Interview mit Kriminologe Christian Pfeiffer

"Frauen in die Einsatzgruppen"

Bremen. Der Polizeieinsatz in der Diskothek "Gleis 9", bei dem die Beamten auf einen Mann eingeschlagen haben, hat für Erschütterung gesorgt. Jürgen Hinrichs hat mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer über die Eregnisse gesprochen.
12.07.2013, 05:00
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"Frauen in die Einsatzgruppen"

Bremen. Der Polizeieinsatz in der Diskothek "Gleis 9", bei dem die Beamten auf einen Mann eingeschlagen haben, der bereits wehrlos auf dem Boden lag, hat für Erschütterung gesorgt. Wie kommen Polizisten dazu, derart auszurasten und jedes Maß vermissen zu lassen? Jürgen Hinrichs sprach mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer über mögliche Ursachen.

Herr Pfeiffer, Sie sind seit Jahrzehnten mit Polizei-Themen beschäftigt. Erschrecken Sie solche Bilder noch, die Sie aus Bremen gesehen haben.Christian Pfeiffer:

Natürlich, das ist grässlich. Nicht nur, dass der eine Beamte offenbar grundlos auf sein Opfer einschlägt. Es sind auch seine Kollegen, die das nicht verhindern. Schlimm für das Opfer, schlimm aber auch für den Ruf der Polizei.

Kein Einzelfall, wie man weiß.

Ja, das stimmt. Aber ohne so eine Gewalttat zu entschuldigen, muss man wissen, welchen Belastungen die Polizisten ausgesetzt sind. Als mein Institut für eine Untersuchung 20000 Beamte über ihren Alltag befragt hat, waren wir erschrocken über das Ausmaß von Aggressionen, dem die Polizisten regelmäßig ausgesetzt sind. Sie werden bespuckt, getreten, beschimpft.

Da kommt Druck auf einen Kessel, der irgendwann explodiert.

So könnte man das sagen, ja. Es sind keine Allmachtsfantasien, die da ausgelebt werden. Es ist auch keine allgemein aggressive Grundstimmung bei den Beamten. Sie drücken mit ihrem Fehlverhalten vielmehr ihren alltäglichen Frust aus, den sie runterschlucken müssen. Immer einstecken zu müssen, ohne austeilen zu können. Irgendwann verliert man dann die Kontrolle und jemand anderes muss dafür büßen.

Nun könnte man aber doch sagen, dass es nun mal zum Beruf des Polizisten gehört, mit Aggressionen, die gegen ihn gerichtet sind, professionell umzugehen.

Schon, da haben Sie Recht. Aber dann müssen die Beamten auch entsprechend vorbereitet werden. Da sehe ich ein klares Defizit. Und zwar nicht nur in den Ausbildung. So ein Training muss berufsbegleitend sein. Und wissen Sie, was noch hilft?

Sagen Sie’s mir.

Mehr Frauen in die Einsatzgruppen. Soweit ich weiß, waren bei dem Vorfall in der Diskothek nur männliche Polizeibeamte beteiligt. Das ist typisch, und es ist falsch. Wenn Frauen dabei sind, das ist durch Untersuchungen bewiesen, wirkt das deeskalierend. Sie setzen seltener ihren Schlagstock ein und häufiger ihr Mundwerk.

Was glauben Sie? Werden die Untersuchungen in dem Bremer Fall zu Konsequenzen führen?

Uns fällt immer wieder auf, dass in Deutschland die internen Ermittlungen schlecht organisiert sind. Da gibt es viel zu viel Nähe zu den betroffenen Beamten. Man muss förmlich mit der Lupe suchen, um mal eine Ermittlung gegen einen Polizisten wegen Körperverletzung im Amt zu finden, die zu einer Verurteilung oder überhaupt erst zu einer Anklage geführt hat. Die Kollegen des beschuldigten Beamten berufen sich als Zeugen in den Verfahren häufig auf Erinnerungslücken, und das war es dann.

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