Interview mit Fanprojekt-Leiter Michael Gabriel "Es ist ein Kampf um die Kurve"

Der Leiter der Koordinierungsstelle für Fußball-Fanprojekte, Michael Gabriel, hat die gewalttätige Allianz zwischen Hooligans und Neonazis kommen sehen. Eine Hochburg liegt in Nordrhein-Westfalen.
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Von Johannes Nitschmann

Der Leiter der Koordinierungsstelle für Fußball-Fanprojekte, Michael Gabriel, hat die gewalttätige Allianz zwischen Hooligans und Neonazis kommen sehen. Eine Hochburg der fremdenfeindlichen Krawallos liegt in Nordrhein-Westfalen. Johannes Nitschmann sprach mit ihm.

Herr Gabriel, die Koordinationsstelle Fanprojekte gilt als Seismograf für alarmierende Entwicklungen in der Fußball-Szene. War das Erdbeben der gewalttätigen Hooligan-Krawalle vor zwei Wochen in Köln nicht absehbar?

Michael Gabriel: Seit zwei, drei Jahren ist in manchen Stadien festzustellen, dass die alten rechten Hooligans oftmals sehr junge Ultragruppen bedrohen, die sich gegen Rassismus und für eine bunte Fankurve engagieren. Anknüpfend an die 80er-Jahre wollen diese Hooligans wieder ihr autoritäres rechtes Weltbild durchsetzen. Diese Entwicklung hat jetzt mit Köln eine neue Qualität bekommen, da sich dort Hooligans und Nazis losgelöst vom Fußball zu einem rassistischen Mob formiert haben. Hooligans wollen in den Stadien und auf der Straße Raum für ein rechtes Weltbild gewinnen. Wir haben das kommen sehen.

Die Sicherheitsbehörden sehen in der offenkundigen Allianz von Hooligans und Rechtsextremisten eine neue Dimension der Gewalt. Der Kern dieses Krawall-Bündnisses gegen Ausländer und Islamisten scheint bei Fangruppierungen von Vereinen in der Fußball-Hochburg Nordrhein-Westfalen zu liegen?

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass hier ein Schwerpunkt liegt. Immerhin kommt ein Großteil der Vereine, wo wir diese Konflikte beobachten konnten, aus Nordrhein-Westfalen, etwa aus Aachen, Duisburg, Dortmund, Düsseldorf und Essen. Zudem hat sich Dortmund als eines der größten Zentren der rechtsextremen Szene bundesweit etabliert. Wahrscheinlich war man im Westen zu lange nicht aufmerksam genug und hat das Problem nur in den Osten der Republik projiziert. Aber es ist definitiv ein Problem, das weit über NRW hinausreicht und bundesweite Relevanz hat. Unser Sensorium für alle Entwicklungen in der Fankurve, also auch für die politischen Auseinandersetzungen, ist sensibler als das der Polizei und vieler Vereine. Unsere Fanprojekte sind gute Seismografen

Seit wann beobachten Sie, dass sich gewaltaffine Fans unterschiedlicher Fußball-Clubs etwa bei den „Hooligans gegen Salafismus“ – kurz HoGeSa – zu Aktionseinheiten mit rechtsextremistischen Motiven und Zielen formieren?

Das ist eine recht neue Entwicklung, die eine ziemliche Dynamik entwickelt hat. HoGeSa beziehungsweise ihre wahrscheinlichen Vorgängergruppen „Gnu Honnters“ und „Deutsche traun‘ sich wieder was“ sind letztes Jahr das erste Mal aufgetreten und haben durch Aktivitäten im Internet Aufmerksamkeit erlangt.

Werden Fan- und Ultragruppierungen nach Ihren Beobachtungen gezielt von Rechten und Neonazis unterwandert?

Wir schätzen die Situation eher so ein, dass ein Kampf um die Hegemonie in der Fankurve stattfindet. Die Hooligans haben ihre starke Stellung, die sie in den 80er-Jahren bis Mitte der 90er-Jahre innehatten, an die jungen und kreativen Ultras verloren. Die stehen für einen lautstarken Support im Stadion und engagieren sich oftmals gegen Diskriminierungen für eine bunte und vielfältige Fankultur. Der rechtsextreme Aufmarsch in Köln hatte in gewisser Weise das gleiche politische Motiv: die Hooligans wollen sich die Deutungshoheit von den „verweichlichten Demokraten“ zurückholen, die zu viel diskutieren und angeblich viel zu tolerant sind gegenüber dem Islam, Flüchtlingen oder Homosexuellen.

Die nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden sehen bei Hooligans und Rechtsextremisten bundesweit eine Schnittmenge von 400 Personen. Zu den Kölner Krawallen rotteten sich aber annähernd 5000 Gewaltbereite aus diesen beiden Szenen zusammen. Haben Polizei und Verfassungsschutz hier eine gefährliche Entwicklung verschlafen?

Mal unabhängig von diesen Zahlenspielen ist es von zentraler Bedeutung, dass die Sicherheitsorgane die politische Dimension dieses Problems richtig wahrnehmen und als Gefahr für die Gesellschaft erkennen. Gerade nach den Erfahrungen im Umgang mit der terroristischen Vereinigung NSU, wie sie in den unterschiedlichen Untersuchungsberichten bekannt geworden sind, dürfen Polizei und Politik keinen weiteren Vertrauensverlust zulassen.

Wie reagieren der Deutsche Fußball-Bund und die Vereine auf die gemeinsamen Gewaltexzesse von Hooligans und Neonazis?

Die allermeisten Vereine, der DFB und die DFL positionieren sich hier sehr klar. Und das ist gut. Trotzdem glaube ich, dass in der Fußballfamilie noch nicht überall die politische Dimension dieser Problematik erkannt wird. Und es gibt bestimmt mancherorts auch eine gewisse Hilflosigkeit. Ich kann das nachvollziehen. Immerhin haben wir es mit Fußballvereinen zu tun, deren vordringliche Aufgabe es ist, Fußball zu organisieren. Deswegen ist es wichtig, dass sich Vereine Unterstützung von außen holen. Die Kölner Ereignisse waren kein Problem des Fußballs. Aber es wird zu einem Problem des Fußballs, wenn die Gruppen die dort ihre Fremdenfeindlichkeit ausgelebt haben, ihr Weltbild mit Gewalt auch wieder in die Stadien tragen, aus denen die Hooligans eigentlich kommen. Diese Gefahr ist sehr realistisch geworden.

Was unternehmen Sie als Koordinationsstelle für Fanprojekte Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit in den Fußball-Stadien?

Die vereinsunabhängigen pädagogisch arbeitenden Fanprojekte verzichten auf kurzfristigen Aktionismus, sondern setzen auf langfristige Verhaltensänderungen. Dazu setzen meine Kolleginnen und Kollegen in den 54 Fanprojekten seit mehr als zwanzig Jahren ganz früh bei den jüngsten Fans in der Kurve an. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, wie bunt, vielfältig und kreativ die Fanszene in Deutschland in ihrer großen Mehrheit ist und wie voll die Stadien in Deutschland sind, dann ist das auch der Arbeit der Fanprojekte zu verdanken. Natürlich gibt es immer noch Probleme mit dieser vitalen und teilweise wilden Jugendsubkultur – man denke nur an den nicht erlaubten Einsatz von Pyrotechnik in den Stadien. Aber noch nie haben sich so viele junge Menschen in den Fankurven gegen Diskriminierungen, gegen Rassismus, Homophobie oder Antisemitismus engagiert wie zurzeit.

Zur Person: Michael Gabriel (50) leitet seit 1996 die vom Deutschen Fußball Bund und dem Bundesfamilienministerium finanzierte Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) bei der Deutschen Sportjugend (DSJ). Zuvor hat der studierte Diplomsportwissenschaftler vier Jahre lang in einem Frankfurter Fanprojekt gearbeitet.

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