Essay zum Muttertag

Die Rabenmütter

Anlässlich des Muttertages betrachtet unsere Redakteurin Silke Looden die Situation von Frauen zwischen Kindern und Karriere: Ein Essay über Rabenmütter, die keine sind.
09.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Rabenmütter
Von Silke Looden
Die Rabenmütter

Raben sind entgegen ihren schlechten Rufs keine schlechten Eltern.

Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Den Raben wird nachgesagt, dass sie schlechte Eltern seien. „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt ­Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Eigentlich sollte der Ausdruck ­Rabenmutter eine Auszeichnung sein, findet der Referent für Umweltinformation. In einschlägigen wissenschaftlichen Magazinen betonen Forscher, dass gerade Raben eine intensive Brutpflege betreiben. Dumm nur, dass ihre Küken früh flügge werden und so der Eindruck entsteht, dass Rabeneltern ihre Kinder geradezu aus dem Nest werfen.

Lange wurde berufstätigen Müttern vorgeworfen, sie seien Rabenmütter. Das Gegenteil ist der Fall. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, einen Vater als Rabenvater zu bezeichnen, nur weil er seiner Arbeit nachgeht. Rabeneltern vernachlässigen ihre Kinder, auch wenn die wahren Raben noch so fürsorglich sind. Die Abwertung hat sich so sehr in den Köpfen festgesetzt, dass sie auch im Duden verankert ist. „Lieblos“ und „kaltherzig“ sei die Rabenmutter, heißt es dort. Immerhin hat auch der Rabenvater seinen Weg in das bedeutendste Nachschlagewerk für die deutsche Sprache gefunden – genauso wie die Rabeneltern.

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Foto: Illustration: Majetic

Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik sind neun von zehn Vätern erwerbstätig, aber nur drei von vier Müttern. Vor zehn Jahren waren es sogar nur zwei von drei Müttern. Frappierend ist jedoch, dass 66 Prozent aller erwerbstätigen Mütter in Teilzeit arbeiten, während es bei den Vätern nur sechs Prozent sind. Damit ist die Doppelbelastung von Kindern und Familie nach wie vor ein durch und durch weibliches Problem. Sechs Millionen Mütter seien davon betroffen, schreibt das Bundesamt. Immerhin ist eine minimale Annäherung zu beobachten. Im europäischen Vergleich arbeiten übrigens nur in Österreich und den Niederlanden noch mehr Frauen in Teilzeit als in Deutschland.

Kita

Der Ausbau der Kita-Plätze trägt dazu bei, dass weniger Mütter in Teilzeit arbeiten.

Foto: Jens Büttner/dpa

„Auch wenn der Anteil der Väter, die Elternzeit ­nehmen, steigt, nehmen die wenigstens Männer mehr als drei Monate Elternzeit“, schreibt Frauke Suhr vom ­Statistischen Bundesamt in einer Mitteilung zum Frauentag. Die Daten deu­teten zwar darauf hin, dass Mütter früher in den Job ­zurückkehrten, Väter blieben ­dafür aber nicht zu Hause, so Suhr. Grund für den schnelleren ­beruflichen Wiedereinstieg sei vielmehr der Ausbau von Kita-­Plätzen. Seit 2013 gibt es den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Dieser gilt jedoch nur für Krippen- und Kindergartenkinder. Erst in dieser Woche hat Bundesfamilienministerin ­Franziska Giffey (SPD) einen Gesetzentwurf vorgelegt, der auch Grundschulkindern einen Rechts­anspruch auf Ganztagsbetreuung einräumt.

Coronavirus - Homeoffice mit Kind

Homeoffice mit kleinen Kindern ist für Eltern ein Spagat.

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

In der Pandemie gestaltet sich die Vereinbarung von Familie und Beruf noch einmal schwieriger als ohnehin schon. Homeoffice und Homeschooling sind gerade mit kleinen Kindern nicht kompatibel. Und auch hier sind es vor allem Mütter, die sich in Multitasking üben. Noch schwieriger ist die Situation für Mütter, die in der Pflege oder im Einzelhandel arbeiten und nicht ins Homeoffice wechseln können. Die partnerschaftliche und wechselseitige Betreuung der Kinder bleibt mithin in weiten Teilen ein Privileg der Besserverdienenden, die dann aber am lautesten nach der Notbetreuung in Kita und Schule schreien, wenn diese wegen zu hoher Inzidenzwerte mal wieder schließen muss.

Helikopter-Mütter schaden sich und ihren Kindern

Wiederum andere entziehen sich dem Spagat zwischen Kindern und Karriere und entscheiden sich ganz bewusst, Vollzeit-Mutti zu sein. Ein Trend, der schon vor ein paar Jahren als eine Art Rollback-Bewegung zu erkennen war und durch das Cocooning, also den Rückzug ins Private, in der Pandemie womöglich noch verstärkt wurde. Sogenannte Helikopter-Mütter sind allerdings kein Phänomen, das nur unter Hausfrauen zu beobachten ist. Pädagogen warnen vor der Überfürsorge, die Kindern die Chance auf eigene Erfahrungen und Entfaltung nimmt – den Müttern übrigens auch.

EU-Gipfel in Portugal

Hat sieben Kinder: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Foto: Violeta Santos Moura/dpa

Dass Mütter auch in der Politik Karriere machen, ist keine Seltenheit mehr. Ursula von der Leyen (CDU) etwa ist siebenfache Mutter. Die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht begann ihre politische Karriere als Sozialministerin in Niedersachsen und ist heute Präsidentin der Europäischen Union. Die Ärztin machte mit Homestorys von sich reden. Nachdem ihr unterstellt wurde, sie missbrauche ihre Kinder für ihre politische Karriere, beendete sie die mediale Präsenz.

Gremiensitzungen der Bundesparteien

Ist die erste Mutter in Deutschland, die für das Amt der Kanzlerin kandidiert: Annalena Baerbock.

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), ist ebenfalls eine der wenigen Mütter in politischen Spitzenämtern. Als Bundesfamilienministerin brachte sie das Elterngeld Plus auf den Weg, das all jene unterstützen soll, die sich Erwerbs- und Familienarbeit partnerschaftlich teilen. Annalena Baerbock (Grüne) indes macht gar nicht erst den Versuch zu erklären, warum eine Mutter auch Kanzlerin kann. Die 40-Jährige kandidiert für das Amt, als sei es das Selbstverständlichste der Welt – und das sollte es ja auch sein.

Work-Life-Balance gewinnt an Bedeutung

Der neuen Generation von Müttern fehlt es also nicht an Vorbildern. Dennoch ist nach wie vor jede vierte Akademikerin kinderlos, wenngleich die Quote sinkt. Junge Frauen wollen offenbar nicht kinderlos bleiben, um sich im Beruf selbst zu verwirklichen. Junge Mütter und auch Väter schauen mehr und mehr auf die inzwischen viel zitierte Work-Life-­Balance, jedenfalls jene, die es sich leisten können. Dabei spielt ihnen die Situation auf dem Arbeitsmarkt in die Hände. Wegen des Fachkräftemangels gehen Firmen heute eher auf die Bedürfnisse junger Familien ein und werben mit flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice oder Betriebs-Kita.

Tatsächlich ist die Rabenmutter ein sehr deutscher Begriff, der kaum eine Entsprechung in anderen Sprachen findet. In Mexiko etwa gibt es auch Rabenmütter. Dort ist die „Mama Cuervo“ allerdings eine besonders liebevolle Mutter. Vorurteile gegenüber Raben hegen die Mexikaner offenbar nicht.

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