Prozess am Landgericht Bremen Ex-Amtsvormund von Kevin beklagt Informationsmangel

Bremen. Der frühere Amtsvormund des kleinen Kevin hat mangelnde Informationen und Arbeitsüberlastung als Mitursachen für die Tragödie genannt. Alle Beteiligten hätten wesentlich mehr über die Vorgeschichte und Lebensumstände des Jungen gewusst als er.
24.06.2010, 11:22
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Bremen. Der frühere Amtsvormund des kleinen Kevin hat mangelnde Informationen und Arbeitsüberlastung als Mitursachen für die Tragödie genannt. Alle Beteiligten hätten wesentlich mehr über die Vorgeschichte und Lebensumstände des Jungen gewusst als er, sagte der Beschuldigte am Donnerstag vor dem Landgericht Bremen.

Dort muss sich der 67-Jährige wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Vieles habe er erst nach KevinsTod erfahren. Polizisten hatten die Leiche des Zweijährigen am 10. Oktober 2006 im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters gefunden.

Gefasst und konzentriert schilderte der Angeklagte am zweiten Prozesstag die Ereignisse aus seiner Erinnerung. Über die Vorgeschichte des Jungen, über Polizeieinsätze bei den drogensüchtigen Eltern, den Missbrauchsverdacht und zahlreiche Warnungen sei er vom zuständigen Sozialarbeiter nicht informiert worden. "Ich habe die Akte nicht beantragt. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Akteneinsichtsrecht gehabt hätte."

Der Arzt des Ziehvaters habe zudem Fragen nach dem Gebrauch anderer Drogen bei der Substitution stets verneint. Für ihn habe es in dieser Situation zunächst keinen Grund für ein Eingreifen oder einen Hausbesuch gegeben.

Die Stellungnahme und die Befragung des 67-Jährigen zeigten wie auch schon der Untersuchungsausschuss zu der Tragödie: An vielen Stellen gab es Hinweise auf das Schicksal des Jungen, doch die Zahnräder liefen nicht ineinander. Bis heute steht der Tod Kevinswie kaum ein anderes Verbrechen für das Versagen der staatlichen Kinderfürsorge.

Für den Fall, dass er die nötigen Informationen gehabt hätte, stellte der Ex-Vormund klar: "Ich hätte kein Problem gehabt, einen Kurswechsel einzuschlagen." Auch wenn dabei einige Beteiligte nicht gut ausgesehen hätten.

"Ich habe immer versucht, für meine Mündel das Beste herauszuholen", versicherte der Beschuldigte. Den Aussagen des zuständigen Sozialarbeiters, der ebenfalls angeklagt wurde, aber verhandlungsunfähig ist, habe er Vertrauen geschenkt. Wenn er den Ziehvater zusammen mit Kevingesehen habe, sei dieser fürsorglich, ja liebevoll, aber nicht grob mit dem Kind umgegangen. "Wenn das eine Show war, dann war sie gut."

Zudem seien Amtsvormunde in Bremen damals völlig überlastet gewesen. In einem Schreiben an die Behörde hätten er und seine Kollegen klargestellt: "Derzeit ist es nur möglich Feuerwehr zu spielen." Es sei vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis etwas Unverantwortliches passiere. Dies habe sich dann in einem schlimmen Szenario bewahrheitet.

Bereits zum Auftakt des Prozesses hatte der 67-Jährige erklärt, dass er die Anklage nicht akzeptieren könne, weil sie das Geschehene nur rückwirkend und nicht fair beurteile. Im Nachhinein könne er sagen, "jede einzelne Polizeimeldung wäre Anlass gewesen, das Kind da rauszuholen". Vieles habe er aber eben erst nach dem schrecklichen Fund an jenem 10. Oktober 2006 erfahren.

An diesem Tag war Kevinschon Wochen oder Monate tot. An der Leiche wurden knapp zwei Dutzend neuere und ältere Knochenbrüche festgestellt. Vor zwei Jahren verurteilte das Landgericht im ersten Kevin-Prozess den Ziehvater wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlungen von Schutzbefohlenen zu zehn Jahren Haft und der Einweisung in eine Entziehungsanstalt. (dpa)

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