Interview zur Europawahl

„Es ist aggressiver geworden“

Helga Trüpel (60) sitzt seit 15 Jahren im Europaparlament. Die Grüne aus Bremen spricht im Interview über Rechtsnationale und -populisten im Parlament und ihre persönlichen Pläne nach ihrem Mandat.
21.05.2019, 21:05
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Es ist aggressiver geworden“
Von Norbert Holst
„Es ist aggressiver geworden“

Helga Trüpel kandidiert nicht mehr für das Brüsseler Parlament.

Frank Thomas Koch

Frau Trüpel, nach 15 Jahren als Europaparlamentarierin hören Sie nun auf. Fällt der Abschied schwer?

Helga Trüpel: Ja und nein. In einer Zeit, in der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bedroht sind, ebenso wie kulturelle Vielfalt und Offenheit der Gesellschaft, nicht mehr in meiner Rolle als Europaabgeordnete dabei zu sein, fällt schon schwer. Aber es war eine persönliche Entscheidung. Ich bin ja nicht abgewählt worden, sondern ich habe nicht wieder kandidiert. Ich wollte mit dieser Art von Leben und Arbeit aufhören. Von daher gibt es zwei Seelen in meiner Brust.

Am Sonnabend sind Rechtsnationalisten aus Europa zu einer großen Kundgebung nach Mailand gekommen. Droht nach der Europawahl eine Art rechter Block im Parlament?

Das haben die zumindest angekündigt.

Ist das nur eine Drohung, oder ist es realistisch, dass sich die Rechten sammeln?

Das werden wir erst sehen, wenn sie es wirklich versuchen. Wir hatten in den vergangenen Jahren schon öfter solche Versuche, die sind gescheitert. Aber ich gehe im Moment davon aus, dass Matteo Salvini, Marine Le Pen im Hintergrund und andere nationalistische, autoritäre Populisten versuchen werden, das hinzubekommen. Weil das natürlich ihren Einfluss richtig vergrößern würde. Ich halte das auch für ziemlich besorgniserregend. Aber wie die mit ihren internen Widersprüchen umgehen, das kann man erst sehen, wenn es soweit ist.

Lesen Sie auch

Laut Umfragen werden Rechtsnationale und Rechtspopulisten zulegen.

Ja, aber damit haben sie keine Mehrheit. Selbst wenn sie 25 Prozent oder so bekämen, wäre das ja keine blockierende Mehrheit im Parlament.

Etliche Rechtsaußen-Parteien sind bereits in Brüssel vertreten. Hat sich dadurch etwas verändert?

Seit 2014 hat sich das Klima im Plenum sehr verändert. Viel zugespitzter, viel aggressiver – und die Rechtspopulisten fühlen sich im Aufwind. In der Preisklasse von Nigel Farage oder Marine Le Pen haben sie immer sehr beherzt aufgespielt mit ihrem Anti-Europa-Narrativ. Und auch als Frau bekommt man Sprüche zu hören. Einer der rechten polnischen Abgeordneten hat es tatsächlich geschafft zu sagen, dass Frauen zu Recht weniger Geld verdienen, weil sie ja dümmer seien. Das hat zu einem unglaublichen Aufschrei geführt. Der Abgeordnete hat dann richtig Ärger bekommen – zu Recht.

Haben die Rechtsnationalen die anderen Fraktionen zusammenrücken lassen?

Ja, natürlich. Die anderen Fraktionen wollen – bei allen Differenzen, die es gibt – dieses europäische Projekt verteidigen. Sie setzen alles daran, klarzumachen, dass die EU liefern muss. Die Konfrontation von der rechten Seite hat das mit ausgelöst. Hier in Cannes wird von Kulturschaffenden auch noch ein Manifest zur Wahl verabschiedet. Darin wird dazu aufgerufen, wählen zu gehen, für ein liberales, demokratisches Europa einzutreten und nicht zurückzufallen in den Nationalismus.

Lesen Sie auch

Was bleibt persönlich von den 15 Jahren in Brüssel?

Natürlich werde ich die Freunde und die netten Leute vermissen, wobei ich aber auch in Kontakt bleiben werde. Die weniger netten Leute werde ich nicht vermissen. Ich bin jetzt auch in die Fachkommission Kultur der deutschen Unesco gewählt worden. Von daher werden Themen wie die Urheberrechtsreform für mich nicht aufhören, auch wenn ich nicht mehr Abgeordnete bin.

Politik in Bremen ohne Helga Trüpel kann man sich auch nicht wirklich vorstellen . . .

. . . naja, ich werde mein Leben schon ein wenig ändern, ich will ein bisschen Klavier lernen und mal wieder ein paar gute Bücher lesen. Aber bei einigen politischen Themen will ich dranbleiben, wenn sie in meinen Augen für die Qualität der Demokratie entscheidend sind. Das wird mich nicht loslassen.

Gibt es noch weitere konkrete Pläne?

Ich hatte mal eine kleine Firma, Agentur Art, für Kulturmanagement und -beratung gegründet. Das Projekt möchte ich wiederbeleben. Und dann werde ich auch versuchen, auf vertraglicher Basis zu arbeiten. Aber ich will keine Lobbyistin werden, um das ganz deutlich zu sagen.

Was war denn in den Jahren der Parlamentsarbeit der frustrierendste Moment?

Der Brexit. Als ich das Votum für den Brexit hörte, da war ich extrem frustriert.

Den Ausgang der Abstimmung hatten Sie vermutlich auch nicht erwartet, oder?

Doch. Ich hatte im Parlament mitbekommen, was meine britischen Kollegen so erzählt haben. Bei all der Emotionalisierung und weil die Lügen eine so große Rolle gespielt haben, hatte ich das Ergebnis befürchtet.

Lesen Sie auch

Nun die Gegenfrage, auch wenn ich mir die Antwort fast vorstellen kann …

… die gewonnene Abstimmung über das Urheberrecht vor zwei Monaten. Das Thema war mir besonders wichtig, weil ich nicht nur das Freie im Netz haben will, sondern ich will ein freies und faires Netz. Ich möchte, dass Journalisten, Künstler und Filmemacher, Autoren und Musiker von den digitalen Plattformen angemessen bezahlt werden, indem lizenziert wird. Dann braucht man auch keine Uploadfilter. Zu versuchen, diesen Machtkampf mit dem Silicon Valley zu beeinflussen, das war mir extrem wichtig. Deswegen will ich an diesem Thema auch weiterhin arbeiten.

Das Gespräch führte Norbert Holst.

Info

Zur Person

Helga Trüpel (60) sitzt seit 15 Jahren im Europaparlament. Die Grüne aus Bremen kandidiert nicht mehr für das Brüsseler Parlament. Gegenwärtig ist die Kulturpolitikerin bei den Filmfestspielen in Cannes.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+