Wirtschaftlicher Aufschwung nicht in Sicht Fünf Jahre nach Mubaraks überwiegt die Enttäuschung

In keiner anderen ägyptischen Stadt war der Jubel vor fünf Jahren größer als in Suez. Die Ägypter feierten zwei Siege. Erst trat der verhasste Gouverneur zurück – und nur wenige Stunden später Husni Mubarak.
11.02.2016, 00:00
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Von Birgit Svensson

In keiner anderen ägyptischen Stadt war der Jubel vor fünf Jahren größer als in Suez. Die Ägypter feierten zwei Siege. Erst trat der verhasste Gouverneur zurück – und nur wenige Stunden später Husni Mubarak.

In keiner anderen ägyptischen Stadt war der Jubel vor genau fünf Jahren größer als in Suez. Dort feierten die Ägypter am 11. Februar 2011 gleich zwei Siege. Gegen Mittag trat der von vielen verhasste Gouverneur zurück – und nur wenige Stunden später der fast 30 Jahre für unantastbar geltende Husni Mubarak. Der „Raiis“, wie der Führer auf Arabisch heißt, war nicht selber vor die Kameras der Fernsehanstalten getreten. Sein Stellvertreter Omar Suleiman verkündete den Rücktritt. Im Nachhinein wird dies von Anhängern Mubaraks nun als Putsch interpretiert. Auch damals, so sagen Analysten, hätte das Militär die Strippen gezogen, wie später auch bei dem islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi. Jedenfalls hielten die Herren in Uniform stets die Fäden in der Hand, was immer nach dem Abgang Mubaraks passierte. Unter Mubarak war Ägypten ein Polizeistaat, jetzt ist es eine Militärdiktatur.

Kanal durch einen Zaun geschützt

Schon Stunden vor der Nachricht über den Sturz des Langzeitpräsidenten fuhren Panzer durch Suez. Während sie in den Tagen zuvor an bestimmten Wegkreuzungen, Banken, vor Regierungsgebäuden, dem Touristenhotel „Green House“ und vor allem am Kanal positioniert waren, fuhren sie nun die lange Arbeein-Straße entlang, die sich längs durch das Zentrum zieht. Ihre Ketten hinterließen tiefe Rillen im Asphalt. Auf dem Platz am Anfang der Geschäftsstraße blieben sie stehen, der Verkehr wurde umgeleitet. Einfache Soldaten und Offiziere mit Sternen auf den Schulterklappen kletterten auf die Straße hinunter und kontrollierten nervös alles, was ihnen als nicht normal vorkam.

In Suez waren die zweiwöchigen Proteste bis zum Sturz Mubaraks besonders heftig und gewalttätig. Es gab dort mehr Tote als in Kairo und Alexandria zusammen. Die Situation war äußerst angespannt. Man befürchtete einen Übergriff auf den Suezkanal. „Täglich sehen wir Geld an uns vorbeiziehen“, brachte ein Demonstrant die Lage in Suez auf den Punkt, „aber die meisten von uns haben nichts davon“. Heute ist der Kanal durch einen Zaun geschützt, an dem Soldaten patrouillieren. Es sind jedoch nicht mehr die Arbeiter von Suez, die eine Gefahr für den Devisenbringer Nummer eins darstellen, sondern die Terroristen der mit Daesch verbundenen Organisationen, die auf dem Sinai eine ihrer Brutstätten haben.

Weniger Menschen auf der Straße

Suez ist der industrielle Puls Ägyptens. Hier wird Öl und Gas verarbeitet und verschifft, petrochemische Produkte hergestellt und Stahl. Wenn es Suez schlecht geht, dann leidet die ganze Nation. Und Suez geht es schlecht. Die 1,5-Millionen-Stadt wirkt vernachlässigt. Mehr Bettler als je zuvor versuchen zu überleben. Lebten vor dem Sturz Mubaraks 23 Prozent der Ägypter unter dem Existenzminimum von zwei US-Dollar pro Tag, sind es heute über 40 Prozent. Die von den Unruhen vor fünf Jahren in Mitleidenschaft gezogenen Häuser sind nicht repariert, die Rillen der Panzer noch präsent. Für die Einweihung des Prestigeprojekts im August – den zweiten Suezkanal – wählte Staatspräsident Abdul Fattah al-Sisi die Stadt Ismailija aus, wo er Staatsgäste aus aller Welt empfing, um ihnen die Meisterleistung Ägyptens vorzuführen. Suez ging leer aus.

Die Menschen hier sind streng gläubig. Das zeigte sich bereits bei dem Aufstand, den manche noch immer Revolution nennen. In der Innenstadt wurden riesige Gebetsteppiche ausgerollt. Wenn der Muezzin rief, versammelten sie sich zum kollektiven Gebet mitten auf der Straße. Viele, wenn nicht die meisten von ihnen stimmten für Mursi bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen im Mai 2012, die Ägypten je hatte. Als der Muslimbruder Präsident wurde, erhöhte er zunächst die Löhne der Hafenarbeiter in Suez. Doch die Kriminalität stieg auch in der Kanalstadt während seiner einjährigen Amtszeit massiv an. Überfälle mit Todesfolge häuften sich. Wieder zeigte sich Suez radikaler als anderswo im Land. Als es allerdings in Kairo und Alexandria im Sommer 2013 zu Massendemonstrationen gegen Mursi kam, gingen in Suez weniger Menschen auf die Straße als andernorts.

Verpflichtungen werden wohl nicht erfüllt

Trotzdem ließen sie sich von der Euphorie über den neuen Machthaber anstecken. Als der ehemalige Generalfeldmarschall al-Sisi das Millenniumsprojekt zweiter Suezkanal verkündete, kauften auch viele Einwohner von Suez Zertifikate. Ihr Erwerb wurde zur patriotischen Pflicht. Die Idee war, statt ausländische Investoren, die Eigentumsrechte an der zweiten Wasserstraße beanspruchen würden, Kleinanleger aus Ägypten das Werk finanzieren zu lassen. Innerhalb von nur einer Woche kamen so 64 Milliarden ägyptische Pfund zusammen – 6,8 Milliarden Euro. Alle Schichten der Bevölkerung machten mit. Kleine und mittelständische Unternehmen nahmen sogar Kredite auf, um sich an dem Großprojekt beteiligen zu können. Der Staat versprach zwölf Prozent jährliche Verzinsung – die Inflationsrate in Ägypten liegt derzeit bei zehn Prozent. Ab 2019 soll zurückbezahlt werden.

Doch die Rechnung geht nicht auf. Von einer Verdoppelung der Passagen durch die neue, 35 Kilometer lange parallele Spur, war bei der Einweihung die Rede. Eine Steigerung der Einnahmen von zuvor jährlich 5,3 Milliarden auf 13,8 Milliarden US-Dollar wurde vorausgesagt. Tatsächlich aber ist das Geschäft rückläufig. Die Weltwirtschaft stagniert, der Wachstumsmotor China stottert und die Ölpreise sinken immer weiter. Davon ist Ägypten gleich doppelt betroffen. Zum einen werden die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder unrentabel, zum anderen fahren weniger Öltanker durch den Suezkanal oder entladen ihre Fracht an der Pipeline in Ain Sokhna, einem neu gebauten Ölhafen in der Nähe von Suez, um es in Port Said, am anderen Ende des Suezkanals wieder in Empfang zu nehmen. „Die Kluft zwischen Realität und Erwartungen hinterlässt bittere Enttäuschung“, kommentiert Omar al-Shenety, Direktor der „Multiples Group“, einer Investorengruppe, die sich um die Entwicklung der Region um den zweiten Suezkanal kümmert. Es sieht also nicht danach aus, als ob der Staat seine Verpflichtungen gegenüber den Anlegern erfüllen wird.

Mehr Gefangene als je zu vor

Derweil erfreut sich der alte „Raiis“ bester Gesundheit und schwimmt täglich im Pool des Militärkrankenhauses im schicken Kairoer Bezirk Maadi, wie Insider berichten. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Husni Mubarak als freier Mann am Nil spazieren geht. Die gegen ihn und seine Söhne verhängten Haftstrafen sind inzwischen aufgehoben oder auf ein Minimum reduziert, das bereits abgegolten ist. Die Rufe seiner ehemaligen Untergebenen, er solle gehängt werden, sind längst verhallt. Viele sehnen sich gar nach den Zeiten zurück, als der Präsident schützend die Hand über seine Landsleute hielt und einem strengen Vater gleich lobte und strafte. Er habe den Menschen mehr Luft zum Atmen gelassen als Nachfolger Sisi, der jegliche Kritik gnadenlos verfolgen lässt, sagen inzwischen immer mehr Nilbewohner. Noch nie gab es in Ägypten so viele politische Gefangene wie jetzt, noch nie so viele inhaftierte Journalisten. Auch in Suez hört man derzeit den Namen Mubarak wieder öfters.

Daesch: Der WESER-KURIER verwendet den Begriff „Islamischer Staat“ nicht, weil diese Terrorgruppe weder religiös motiviert noch ein Staat ist. Wir sprechen wie ihre Gegner von Daesch.

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