Über die Anfänge als gemäßigte Anti-EU-Partei "Farage ist ein Rassist"

Der Geschichtsprofessor Alan Sked hat die britische Unabhängigkeitspartei Ukip gegründet. Heute nennt er sie „Frankensteins Monster“. Ein Gespräch über die Anfänge als gemäßigte Anti-EU-Partei, den Vorsitzenden Nigel Farage und den zunehmenden Erfolg der Rechtspopulisten.
03.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Geschichtsprofessor Alan Sked hat die britische Unabhängigkeitspartei Ukip gegründet. Heute nennt er sie „Frankensteins Monster“. Ein Gespräch über die Anfänge als gemäßigte Anti-EU-Partei, den Vorsitzenden Nigel Farage und den zunehmenden Erfolg der Rechtspopulisten.

Herr Sked, wissen Sie schon, für wen Sie am 7. Mai bei der Parlamentswahl Ihre Stimme abgeben wollen?

Alan Sked: Wahrscheinlich gehe ich nicht zur Wahl, vielleicht wähle ich die Labour-Partei. Aber da sie so proeuropäisch ist, will ich eigentlich auch nicht für sie stimmen.

Sie wählen nicht Ukip? Immerhin haben Sie die Unabhängigkeitspartei gegründet.

Ukip hat sich zu einer scharf rechten Partei entwickelt, die besessen ist von dem Thema der zunehmenden Einwanderung. Es wird nicht mehr viel über Europa geredet. Die Politiker gehen nach Brüssel, ohne Konstruktives zu leisten, nehmen aber das Geld und die Spesen. Das ist alles korrupt. Als ich Ukip-Vorsitzender war, galt der Grundsatz, niemanden nach Brüssel zu schicken, da wir sowieso nichts hätten ausrichten können. Wir glaubten nicht an das Europäische Parlament und lehnten alles ab, also ergab es auch keinen Sinn hinzugehen. Wären wir gewählt worden, hätten wir unsere Gehälter dem Nationalen Gesundheitsdienst gespendet.

Welche Art von Partei hatten Sie bei der Gründung von Ukip im Sinn?

Es sollte eine Partei der politischen Mitte sein, die jeden anspricht. Unser wichtigstes Ziel war es, das zu schützen, was wir als britische parlamentarische Tradition bezeichnen – vor den Eingriffen aus Brüssel, der EU-Bürokratie und der Überstaatlichkeit.

Warum lehnen Sie die EU so vehement ab?

Ich bin Akademiker, war proeuropäisch und auch liberal, zwischen 1981 und 1991 habe ich das Europäische Studienprogramm der LSE geleitet. Aber nachdem ich in jener Zeit mit so vielen involvierten Menschen geredet hatte, hat sich meine Meinung geändert. Ich kam zu dem Schluss, dass die EU falsch aufgefasst wird, dass sie undemokratisch und eine Geldverschwendung ist, dass sie nicht funktionieren wird und unsere parlamentarische Tradition untergräbt. Deshalb habe ich eine neue Partei gegründet. Bis zur Wahl 1997 hatten wir mit Ukip eine nationale Infrastruktur und ich habe Broschüren geschrieben zu Themen wie Wohnungsbau oder Verteidigungsstrategien – zu allem außer zu Immigration. Das war kein Thema.

Warum nicht?

Im Mitgliedsformular hieß es: Wir haben keine Vorurteile gegen Ausländer oder Minderheiten jeglicher Art und wir würden keine Abgeordneten ins Europäische Parlament entsenden. Das waren die beiden Punkte, denen man zustimmen musste, um der Partei beizutreten.

Sie haben die Partei nach der Wahl 1997 verlassen, da war der heutige Vorsitzende Nigel Farage bereits mit an Bord.

Dass Nigel Farage ein Rassist ist, habe ich erst kurz vor der Wahl erfahren, da war es schon zu spät, um einzugreifen. Danach ging er mit einem reichen Spender juristisch gegen mich vor. Ich war ausgelaugt nach jahrelangen Kampagnen und durch meinen Job bei der LSE, also trat ich zurück.

Sie nennen Farage fremdenfeindlich. Der wird nicht müde, das Gegenteil zu betonen.

Ein Beispiel: Vor der Wahl ’97 kam er zu mir und fragte, ob Kandidaten der rechtsextremen, faschistischen National Front als Ukip-Kandidaten ins Rennen gehen könnten. Meine Antwort: ,Niemals’. Dann sagte er: ,Du brauchst dir keine Sorgen um die Neger-Stimmen zu machen. Die Nig-Nogs werden uns sowieso nie wählen.‘ Er bestreitet das bis heute und ich habe keine Beweise. Aber er erzählte mir das im Pub.

Der Erfolg von Ukip bei der Europawahl im vergangenen Jahr wird dennoch vor allem Farage zugeschrieben.

Er ist so etwas wie eine Medienschöpfung. Trotzdem hat es die Partei nie irgendwohin geschafft, weil Farage dumm wie Bohnenstroh ist. Er konnte aufgrund seiner Noten nicht auf die Universität und verlor seinen ersten Job als Makler. Dann gab ihm sein Vater Geld, um eine private Firma zu gründen, die aber auch nicht sehr gut lief. Jetzt vermittelt er immer den Eindruck als hätte er großen Erfolg in der City gehabt. Das stimmt nicht. Bis heute hat Ukip keinerlei politische Strategien entwickelt.

Wie erklären Sie es sich dann, dass Ukip es geschafft hat, die britische Parteienlandschaft aufzumischen?

Nachdem die EU 1999 das Wahlsystem geändert hat, erreichten drei Ukip-Politiker Sitze im Europäischen Parlament. Das hatte weniger mit ihnen zu tun als mit dem neuen Wahlsystem. Aus diesem Grund wurde Ukip eine Art erfolgreiche Protestpartei bei Europawahlen. Trotzdem kamen sie in zehn Jahren nicht sehr weit. Erst als die Liberal-Demokraten 2010 mit den konservativen Tories koalierten, als die bisherige Protestpartei also einer Koalition beitrat, entstand ein Vakuum, das Ukip nach und nach füllte. Sie wurde die Protestpartei und Farage von den Medien aufgebaut als Frontmann, der sich mit Zigarette zeigt und gerne im Pub Bier trinkt.

Ist Ukip eine Blase, die bald platzt?

Bis auf die beiden Tory-Überläufer haben Ukip-Kandidaten niemals eine außerordentliche Wahl gewonnen. Farage hat keine politischen Leitlinien, keinen Intellekt. Er lässt ständig rassistische Bemerkungen los, Ukip-Politiker geben skandalös rassistische und islamophobe Erklärungen ab. Einige von ihnen schützt Farage, andere schließt er aus der Partei aus. Aber immer geht es nur um Einwanderung, Einwanderung, Einwanderung. Er redet nicht mehr über Europa, über Demokratie-Defizite, die EU als politische Institution oder die Eurokrise.

Haben die großen Parteien nicht viel zu Farages Erfolg beigetragen, indem sie Themen wie Immigration auf die Agenda setzten?

Auf jeden Fall. Die Tories haben versprochen, die Zahl der Migranten zu senken, aber sie geht weiter nach oben. Keiner kann Immigration in Europa kontrollieren. Doch die Parteien haben sich nicht getraut zu sagen: Schaut, die meisten Migranten sind jung, ehrgeizig und arbeiten hart, sie tragen zum Steuerwachstum bei, das Niveau der Schulen steigt in Gegenden mit Immigranten. Wir ziehen großen Nutzen aus Einwanderern. Hinzu kommt, dass die Medien sehr nachgiebig und sanft mit Farage umgingen.

Empfinden Sie es als persönliches Versagen, diese nun als rechtspopulistisch geltende Partei gegründet zu haben?

Ich bin enttäuscht. Neben dem Rassismus haben sich Farage und Ukip für viele Briten zur toxischen Marke entwickelt. Und sollten wir nach der Wahl wieder eine konservative Regierung bekommen und ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft abhalten, dann ist meine große Angst, dass für viele Menschen die Kampagne bezüglich der EU komplett von Ukip untergraben wird, weil Farage so eine giftige Wirkung hat.

Zur Person: Alan Sked (67) ist Professor für Geschichte an der London School of Economics (LSE). Er gründete die Anti-Federalist League, die später in United Kingdom Independence Party (Ukip) umbenannt wurde.

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