionieren – und demokratisieren.

Mit Ujam kann der Nutzer seine mit dem Computermikrofon aufgenommene Stimme glätten. Das Programm mixt je nach Wunsch Beats, Gitarren- oder Klaviermusik dazu. Egal ob Hiphop, Elektro oder Rock: Alles ist mit einigen Klicks mischbar, ohne professionelle Musiker oder Tonstudio.

Die Software begeisterte Investoren. Im Frühjahr 2010 präsentierte sich Ujam auf der „Tech Crunch Disrupt“, einer Konferenz in New York. Laut Hensen funktioniert die wie „Deutschland sucht den Superstar“ – nur für Technologie-Start-ups. Jury und Publikum waren von der Idee der Bremer Software-Entwickler angetan. Allein die Tatsache, dass ihre Idee noch in den Anfängen steckte, ließ sie nur auf dem zweiten Platz landen. Danach hätten Investoren aus Silicon Valley „sehr schnell sehr viel Geld“ in Ujam investiert. Ein Investor war die Risikokapitalgesellschaft des SAP-Gründers Hasso Plattner.

Ein weiterer Pluspunkt von Gorges und Hensen: Von Anfang an hatten sie Unterstützer von prominenter Seite. Denn die Idee zu Ujam hatte der bekannte Filmkomponist und Oscar-Preisträger Hans Zimmer, der die Musik zu König der Löwen und Fluch der Karibik komponiert hat. Zimmer wiederum begeisterte den Musiker Pharrell Williams („Happy“) für Ujam. Doch wie kommen zwei Bremer Software-Entwickler zu diesen hochkarätigen Kontakten, die bei Ujam immer „die Hollywood-Fraktion“ genannt wird?

Gorges ist kein Unbekannter in der Musikszene. Der 52-Jährige gilt als profilierter Experte für Synthesizer, jene Instrumente, mit denen sich elektronische Musik erzeugen lässt. Mit seiner vorherigen Firma Wizoo erarbeitete sich Gorges einen Namen, schrieb Fachbücher und entwickelte Software zur Tongestaltung. Auch Hensen (39) und der Vertriebs- und Marketing-Chef von Ujam, Wolfram Knelangen (35), haben damals schon in Gorges‘ Unternehmen mitgearbeitet.

2004 stieg Zimmer als Gesellschafter bei Wizoo ein. Ein Jahr später verkaufte Gorges seine Firma an die US-Aktiengesellschaft Avid Technology, wo er und seine beiden Kollegen fortan arbeiteten. „Du willst ja wohl nicht den Rest deines Lebens in diesem Riesenladen arbeiten“, habe Hans Zimmer zu Gorges irgendwann gesagt und mit ihm die Idee zu Ujam entwickelt.

Mit Risikokapital stiegt der Druck

Mit dem Geld der Risikokapitalgeber stieg auch der Druck. Die Plattform Ujam sollte in kürzester Zeit massentauglich werden. Das ist nicht geglückt. Doch die Investoren drängten. „Wir haben gesagt: ‚Eine gute Idee braucht Zeit, das dauert dann auch mal fünf oder sieben Jahre’“, sagt Hensen. Deshalb habe man sich entschieden, sich von den Risikokapitalgebern zu trennen und deren Geschäftsanteile zurückzukaufen. Heute gehört das Unternehmen Ujam zu etwas mehr als 50 Prozent Gorges und Hensen, den Rest halten Zimmer und Williams.

„Jeder sagt dir: ‚Du kannst der nächste Marc Zuckerberg sein.’ Aber keiner verrät dir, dass du auch einer derjenigen sein könntest, die auf der Strecke bleiben“, sagt Gorges. Denn Risikokapitalgeber kalkulierten natürlich ein, dass nur eines von zehn Start-ups erfolgreich ist. Für die Bremer stand jedoch fest: Sie wollten ihr Unternehmen nicht veräußern, wollten nicht einfach 15 Mitarbeiter auf die Straße setzen, sondern an einem langsamen, aber nachhaltigen Wachstum arbeiten. Als Misserfolg werten Gorges und Hensen die Erfahrung rückblickend deshalb nicht.

Im Gegenteil. Heute hat die Ujam Development GmbH 23 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz im unteren siebenstelligen Bereich. Zwar werde die Plattform Ujam seit der Trennung von den Investoren vor drei Jahren nicht weiterentwickelt, sagt Knelangen. Doch seither habe sich viel an der Einstellung der Unternehmer geändert. „Wir haben eine kritische Denkart entwickelt über die Art und Weise, wie solche Investorenmodelle funktionieren“, sagt Hensen. Das Modell, ein Unternehmen schnell groß zu machen und dann gewinnbringend zu verkaufen, lehnen sie ab.

Bei Ujam gibt es flache Hierarchien, jeder trifft die Entscheidungen, die er oder sie verantworten kann und will. Keine Ansagen von oben, kein Erfolgsdruck. Auch ihr Büro im ehemaligen Weinkontor in der Überseestadt spiegelt das wider: Es mutet an wie ein Loft, in dem sich Freunde treffen. Besprechungen hält das überwiegend junge Team auf Sitzsäcken oder in gemütlichen Ecken ab, alle duzen sich. Hensen, Gorges und Knelangen sind verwurzelt in Bremen. Während der Phase, in der sie die Investoren regelrecht hofiert hätten, sei ihnen nahegelegt worden, ihren Sitz ins Silicon Valley zu verlegen. Doch Hensen, der aus einer Bremer Reeder-Familie stammt, und Gorges, der schon seit 1993 in Bremen lebt, lehnten ab. „Wir wollen hier bleiben“, sagen sie. Nur mit Heimatliebe ist das allerdings auch nicht zu erklären. „In Bremen konkurrieren wir eben nicht mit Facebook oder Google, die ihre Mitarbeiter mit Geld überhäufen“, sagt Hensen. Außerdem müsse sich Bremen mehr anstrengen als andere Orte, die Wirtschaftsförderung unterstützt Ujam.

Seinen Umsatz erwirtschaftet Ujam seit drei Jahren wieder mit Programmen für den professionellen Musikmarkt. Nischenprodukte, wie Hensen sagt. Zum einen hat Ujam die Softwares „Virtual Guitarist“ und „Songcruncher“ entwickelt. „Virtual Guitarist“ bietet elektronisch erzeugte Gitarrenklänge für die Musikproduktion. Der Vorteil: Der Produzent muss keinen professionellen Gitarristen bezahlen. Mit „Songcruncher“ lassen sich Lieder beliebig kürzen und verändern.

Wer ein Video produzieren will, aber kein Musikexperte ist, kann einen dreieinhalb -minütigen Song auf dreißig Sekunden kürzen. Die Software zerlegt den Song dazu in seine Einzelteile und setzt ihn gekürzt wieder zusammen – und zwar so, dass das Musikstück immer noch harmonisch klingt und einen Spannungsbogen besitzt. Potenzielle Kunden sind zum Beispiel Marketing-Abteilungen, die einfach Videos produzieren wollen.

Als weiteres Geschäftsfeld erarbeitet Ujam im Auftrag von Produktionsfirmen Software zur Erstellung von Filmmusik. Damit steckt in Hollywood-Filmen auch ein Stück Technologie aus Bremen. Ujams Technik hat es damit in Kinos überall auf der Welt geschafft, nicht nur in Kalifornien.

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