Streit um den A281-Wesertunnel in Seehausen Familien bangen um Vorstadt-Idylle

Bremen. Im Neubaugebiet in Seehausen stehen gepflegte Einfamilienhäuser mit Garten. Viele Familien haben sich Ende 2002 entschieden, hierher zu ziehen - Im Glauben, dass A281-Tunnel sie nicht direkt berührt. Heute fühlen sie sich betrogen.
12.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Familien bangen um Vorstadt-Idylle
Von Michael Brandt

Bremen. Gediegene Idylle am Rande Bremens: Im Neubaugebiet in Seehausen stehen gepflegte Einfamilienhäuser mit Garten. Spielstraßen zwingen Autos auf Schritttempo herunter, hinter den Häusern liegen Wiesen und Felder. Viele Familien haben sich Ende 2002 entschieden, hierher zu ziehen. Damals waren die Pläne für eine mindestens 70 Meter hohe Autobahnbrücke vom Tisch und die Hausbauer waren davon ausgegangen, dass der A281-Tunnel sie nicht direkt berührt. Doch die Gewissheit trog. Heute fühlen sich die Anwohner von Politik und Verwaltung betrogen.

Familie Feldmann hat in den letzten Monaten des Jahres 2002 das Grundstück an der Straße Alte Wurten gekauft. "Wir haben die Veröffentlichungen des Senats abgewartet", sagt der 36-Jährige. Um Sicherheit zu haben. Im September jenes Jahres meldete der Senat über den eigenen Pressedienst, dass sich der Bund und Bremen über Finanzierung und Bau der fehlenden Autobahn-Abschnitte geeinigt hätten. Ergebnis: Die Brücke bei Seehausen wurde abgelehnt, stattdessen sollte ein Tunnel unter der Weser gebaut werden. Der damalige Wirtschaftssenator Josef Hattig (CDU) freute sich: "Dies ist im Interesse der Anwohner."

Vertrauen in Senatsbeschluss

Die Menschen in Seehausen haben sich auf all die Zusagen - Senats- und Bürgerschaftsbeschlüsse inklusive - verlassen. Die Anwohner waren zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass ein langer Autobahntunnel mit einem Portal weit entfernt vom Neubaugebiet gebaut würde. "Das war für mich verbindlich", sagt Mark Feldmann. Also kauften sie ihre Grundstücke im Grünen. Heute stehen dort Klinkerbauten und weiß verputzte Einfamilienhäuser mit Carports und sauber geschnittenen Buchshecken. Und viel Grün drumherum.

Die Geschichten der Anwohner an der Straße Alte Wurten ähneln sich. Auch Beate Stubbe hatte sich gemeinsam mit ihrem Mann auf den freien Blick ins Grüne gefreut. Direkt hinter dem Grundstück beginnt das Naturschutzgebiet. Sie erzählt: "Uns war bekannt, dass eine Weserquerung kommt, aber damals ging es nur um die lange Tunnel-Lösung. Von einer kurzen Lösung war gar keine Rede." Die Stubbes haben also ebenfalls abgewartet und gekauft, als die Brückenpläne offiziell verworfen waren.

Beate Stubbe hatte sich mit ihrem Mann für das Grundstück entschieden, weil von hier der Blick ungehindert über die Wiesen und Weiden schweifen kann. Zunächst aber kamen Windräder hinzu. Und nach dem Autobahnbau, fürchtet sie, endet die Aussicht möglicherweise am Lärmschutzwall. "Das einzige, was uns helfen würde, wäre der lange Tunnel", ist die 39-Jährige überzeugt. Sie fühlt sich von der Politik getäuscht.

Denn die Landesregierung hat die Pläne für den Tunnel längst verändert. Statt im herkömmlichen Bohr-Verfahren soll der Tunnel nun im sogenannten Einschwimm- und Absenk-Verfahren (E+A-Verfahren) gebaut werden. Er wird damit kürzer und laut Senat auch günstiger. Das Portal wurde von der Hafenschlickdeponie weit hinter der Seehauser Siedlung um einige Hundert Meter in Richtung Hasenbürener Deich verlagert.

Mit Folgen für diejenigen, die sich gerade vertraglich über viele Jahre an Bau- und Immobilienunternehmen gebunden hatten: Mark Feldmann schätzt, dass die Autobahn, wenn sie jetzt so gebaut wird, ungefähr 120 Meter hinter seinem Wohnzimmer liegt. "Ich habe für das Vorgehen der Politik und Verwaltung keine passenden Worte. Unbegreiflich. Auf Dauer führt so ein Verhalten aus meiner Sicht nicht zu einer höheren Wahlbeteiligung", sagt Feldmann. Er gehört zu den Bürgern, die gegen die aktuellen Pläne Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingereicht haben. Die Betroffenen hoffen so, die alte Tunnelvariante doch noch durchsetzen zu können.

"Ich komme aus Seehausen und wollte im Ort bleiben", schildert Michael Meineken seine Überlegungen, ins Neubaugebiet zu ziehen. Ihm war zwar klar, dass die Autobahn eines Tages kommt, allerdings hat er sich - wie die anderen Familien - auf die lange Tunnel-Lösung verlassen. Die Veränderung der Pläne habe er "mit Grausen" zur Kenntnis genommen. "Das, was jetzt geplant wird, ist für das ganze Wohngebiet nicht tragbar." Die alten Zusagen des Senats seien für ihn Grundlage gewesen, das Grundstück zu kaufen. Sein Vertrauen in die Politik sei zerstört, betont Meineken.

Der Seehauser Tunnel-Streit währt seit 2003. Und er dauert an. Vor wenigen Tagen erst hat die Bürgerschaft über die Frage debattiert, ob ein erneuter Runder Tisch den Streit zwischen Bremen und den Bürgern schlichten soll. SPD und Grüne sind dagegen. Und Altbürgermeister Klaus Wedemeier (SPD) hat in einem Interview mit unserer Zeitung daran erinnert, dass der Senat 1993 den Bürgern in Seehausen "politisch und juristisch verbindlich" die lange Tunnel-Lösung zugesagt hatte.

2007 noch schrieb die damalige Fraktionsvorsitzende der Grünen, Karoline Linnert, an Mitglieder der Bürgerinitiative in Seehausen: "Sollte die Kostendifferenz zwischen den Verfahren so knapp ausfallen, wie nach den vorliegenden Gutachten anzunehmen, würden wir uns für die Herstellung der Weserquerung als Bohrtunnel aussprechen." Das war gestern. Heute treten die Grünen in der Regierung gemeinsam mit der SPD für den E+A-Tunnel ein.

Mark Feldmann hat gemeinsam mit seiner Familie schon darüber nachgedacht, das neue Haus wieder aufzugeben und sich einen anderen Platz zum Leben zu suchen. "Aber die Frage stellt sich eigentlich nicht", muss er zugeben. Denn die Nachbarn im Neubaugebiet haben sich mit Finanzierungsverträgen langfristig an ihre Immobilien gebunden. Und so fehlen Mark Feldmann am Ende einfach die Worte.

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