Obduktionspflicht bei Kindern Eltern sind oft für die Untersuchung

Bremen. Michael Birkholz hat Mühe, die aktuelle Diskussion um die Obduktion von verstorbenen Kindern zu begreifen. „Die Gegner führen die Gefühlswelt der Eltern an, dabei können sie sich gar nicht auf die Mehrheit der betroffenen Väter und Mütter berufen“, gibt der Leiter der Rechtsmedizin zu bedenken.
16.03.2010, 14:15
Lesedauer: 2 Min
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Von Rose Gerdts-Schiffler

Bremen. Michael Birkholz hat Mühe, die aktuelle Diskussion um die Obduktion von verstorbenen Kindern zu begreifen. „Die Gegner führen die Gefühlswelt der Eltern an, dabei können sie sich gar nicht auf die Mehrheit der betroffenen Väter und Mütter berufen“, gibt der Leiter der Rechtsmedizin in Bremen zu bedenken. Als Beweis verweist der Mediziner auf eine Studie eines Essener Kollegen aus dem Jahr 2005, nach der 83 Prozent der betroffenen Eltern, deren verstorbene Kinder obduziert wurden, die Untersuchung im Nachhinein als „sehr hilfreich“ bezeichneten.

Nur eine Minderheit der befragten Eltern habe sich in der Studie gegen eine Obduktion ausgesprochen. „Die Gründe hierfür können religiös bedingt sein oder weil man kein Interesse daran hat, dass die wahre Todesursache bekannt wird“, erläutert Birkholz. Dem Gros der Eltern helfe es jedoch, zu erfahren, ob ihr Kind an einer unerkannten Stoffwechselerkrankung litt, an einer Infektion oder den plötzlichen Säuglingstod gestorben sei.

Der Verein „Gemeinsame Elterninitiative plötzlicher Säuglingstod (GEPS)“ in Hannover befürwortet grundsätzlich Obduktionen. Die Ergebnisse könnten die betroffenen Väter und Mütter von eigenen Schuldgefühlen wie auch von Schuldvorwürfen anderer entlasten, heißt es in einer Stellungnahme des Vereins.

Ein entschiedener Befürworter von Obduktionen im Säuglingsalter ist auch Dr. Johannes Schimansky, der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes in Bremen. „Die Ungewissheit, warum ihr Kind gestorben ist, lässt Eltern meist über Jahre nicht mehr los.“ Nicht selten seien die Betroffenen zudem offenen oder verdeckten Vorwürfen aus der Verwandtschaft und der Nachbarschaft ausgesetzt. Können die Rechtsmediziner nachweisen, dass die Eltern nichts falsch gemacht haben, sondern das Kind an einer Krankheit oder dem Phänomen des sogenannten plötzlichen Säuglingstods gestorben sei, könne dies für die Bewältigung der Trauer von großer Bedeutung sein.

Über 90 Prozent der Kinder, die aus zunächst unbekannter Ursache sterben, seien nicht älter als ein Jahr, führt Rechtsmediziner Birkholz an. Gleichwohl hält er auch die Obduktion älterer Kinder für sinnvoll. „Das 6. Lebensjahr in der aktuellen Debatte ist nur gewählt worden, weil Kinder in diesem Alter eingeschult werden. Ab dem Moment haben auch Lehrerinnen und Lehrer einen Blick auf sie.“ Die ganze Debatte mutet Birkholz auch noch aus einem anderen Grund merkwürdig an: „Was ist daran eigentlich unethisch, wenn ein Arzt einen toten Menschen untersucht?“

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