Lothar Probst über die Bedeutung Wilhelm Kaisens "Er hat Gegensätze ausgeglichen"

Bremen. Als langjähriger Bürgermeister hat Wilhelm Kaisen den wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau der Stadt mitgeprägt. Über seine Verdienste hat Britta Schleßelmann mit dem Politikwissenschaftler Lothar Probst gesprochen.
22.05.2012, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste

Bremen. Als langjähriger Bürgermeister hat Wilhelm Kaisen den wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau der Stadt mitgeprägt. Über seine Verdienste hat Britta Schleßelmann mit dem Politikwissenschaftler Lothar Probst gesprochen.

Worin sehen Sie rückblickend Kaisens größten Verdienst?

Lothar Probst: Bremen verdankt Kaisen seinen Status als selbstständiges Bundesland. Er hat 1946 durch geschickte Diplomatie vor allem die Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht in Bremen davon überzeugt, dass Bremen selbstständig bleiben muss und nicht in Niedersachsen eingemeindet wird. Dadurch erreichte er unter anderem auch die Selbstverwaltung der Bremer Häfen. Ein anderer großer Verdienst liegt darin, dass es ihm gelang, die Gegensätze von Kaufmann- und Arbeiterschaft in der Stadt auszugleichen, indem er sie zum Wohle des Landes in den 1950er- Jahren in der sogenannten Wiederaufbaukoalition zusammenführte.

Wo macht er sich heute noch bemerkbar?

Die Grundlagen für die Selbstständigkeit Bremens liegen in der Bedeutung der Häfen. Der Wiederaufbaukoalition unter Kaisens Führung gelang es nach dem Krieg, die Häfen wieder zum Rückgrat der bremischen Wirtschaft zu machen. Kaisen vergaß dabei aber nicht die Not der kleinen Leute, denn nach dem Krieg war vor allem die Wohnungsnot ein großes Problem. Durch Wohnungsbauprogramme entstanden neue Wohnungen und ganze Stadtteile. Davon abgesehen wirkt Kaisen auch politisch nach: Die starke Stellung der SPD in Bremen, die seit Kriegsende den Präsidenten des Senats in Bremen stellt, geht auf Kaisen zurück. Die SPD hat damals Wahlkämpfe mit dem Slogan geführt: "Alles für Bremen, Kaisen für Bremen". Er hat es verstanden, die Interessen des Landes unauflöslich mit denen der SPD zu verknüpfen. Das zeigt seine überragende Bedeutung. Auch wenn die Verknüpfung heute bei Weitem nicht mehr so stark ist, hat sie dennoch eine prägende Wirkung behalten.

Und seine bundespolitische Rolle?

Kaisen hat zum Vorteil Bremens Kontakte zum Bund gesucht. Obwohl er mit der SPD absolute Mehrheiten bei Bürgerschaftswahlen in den 1950er-Jahren geholt hat, koalierte er – zum Teil gegen den Willen seiner Partei – in einer Art Allparteienkoalition mit der CDU und der FDP. Dadurch hat er dem Senat gute Kontakte zur damaligen CDU/FDP-Regierung in Bonn gesichert. Diese waren nötig, um Fördergelder für Häfen und Wohnungsbau zu bekommen. Außerdem hat Kaisen sich für die Wiedervereinigung eingesetzt. Im Rahmen von zwei Interzonenkonferenzen versuchte er von Bremen aus, bundespolitische Initiativen zu entwickeln. An der ersten Konferenz 1946 in Bremen nahmen die Chefs der Länder teil. Kaisen nutzte die Konferenz, sein Ziel eines selbstständigen Bremens zu erreichen – mit Erfolg: Denn auf dieser Konferenz erklärte der Vertreter der Militärregierung, dass Bremen als selbstständiges Bundesland erhalten bleiben soll.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+