Zwei Bremer Forscher ausgezeichnet

Familienunternehmen im Fokus

Es sind die Geheimnisse des Erfolgs, die Wirtschaftswissenschaftler üblicherweise zu entschlüsseln versuchen. Matthis Schneegaß interessiert der Misserfolg - und dafür wurde er jetzt ausgezeichnet.
20.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Familienunternehmen im Fokus
Von Nikolai Fritzsche

Es sind die Geheimnisse des Erfolgs, die Wirtschaftswissenschaftler üblicherweise zu entschlüsseln versuchen. Matthis Schneegaß hatte eine andere Idee.

Ein Bekannter, der ein Familienunternehmen führt, erzählte dem Diplom-Ökonomen, dass er in vier Ländern ein Auslandsgeschäft aufgebaut habe und damit nach wenigen Jahren gescheitert sei. Von da an interessierte Schneegaß sich für die Geheimnisse des Misserfolgs. Dieses Interesse hat ihm nun 6000 Euro eingebracht.

Schneegaß hat den Segnitz-Preis für wirtschaftswissenschaftliche Doktorarbeiten an der Uni Bremen bekommen. Er wurde ihm in der oberen Rathaushalle verliehen, wo der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften am Donnerstag seine Absolventen verabschiedete.

Es sei mühsam gewesen, die sieben Familienunternehmen für seine Feldforschung zu finden, sagt Schneegaß. „Wer redet schon gern übers Scheitern?“ Das Ergebnis seiner Untersuchungen: Es sollte mehr darüber geredet werden, vor allem in Familienunternehmen.

Beim Versuch, ein Auslandsgeschäft aufzubauen, seien Firmen auf Kenner des örtlichen Marktes angewiesen. Familienunternehmen schickten hingegen gern Familienmitglieder ins Ausland. Eine schlechte Entwicklung – „die ohne lokale Expertise wahrscheinlich ist“ – werde oft zu lange nicht erkannt, weil nicht schonungslos über die Zahlen geredet werde. Denn: „Die Beziehungen zwischen Verwandten sind keine rationalen Beziehungen“, sagt Schneegaß. Wenn alle verantwortlichen Positionen einer Firma mit Familienmitgliedern besetzt sind, fehle der sachliche Blick eines emotional Unbeteiligten.

Die Jury war von Schneegaß’ Forschungsidee und der breiten theoretischen Grundlage seiner Arbeit begeistert. Normalerweise hätte ihm das 10.000 Euro eingebracht, so viel bekamen die bisherigen Träger des seit 2012 vergebenen Preises. Dass der Betrag in diesem Jahr ungewöhnlicherweise geteilt wurde, liegt an einer weiteren ungewöhnlichen Arbeit.

Die verbleibenden 4000 Euro gingen nämlich an Frithiof Svenson, und zwar für eine wirtschaftswissenschaftliche Doktorarbeit, die nur in Teilen wirtschaftswissenschaftlich ist. Denn Svenson hat etwas ganz anderes studiert: Internationale Beziehungen und Europastudien. Nach seinem Abschluss stieg er in der Export-Abteilung einer Bremer Firma ein, die mit Stahl handelt. Aus einem Sozialwissenschaftler in der Wirtschaft wurde drei Jahre später ein Doktorand der Wirtschaftswissenschaften. Mit sozialwissenschaftlichem Ansatz.

Und so untersuchte er sein Thema – den Einfluss der Kultur eines Unternehmens auf dessen Fähigkeit, neue Produkte und Arbeitsabläufe zu entwickeln – anders, als ein Betriebswirt es tun würde. „Betriebswirte betrachten Unternehmen meist von außen“, sagt Doktorvater Jörg Freiling. „Die Firmenkultur, also Werte und Einstellungen, die im Unternehmen herrschen, Geschichten, die kursieren, kann man aber nur von innen und mit viel Zeit erforschen.“

Wie Svenson das getan hat? Er ließ sich für ein halbes Jahr als Sachbearbeiter in einem Familienbetrieb anstellen. Die Führungskräfte waren in sein Projekt eingeweiht, die anderen Mitarbeiter nicht. So bekam Svenson einen umfangreichen Eindruck davon, wie die Firma tickt. Die zentrale Erkenntnis: Hierarchische Strukturen und ein dogmatischer Führungsstil lähmen die Innovationskraft. Wenn von oben vorgegeben wird, welche Denk- und Arbeitsweisen richtig und welche falsch sind, bleibt die Kreativität der Mitarbeiter ungenutzt. Das Gutachten attestiert Svenson eine „sehr gute Pionierarbeit“.

Die hätte auch Hermann Segnitz gefallen, ebenso wie die Arbeit von Matthis Schneegaß. Davon ist Stefan Bellinger, der zum Vorstand der Bremer Segnitz-Stiftung gehört, überzeugt. Segnitz war selbst Familienunternehmer, führte einen großen Weinhandel in der Hansestadt. Er brachte sein Vermögen in eine Stiftung ein, die sich der Förderung unternehmerischen Nachwuchses in Bildungseinrichtungen widmet und unter anderem den Segnitz-Preis vergibt. Um Familienunternehmen muss es in den Dissertationen nicht gehen. Dass es dieses Jahr aber so ist, „ist ein besonderer Glücksfall für den Stifter“, sagt Jochen Zimmermann, der als Dekan des Fachbereichs zur Jury des Preises gehört.

Bellinger appellierte an Unternehmer, Segnitz’ Beispiel zu folgen: „Mit Stiftungen kann man die Gesellschaft am eigenen Erfolg teilhaben lassen.“ Die beiden Preisträger sind selbst noch keine Unternehmer. Svenson arbeitet am Marketing-Lehrstuhl der Uni Oldenburg, Schneegaß im Rechnungswesen eines Immobilienvermittlers in Hamburg. Für die Zukunft ist aber nichts ausgeschlossen – „wenn die zündende Idee kommt“.

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