Gastbeitrag Senatorin Bernhard: Warum die Impfpflicht kein Königsweg ist

Das Land Bremen kann stolz auf seine Impfquote sein, doch sie reicht noch nicht aus. Das meint die Senatorin für Gesundheit, Claudia Bernhard, in einem Gastbeitrag. Eine Impfpflicht ist für sie keine Lösung.
01.12.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Claudia Bernhard

Die Lage hat sich erneut zugespitzt. Die vierte Welle der Pandemie setzt uns allen zu, die Infektionszahlen steigen rasend, die Intensivbetten sind überlastet, eine neue Virusvariante ist womöglich auf dem Vormarsch. Gleichzeitig muss die Impfgeschwindigkeit deutlich erhöht werden.

Viren und andere Mikroorganismen sind ein fieser Gegner. Wir kennen das schon von den Krankenhauskeimen, aber auch von den ersten Wellen der aktuellen Pandemie: Sie bleiben nicht stehen. Immer, wenn wir einen Schritt machen, machen sie auch einen. Es ist ein ständiger Wettlauf. Deshalb stimmt manches nicht mehr, was wir noch im Frühjahr gedacht und im Sommer gehofft haben.

Impfquote bei Erwachsenen liegt bei 93 Prozent

Das ist frustrierend, aber es gibt durchaus Hoffnung. Wir haben inzwischen mehrere Impfstoffe. Und die Zahlen zeigen deutlich: Dort, wo mehr Menschen geimpft sind, gibt es weniger neue Ansteckungen, weniger Menschen, die ins Krankenhaus müssen, und weniger Menschen die sterben. Dass wir im Land Bremen eine Impfquote bei Erwachsenen von 93 Prozent vollständig geimpft haben, kann uns alle stolz machen. Es ist eine gemeinsame Leistung, ein Ergebnis, das wir uns schwer erarbeitet haben. Wir haben diese Quote durch Aufklärung, Überzeugung und persönliche Ansprache erreicht. Wir konnten Vertrauen herstellen und gewinnen.

Lesen Sie auch

Trotzdem reicht auch diese Quote alleine nicht aus. Bei den früheren Varianten des Virus hätten wir mit solchen Impfquoten keine Einschränkungen des alltäglichen Lebens mehr nötig. Aber mit der Delta-Variante gilt das nicht mehr. Mit der Omikron-Variante, die sich letztlich genauso ausbreiten wird, ebenfalls. Diese Varianten sind ansteckender, vermutlich ist der Impfschutz schwächer. Wir dürfen nicht nachlassen beim Impfen, wir brauchen die Auffrischungs-Impfung (das „Boostern“), müssen weitere Impflücken schließen. Zusätzlich werden wir jetzt unsere Kontakte einschränken müssen, bis die Infektionszahlen wieder sinken.

Wie kann die Impfquote erhöht werden?

Die alles entscheidende Frage ist: Wie und auf welchem Weg erhöhe ich die Impfquote? Aus meiner Sicht gibt es mindestens zwei grundsätzliche Betrachtungsweisen, warum eine gesetzlich festgelegte allgemeine Impfpflicht nicht zum gewünschten Ziel führt. Es gibt eine Vielzahl an Untersuchungen darüber, warum Menschen sich impfen lassen. Diese Ergebnisse müssen wir in unser Handeln einbeziehen, sie zeigen uns, wie die Voraussetzungen für eine hohe Impfbereitschaft geschaffen werden können.

Ich glaube, in Deutschland haben wir noch lange nicht alles getan, um die Menschen wirklich zu erreichen. Wo sind die flächendeckenden persönlichen Anschreiben? Wo sind die Impfangebote in Quartieren? Viele Menschen würden sich gerne in Apotheken impfen lassen, hier gibt es einen hohen Vertrauensvorschuss. Seit Langem wird darüber diskutiert, es sollte endlich ermöglicht werden.

Vertrauen schaffen ist die nächste wichtige Aufgabe. Es gibt immer noch viele soziale Gruppen, die wir schlecht erreichen, weil uns dort „Impfbotschafter“ und „Impfbotschafterinnen“ fehlen. Also müssen wir sie finden, denn Skeptische überzeugen, das können nur Menschen aus der „Peergroup“. Dazu kommt: Das Impfen leicht machen. Für manche ist das wirklich das Entscheidende. Das erleben wir in Bremen jeden Tag.

Zusammenhang zwischen sozialem Zusammenhalt und Impfquote

Und schließlich gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen dem sozialen Zusammenhalt und der Impfbereitschaft: Dort, wo sozialer Zusammenhalt ein hoher Wert ist und darauf vertraut wird, ist auch die Impfbereitschaft höher. Wir brauchen also diesen Zusammenhalt, das Vertrauen. Nicht nur in der eigenen „Peergroup“, sondern am Ende auch in den Staat und seine Institutionen.

Lesen Sie auch

Vermutlich werden wir auch durch die Zulassung von Totimpfstoffen weitere noch Impfunwillige erreiche können. Nicht alle konnten bislang von den mRNA-Impfstoffen überzeugt werden. Konventionellere Impfstoffe würden von einem weiteren Teil der Menschen viel eher akzeptiert. Wir sollten ihnen also die Möglichkeit geben, sich mit diesen Impfstoffen impfen zu lassen, sobald sie verfügbar sind.

Das Fazit ist eindeutig: Wir haben immer noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Wenn wir in Deutschland wirklich alle erreichen wollen, müssen wir diese Aussage endlich ernst nehmen und nicht mit der Impfpflicht kommen, um uns von dieser Aufgabe zu entledigen.

Abwägungsprozess wird unterschätzt

Die andere Ebene ist: Die Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht lässt sich zwar leicht aussprechen, die Fragen der konkreten Definition und deren Konsequenzen hinken ihr allerdings beträchtlich hinterher. Was heißt denn alle? Sind Kinder und Jugendliche eingeschlossen? Das war schon bei den Masern heiß umstritten, und wurde nur einrichtungsbezogen umgesetzt. Welche weiteren Ausnahmen würden benannt? Bei spezifischen Vorerkrankungen schließt es sich aus, das ist leicht einzugrenzen. Was ist mit psychischen Vorbehalten und Ängsten, weltanschaulichen oder religiösen Gründen? Das berührt weitreichende Fragen im gesellschaftlichen und juristischen Abwägungsprozess, deren Reichweite unterschätzt wird.

Die Umsetzung selbst ist völlig offen. Bußgeldvorschriften sollen verhängt werden. Aber was ist, wenn man das Bußgeld nicht zahlen kann? Folgt dann der Freiheitsentzug? Wird man es sich zukünftig leisten können, sich nicht impfen zu lassen? All diese Fragen sind bislang nicht beantwortet worden.

Ausreichend Impfstoff, Angebote und Aufklärung

Das zeigt, dass sich eine Impfpflicht nicht mal eben so als Lösung anbietet. Für unsere aktuelle Situation, die der Ausgangspunkt für diese Debatte ist, hilft es nicht weiter, und langfristig gesehen wäre es sehr von Vorteil, wenn wir die Fehler der letzten Zeit nicht wiederholen würden. Das heißt ausreichend Impfstoff, niedrigschwellige Angebote, Aufklärung und Information. Stattdessen ist der Impfstoff schon wieder knapp, die Impfzentren wurden runtergefahren beziehungsweise geschlossen. Von den grottenschlechten Pflegebedingungen in den Krankenhäusern, die schon lange vor Corona bestanden, mal abgesehen. Das wir ausgerechnet jetzt womöglich wieder Lieferschwierigkeiten und lange Schlangen haben, ist zutiefst kontraproduktiv.

Weitere Entwicklungen zur Pandemie lesen Sie in unserem Newsblog

Die aktuelle Debatte wird zu einem großen Anteil emotional und politisch überfrachtet geführt. Ich bin für jegliche Handlungsoptionen, die uns beim Impfen voranbringen, aufgeschlossen und dankbar. Jede Impfung ist ein Schritt raus aus der Pandemie. Deshalb brauchen wir aber sachlich abgewogene Entscheidungen, Entscheidungen, die einbeziehen, dass Menschen unterschiedliche Zugänge zu Informationen und Angeboten haben. Das hat auch mit Vertrauen und Respekt zu tun, und nur ein entschiedenes Vorgehen, das auf Überzeugung setzt, wird auch nachhaltig wirken können und uns gesellschaftlich für die Herausforderungen der Zukunft wappnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+