Folgen des Aufenthaltserlasses

Endlich eine Zukunft in Deutschland

Bremen. Der 19-jährige Ramazan ist das, was man einen wohlgeratenen jungen Mann nennen würde. Doch als "Geduldeter" konnte Ramazan noch so viel leisten, überall stand ihm bislang sein Aufenthaltsstatus im Weg. Das könnte sich nun ändern.
19.09.2010, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rose Gerdts-Schiffler
Endlich eine Zukunft in Deutschland

Ramazan ist 19 Jahre alt und sucht eine Lehrstelle.

Mario Wezel

Bremen. Der 19-jährige Ramazan ist das, was man einen wohlgeratenen jungen Mann nennen würde. Doch als "Geduldeter" konnte Ramazan noch so viel leisten, überall stand ihm bislang sein Aufenthaltsstatus im Weg. Das könnte sich nun ändern.

Ramazan hat ein sehr gutes Fachabitur in der Tasche, sucht engagiert nach einer Lehrstelle und überbrückt die Wartezeit mit einem Sozialen Jahr. Interessierte Lehrherren haben bisher aber immer abgewunken, wenn sie erfuhren, dass Ramazan nicht weiter als drei Monate bis zum nächsten Termin bei der Ausländerbehörde planen konnte.

'Solche Familien sitzen seit Jahren auf gepackten Koffern', sagt der Diplomsoziologe Cemal Kocas. Die permanente Angst vor der Abschiebung bestimmte ihr Leben. Damit ist jetzt Schluss. Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) hat mitten in der Debatte um Thilo Sarrazin (SPD) einen Erlass auf den Weg gebracht, der minderjährigen Kindern von Eltern, die bei der Einreise eine falsche Identität angaben, unter bestimmten Voraussetzungen einen gesicherten Aufenthaltstatus ermöglicht.

Bislang richtete sich ihr Aufenthaltstatus nach dem ihrer Eltern. Und diese hatten mit der Täuschung bei der Einreise vor 15 oder 20 Jahren ihre Chancen und die ihrer Kinder auf einen längerfristigen Aufenthaltsstatus in Deutschland verspielt. Mit fatalen Folgen für die Ausbildung und Motivation der Kinder.

Milad möchte studieren

Milad ist 16 Jahre alt - ein zurückhaltendes Mädchen, das die 10. Klasse mit einem Notendurchschnitt von 2,5 beendet hat. Ihr nächstes Ziel ist das Abitur. Danach will sie studieren. 'Ich lerne jeden Tag', berichtet sie. Hilfe von zu Hause kann sie nicht erwarten. Regelmäßig muss sie ihren sechs jüngeren Geschwistern helfen.

'Eigentlich wäre alles umsonst gewesen, was ich bisher gelernt habe', sagt sie ernst. Denn mit ihrem Aufenthaltsstatus hätte Milad nicht studieren dürfen. Vermutlich hätte sie trotzdem weitergebüffelt und sich irgendwo in der kleinen Dreizimmerwohnung in Hemelingen, die sich neun Menschen teilen, eine Ecke zum Lernen gesucht. Doch seit dem Wochenende haben Milad und ihre Geschwister eine neue Zukunft.

'Bei uns zu Hause herrschte Freude pur', erzählt auch Ramazan. Es war sein Vater, der die Neuigkeit aus dem Haus der Innenbehörde vor ein paar Tagen mit nach Hause brachte. Ramazan fiel als erstes auf, dass sein Vater eine Zeitung unter dem Arm trug, obwohl er Analphabet ist. Aufgeregt hielt er seinem Sohn eine Seite aus der Zeitung hin: 'Sohn, lies, was da steht. Lies!'

Sowohl Ramazan als auch Milad gehören zu der Gruppe, die in den Medien oft als 'kurdische Libanesen' bezeichnet werden. Tatsächlich gehören sie einer arabisch sprechenden Minderheit in der Türkei an. Eine Gruppe, die in der Öffentlichkeit oft mit Kriminalität gleichgesetzt wird. Dass manche dieser Familien erstaunliche Integrationsleistungen vollbracht und ihre Kinder keinerlei Probleme mit dem Gesetz haben, wird oft übersehen.

Ramazan Mutter hatte als 'Geduldete' keinen Anspruch auf einen Sprach- und Integrationskurs. Sie fand dennoch einen Kurs, in dem sie als 'Gast' aufgenommen wurde und lernte nicht nur Deutsch, sondern auch Lesen und Schreiben. Ramazans Vater kümmerte sich um die Kinder, ging mit ihnen auf Spielplätze und hielt sie zum Lernen an.

In der 11. Klasse wurde Ramazan deutlich vor Augen geführt, dass er anders als seine Mitschüler war. 'Die fuhren zur Klassenfahrt nach Prag mit ihrem Personalausweis. Ich dagegen brauchte zig Sondergenehmigungen. Am Ende wollte ich schon gar nicht mehr mit.'

Dank seiner engagierten Lehrer ging es für Ramazan doch nach Prag. Nur sehr selten hat er Bremen in den vergangenen Jahren verlassen können. Denn Ramazans Familie durfte bisher nicht reisen. 'Die Freunde aus der Klasse kommen gebräunt aus dem Urlaub zurück, und diese Jugendlichen drehen sich immer nur im selben Kreis', sagt Cemal Kocas. 'Mit all den anderen Einschränkungen entsteht ein Egal-Zustand, der gefährlich ist.' Im Verein 'Ein Haus für unsere Freundschaft' in Hemelingen stützen und unterstützen Cemal Kocas und seine Kollegen die Kinder. Ramazan hat jedoch nicht mit Frust zu kämpfen. Ebenso wie Milad ist er hochmotiviert. Sein Ziel ist eine Lehre als Bankkaufmann oder Industriekaufmann - und die deutsche Staatsangehörigkeit. Inständig hofft er, eine Chance bei einem Unternehmen zu bekommen.

Bei den Stadtteilpolitikern in Hemelingen stößt der Erlass aus der Innenbehörde auf breite Zustimmung. 'Ab sofort können sich die Kinder etwas erarbeiten', ist Ortsamtsleiter Ullrich Höft überzeugt. Langfristig werde die neue Perspektive die Atmosphäre im Stadtteil positiv verändern. Aber auch anders herum würden die Integrationsbemühungen der Eltern, die einen Duldungsstatus haben, und ihr Engagement in schulischen Dingen ihrer Kinder belohnt. 'Das ist wegweisend für andere Länder', finden Beiratssprecherin Melanie Kennard (SPD) und Ralf Bohr (Grüne). Ein solcher Erlass sei längst überfällig.

Zustimmung für den Vorstoß des Innensenators gab es am vergangenen Donnerstag auch auf der Sitzung der Innendeputation. Dort betonte Ulrich Mäurer erneut, dass jeder Fall einer gesonderten Prüfung unterzogen werde. Die Angst, dass nun viele Geduldete nach Bremen zögen, sei unbegründet. Denn: Familien mit diesem Aufenthaltsstatus werden einem Bundesland zugewiesen und können sich ihren Wohnsitz nicht selbst aussuchen. Die Innendeputierten stimmten überein, dass der Erlass in einem halben Jahr neu überprüft werden solle.

Rolf Gössner, der für die Linke in der Innendeputation sitzt, begrüßte die Initiative des Innensenators. Sie entspreche in ihrer Tendenz den Vorgaben der Europäischen Menschenrechtskonvention, der Kinderrechtskonvention sowie dem Artikel 6 des Grundgesetzes. Für die betroffenen Kinder eröffne sich damit endlich eine dauerhafte Lebensperspektive mit Ausbildungs- und Erwerbschancen. Wegen der bisherigen prekären aufenthaltsrechtlichen Situation seien die Integrationschancen vieler dieser Kinder aber bereits erheblich geschmälert worden. Als integriert geltende Jugendliche sollten zudem nicht in Sippenhaft genommen werden, wenn ihre Geschwister kriminelle Wege eingeschlagen hätten. Der Verein 'Zuflucht - Ökumenische Ausländerarbeit' bezeichnete Mäurers Vorstoß als 'richtungsweisend'.

Für Ramazan steht fest: 'Bremen braucht ein Patent darauf.'

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