Robert Örell im Interview

„Fakten helfen nicht“

Robert Örell war Neonazi. Heute arbeitet er unter anderem für die EU und UN. Im Interview spricht der Schwede über seine Zeit als Rechtsextremer, die Arbeit als Ausstiegshelfer und Strategien gegen Extremismus.
21.11.2019, 19:10
Lesedauer: 2 Min
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„Fakten helfen nicht“
Von Nico Schnurr
„Fakten helfen nicht“
Christina Kuhaupt

Herr Örell, Sie waren fünf Jahre Teil einer rechtsextremen Gruppe in Schweden. Erinnern Sie den Moment, als Sie gedacht haben: Ich muss hier raus?

Robert Örell: Aus heutiger Sicht klingt das absurd, aber es waren banale Dinge, an denen mir plötzlich klar wurde, dass meine Freunde nicht so lebten, wie sie es predigten.

Was meinen Sie?

Die Gruppe fantasierte einen Umsturz herbei, für den es Disziplin brauche. Dabei waren sie oft betrunken. Sie erzählten davon, wie wichtig es sei, möglichst viele weiße Babys in die Welt zu setzen. Dabei pumpten sich einige ständig mit Steroiden voll, die zeugungsunfähig machen. Irgendwann dachte ich: Das passt doch alles nicht zusammen.

Diese Erkenntnis reichte, um auszusteigen?

Es war ein erster Schritt. Wichtig war die Zeit beim Militär. Ich verließ dafür die Gruppe, weil mir klar war, dass das Militär keinen Neonazis erklärt, wie man eine Waffe bedient. Die Gedanken trug ich aber noch mit mir herum.

Und wie sind Sie die losgeworden?

Man streift toxische Ideologien nicht über Nacht ab. Mir half das Lob, das ich als Soldat für meine Arbeit bekam. Mit der Zeit wurde ich immer selbstbewusster. Bis ich es irgendwann nicht mehr nötig hatte, andere herabzusetzen, um mich gut zu fühlen.

Das geringe Selbstwertgefühl hatte Sie erst zu der Gruppe geführt?

Ich war ein Außenseiter und für mein Alter ungewöhnlich groß. Spätestens, als ich die fünfte Klasse wiederholen musste und alle um mich herum um Jahre jünger aussahen, fühlte ich mich völlig fehl am Platz. Ich wollte nichts mehr, als mich zugehörig fühlen.

Dann haben Sie sich auf die Suche gemacht.

Ich fand zur Death-Metal-Szene, düstere Musik, das passte zu meinem emotionalen Chaos. Wohin ich aber mit dem wachsenden Frust sollte, wusste ich immer noch nicht. Dann geriet ich in die Hooligan-Szene im Fußball, ständig Schlägereien. Von da aus war es nicht mehr weit zu den Neonazis, deren Ideologie direkt an das einfache Weltbild der Hooligans anknüpfte: Es ging um Freunde und Feinde, Schwarz und Weiß, wir gegen die.

Haben das alle extremistischen Bewegungen gemeinsam?

Auf einer psychologischen Ebene funktionieren alle ähnlich: Es geht immer um Identität. Die Gruppe wertet sich selbst auf und entmenschlicht ihre Feinde. Diese Bewegungen sind alle geprägt vom Bewusstsein, im Recht zu sein. Vor dem Hintergrund einer apokalyptischen Zukunft halten sie es für notwendig, für die richtige Sache Gewalt anzuwenden.

Für zwei Tage beraten Sie jetzt die BremerJustizbehörde. Was wollen Sie dabei vermitteln?

Die meisten Leute haben das Gefühl, Extremismus ist schwer zu durchschauen. Ich glaube, dass es gar nicht so kompliziert ist. Wichtig ist: Wir können nicht mit Extremisten argumentieren. Man kann sie nicht umstimmen, Fakten helfen nicht.

Was hilft denn?

Diese Gruppen sind vom Misstrauen gegenüber der Außenwelt geprägt. Wer Extremisten beim Ausstieg helfen will, muss die Struktur ihrer Gedanken verstehen und ihr Vertrauen gewinnen.

Wie gelingt das?

Man muss sich Zeit nehmen, zuhören und da sein, wenn man helfen kann.

In ganz Europa sitzen extreme Parteien in Parlamenten. Verändert das die Ausstiegsarbeit?

Der Wunsch nach einfachen Antworten nimmt überall zu. Das erschwert unsere Arbeit. Die Polarisierung ist eine ernsthafte Bedrohung, ein Nährboden für Extremismus. Wir alle müssen das Auseinanderdriften verhindern.

Wie geht das?

Es braucht Möglichkeiten, wo man sich begegnet, Konflikte klären und Vorteile ausräumen kann. Es hilft nur Empathie.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Robert Örell

arbeitet für die EU und UN sowie für Exit Schweden, eine NGO, die Extremisten beim Ausstieg hilft. Auf Einladung der Senatorin für Justiz ist er aktuell zu Gast in Bremen.

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