Flüchtlinge an der Uni Fakhouris Traum

Als Mahmoud Fakhouri in das Boot stieg, meinte er zu wissen, was ihn erwartete. Er hatte sich alles gut überlegt, sich informiert und vorbereitet, um in Europa ein neues Leben beginnen zu können.
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Fakhouris Traum
Von Milan Jaeger

Als Mahmoud Fakhouri in das Boot stieg, meinte er zu wissen, was ihn erwartete. Er hatte sich alles gut überlegt, sich informiert und vorbereitet, um in Europa ein neues Leben beginnen zu können.

Als Mahmoud Fakhouri in das Boot stieg, meinte er zu wissen, was ihn erwartete. Er hatte sich alles gut überlegt, sich informiert und Vorkehrungen getroffen. „Weil ich wusste, dass ich vielleicht schwimmen muss, habe ich meine Dokumente in eine Plastiktüte gepackt und an meinem Bauch festgeklebt“, erzählt der 28-jährige Syrer. Die weniger wichtigen Dinge packte er in einen Rucksack. Bevor Fakhouri an Bord ging, kaufte er sich noch eine Rettungsweste. Das sollte reichen. „Ich bin ein guter Schwimmer.“

Zwei Jahre blieb Fakhouri in Kairo, bevor er seinen Entschluss fasste: Für die lebensgefährliche Überfahrt nach Italien blätterte er 2000 Dollar hin. Die professionellen Schleuser sagten ihm allerdings nicht die ganze Wahrheit. So fand sich Fakhouri schließlich auf einem mit 500 Passagieren hoffnungslos überfüllten Kahn wieder. „Die Schlepper hatten ursprünglich zwei Boote“, erzählt Fakhouri. Beide hätten eigentlich nur etwa 100 Personen transportieren können.

Tatsächlich seien mehr als doppelt so viele an Bord gewesen. Als eines der beiden Schiffe nach kurzer Zeit havarierte, hätten alle Flüchtlinge auf ein Boot gemusst. Nach sechs Tagen ging das Trinkwasser aus. Insgesamt acht Tage dauerte die Odyssee, die italienische Marine fand die Hoffnungsreisenden schließlich und brachte sie ans Festland. Zum Glück überlebten alle die Tortur.

Doch Fakhouri musste feststellen, dass er in dem Chaos alles verloren hatte. Alles außer seiner Dokumente, darunter auch die Nachweise darüber, dass er in seiner Heimatstadt Aleppo acht Semester französische Literatur studiert hatte. Dass er die Zeugnisse noch hat, erleichtert Fakhouri nun, ein Jahr später, den Weg in sein neues Leben in Bremen. Er will nämlich ein Informatikstudium beginnen. Im letzten Sommersemester war er schon Gasthörer an der Uni Bremen. Das Programm „In Touch“ machte das möglich. Jetzt will er richtiger Student werden.

Bildungsbehörde will Flüchtlingen schneller an die Uni bringen

Geht es nach Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) könnte Fakhouri in etwa einem Jahr sein Ziel erreicht haben. Denn die Bremer Wissenschaftsbehörde will gemeinsam mit den Hochschulen Flüchtlingen den Zugang zu einem Studium erleichtern. Am Donnerstag hat Quante-Brandt mit Vertretern der vier Bremer Hochschulen darüber beraten, wie das gehen könnte. „Ab dem Wintersemester 2016/17 sollen die ersten Flüchtlinge ein Studium aufnehmen“, formulierte Quante-Brandt nach dem Gespräch ihr Ziel. Mittlerweile kursiert die Zahl von 50 000 Geflüchteten, die demnächst an deutschen Hochschulen ein Studium aufnehmen könnten.

„Statistisch wären das dann 500 in Bremen“, rechnete die Senatorin vor. Möglicherweise aber auch mehr. Allein 140 Flüchtlinge haben schließlich über „In Touch“ in diesem Semester ein Gasthörerstudium aufgenommen. Fortan solle eine regelmäßig tagende Arbeitsgruppe das weitere Vorgehen koordinieren. Neben den bereits bestehenden Angeboten wie dem Gasthörerprogramm „In Touch“, gehe es nun darum, „aus Gasthörern Studenten zu machen“, sagte die Senatorin. Hürden hierbei seien bisher beispielsweise fehlende Dokumente, die Studienfinanzierung und vor allem mangelnde Deutschkenntnisse. So will die Bildungsbehörde mit der Ausländerbehörde eine Vereinbarung treffen, dass Flüchtlinge auch dann ein Studium aufnehmen können, wenn sie einem Beschäftigungsverbot unterliegen oder nur den Status der Duldung hätten.

130-Millionen-Euro-Paket für die Integration

Auch die Kultusministerkonferenz berät dieser Tage darüber, wie Flüchtlingen der Weg an die Hochschulen geebnet werden kann. Kürzlich hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angekündigt, ein 130-Millionen-Euro-Paket für die Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Beruf aufzulegen. Mit diesem Geld, das für die nächsten zwei Jahre fließen soll, sollen auch Bremer Projekte finanziert oder teilfinanziert werden, kündigte Quante-Brandt an. Ob dieses Geld allerdings reichen wird, könne sie noch nicht sagen.

Wissenschaftsbehörde und Hochschulen wollen nun so schnell wie möglich eine Clearingstelle einrichten. Diese soll dabei helfen, die Kompetenzen der Studienanwärter zu ermitteln. „Dort können Flüchtlinge über die formalen Voraussetzungen für ein Studium an den Hochschulen oder über einen Weg in die berufliche Ausbildung beraten werden“, sagte Quante-Brandt. Eine solche Clearingstelle könnte Anfang 2016 ihre Arbeit aufnehmen, hofft sie. Die Senatorin will sich außerdem dafür einsetzen, dass der Zugang für studierende Flüchtlinge zum BAföG geregelt wird. Das ist allerdings Angelegenheit des Bundes.

So könnte Mahmoud Fakhouri einer der ersten Flüchtlinge sein, der von den neuen Regeln in Bremen profitiert. Deutsch gelernt hat er schon. Er will in Bremen bleiben und später hier arbeiten. „Bildung ist der Schlüssel zu einer gelungenen Integration“, sagte Senatorin Quante-Brandt. Fakhouri gibt ihr Recht.

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