Razzia bei Bremer Rüstungsfirma

Ermittler durchsuchen Atlas Elektronik

Mitarbeiter der Bremer Rüstungsfirma Atlas Elektronik sollen jahrelang Militärangehörige in der Türkei bestochen haben, um an Aufträge zu gelangen. Bei einer Razzia wurden Unterlagen beschlagnahmt.
13.01.2016, 20:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Philipp Jaklin Ralf Michel
Ermittler durchsuchen Atlas Elektronik

Atlas Elektronik baut unter anderem die Minenvernichtungsdrohne „Seefuchs“.

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Mitarbeiter der Bremer Rüstungsfirma Atlas Elektronik sollen jahrelang Militärangehörige in der Türkei bestochen haben, um an Aufträge zu gelangen. Ermittler durchsuchten am Dienstag und am Mittwoch Geschäftsräume der Firmenzentrale im Bremer Stadtteil Sebaldsbrück und stellten dabei Unterlagen und Datenmaterial sicher. „Gegenstand unserer Ermittlungen sind Geschäfte mit Torpedos und Sonarsystemen“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Bremen, Frank Passade.

Zum zweiten Mal binnen weniger Jahre gerät Atlas Elektronik damit wegen Korruptionsvorwürfen ins Visier der Ermittler. Bereits 2013 hatte die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Atlas und die Bremer Tochter des Düsseldorfer Rheinmetall-Konzerns eröffnet. Der Vorwurf damals: Bestechung von Regierungsangehörigen in Griechenland. Schmiergeld soll geflossen sein, um U-Boot-Ausrüstung zu verkaufen. Die Ermittlungen gegen Rheinmetall Defence Electronics wurden 2014 gegen Zahlung eines Bußgelds von 37 Millionen Euro eingestellt. Das „Hellas-Verfahren“ gegen Atlas Elektronik läuft weiter.

Nun haben die Behörden ihre Ermittlungen ausgeweitet und ein zweites Verfahren wegen der Schmiergeldvorwürfe in der Türkei eröffnet. Laut Staatsanwaltschaft gibt es insgesamt 14 Beschuldigte, die meisten davon Atlas-Mitarbeiter. Auch mehrere türkische Staatsangehörige seien unter den Verdächtigen. Die Korruption soll dabei Methode gehabt haben: Die Vorwürfe erstrecken sich auf einen Zeitraum zwischen 1998 und 2014.

Atlas Elektronik kündigte in einer Stellungnahme an, das Unternehmen werde an der „weiteren Aufarbeitung des Falls“ aktiv mitwirken. Man kooperiere „vollumfänglich mit den Behörden“. Bereits im vergangenen Jahr habe Atlas eine interne Untersuchung begonnen und der Staatsanwaltschaft Unterlagen zu dem fraglichen Türkei-Projekt übergeben. Eine „schnelle und umfassende Aufklärung“ habe für das Unternehmen nun „oberste Priorität“. „Der Anfangsverdacht ging von der Staatsanwaltschaft aus“, sagte dazu der Sprecher der Anklagebehörde.

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Atlas Elektronik stellt unter anderem Sonarsysteme für U-Boote und Marineschiffe sowie Torpedos her. Das Unternehmen beschäftigt in Bremen rund 1500 Mitarbeiter, weltweit sind es etwa 2100. Zuletzt erwirtschaftete es einen Umsatz von mehr als 400 Millionen Euro. Eigner von Atlas Elektronik sind Thyssen-Krupp und die EADS-Tochter Airbus. Beide Konzerne wollten sich am Mittwoch nicht zu den ausgeweiteten Korruptionsermittlungen äußern.

Die Staatsanwaltschaft ließ offen, ob weitere Unternehmen verdächtigt werden, Schmiergelder in der Türkei gezahlt zu haben. Auch zu den Summen, die geflossen sein sollen, wollte sich der Sprecher der Anklagebehörde nicht äußern. „Wir müssen die sichergestellten Unterlagen zunächst auswerten“, sagte Oberstaatsanwalt Passade. „Das kann Monate dauern.“

Auf die Spur der mutmaßlichen Schmiergeldzahlungen in der Türkei kamen offenbar Fahnder der Ermittlungsgruppe „Hellas“. Sie ist eine Kooperation von Polizei, Steuerfahndung und der Zentralen Anti-Korruptionsstelle unter Führung der Staatsanwaltschaft. Laut Anklagebehörde ist bei Atlas inzwischen Firmenvermögen von 69 Millionen Euro vorsorglich eingefroren worden – damit es für ein etwaiges Bußgeld zur Verfügung steht. „Es geht darum, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht im Unternehmen verbleiben soll“, sagte Passade.

Bereits 2013 hatte es bei Atlas in Bremen-Sebaldsbrück und am Standort der Torpedo-Fertigung in Wedel bei Hamburg Durchsuchungen wegen des „Hellas-Verfahrens“ gegeben. Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft weiterhin gegen insgesamt 16 Beschuldigte. Nach der Eröffnung des Verfahrens hatte die Anklagebehörde den beschuldigten Firmen vorgeworfen, jeweils ungefähr neun Millionen Euro Schmiergeld gezahlt zu haben. Bereits 2011 hatte das Landgericht München zwei ehemalige Manager des Essener Industrie-Dienstleisters Ferrostaal wegen Korruption bei U-Boot-Geschäften mit Griechenland zu Bewährungsstrafen verurteilt. Ferro-staal musste damals eine Geldbuße von rund 140 Millionen Euro zahlen.

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