Über Diversität in Unternehmen „Gemischte Teams sind nicht per se erfolgreich“

Verschiedene Nationalitäten, Geschlechter oder Altersgruppen – das ist in vielen Unternehmen selbstverständlich. Der Werder-Präsident und die Geschäftsführerin der Charta der Vielfalt sprechen über Diversität in Unternehmen.
15.08.2016, 21:53
Lesedauer: 5 Min
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Von Maren Beneke Milan Jaeger

Verschiedene Nationalitäten, Geschlechter oder Altersgruppen – das ist in vielen Unternehmen selbstverständlich. Der Werder-Präsident und die Geschäftsführerin der Charta der Vielfalt sprechen über Diversität in Unternehmen.

Verschiedene Nationalitäten, Geschlechter oder Altersgruppen – das ist in vielen Unternehmen selbstverständlich. Warum braucht es heute eine Charta der Vielfalt?

Aletta Gräfin von Hardenberg: Weil die Vielfalt in vielen Unternehmen noch nicht da ist, wo wir es uns wünschen würden. Zumindest nicht auf allen Ebenen gleich verteilt. Die Polizei ist da ein schönes Beispiel: Wenn die Polizei nicht die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt, hat sie große Probleme, in der Gesellschaft zu agieren. Firmen geht das genauso. Der Run auf die Talente ist heute stärker und Vielfalt ist ein Wirtschaftsfaktor – wenn ich mich auf diesem Feld engagiere, bin ich als Unternehmen erfolgreicher.

Aber deswegen muss ein Unternehmen doch keine Charta unterschreiben.

von Hardenberg: Das stimmt. Und das Unterschreiben allein bringt auch nichts. Wir haben in die Charta sechs Punkte aufgenommen, die Firmen umsetzen sollten. Das kann bei der Rekrutierung von neuem Personal anfangen: Unternehmen müssen auf die Mischung in ihren Firmen schauen. Wichtig ist, dass diese Impulse von den Führungskräften ausgehen. Denn: Gemischte Teams sind nicht per se erfolgreicher. Sie müssen von den Chefs richtig begleitet werden. Und dafür bedarf es Aufklärung.

Ein schönes Ziel. Aber wie überprüfen Sie, ob die Unternehmen Ihre Punkte umsetzen?

von Hardenberg: Wir sind kein Beratungsunternehmen. Unser Ansatz ist es, die Unternehmen einzubinden und auf Aufklärung zu setzen. Mit unserer Initiative wollen wir positive Anreize setzen und das Thema bekannter machen.

Hess-Grunewald: Um Vielfalt durchzusetzen, muss das gesellschaftliche Klima insgesamt stimmen. Je mehr namhafte Unternehmen so etwas wie die Charta der Vielfalt unterzeichnen, desto größer ist die Akzeptanz. Man muss darauf hinweisen, dass Vielfalt eine Chance und keine Bedrohung ist. Und das geht nur im Dialog.

Was sagen Sie Ihren Kritikern, die meinen, die Unterzeichner der Charta betrieben „Greenwashing“?

von Hardenberg: Diese Kritik kam am Anfang, als erst vier Unternehmen die Charta unterzeichnet hatten. Mittlerweile ist die Situation eine ganz andere. Es gibt viele Unternehmen, die das ernst meinen und ganzheitliche Konzepte verfolgen.

Wie bekommt man es hin, das Thema auch in den Mittelstand zu tragen?

Hess-Grunewald: Werder Bremen kann dafür eine Plattform bieten. Wir haben viele Partner und über den Austausch können wir gemeinsam für mehr Sensibilität sorgen. Die Bundesliga-Stiftung hat beispielsweise in Bremen den Inklusionsspieltag veranstaltet – eine Maßnahme, die zu mehr Normalität verhelfen kann. Wir sind aber dennoch erst am Anfang.

von Hardenberg: Mittelständler sind generell personell anders aufgestellt als die großen Konzerne – sie haben in der Regel keine eigenen Diversity-Management-Abteilungen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass der Geschäftsführer das Thema Vielfalt selbst vorantreibt und vorlebt.

Wer tut sich denn leichter mit Diversität? Die Großen oder die Kleinen?

von Hardenberg: Das kommt immer auf den Einzelfall an. Die Großen können es sich gar nicht mehr leisten, nichts zu machen. Die Ratingagenturen fordern Diversität ein. Ich wüsste keinen Dax-Konzern, der nichts macht. Für Mittelständler gibt es ganz andere Herausforderungen: Sie sind auf neue Mitarbeiter angewiesen.

Wieso hat Werder Bremen die Charta vor drei Jahren unterzeichnet?

Hess-Grunewald: Weil sich Werder Bremen seiner gesellschaftlichen Aufgabe sehr bewusst ist. Die Gesellschaft schaut auf den Fußball, in Bremen und bei diesem Thema auch bundesweit schaut man also auf Werder. Und wenn sich der Verein in gewissen Fragen positioniert, können wir Aufmerksamkeit schaffen. Viele Menschen gehen ins Stadion und bauen Werder in ihren Alltag ein. Viele Jugendliche sehen in unseren Spielern Vorbilder. Diesen Einfluss können wir sinnvoll nutzen.

Sie engagieren sich auf diesem Gebiet schon seit 2002. Noch einmal, warum haben Sie dann noch die Charta unterschrieben?

Hess-Grunewald: Wir wollten ein Zeichen setzen, nachdem wir im Jahre 2012 mit dem Diversity-Preis für unsere CSR Marke „Werder bewegt lebenslang“ ausgezeichnet wurden und wir wollten eine Vorreiterrolle ausüben. Diese Möglichkeit, die uns die Charta bietet, ist sehr wertvoll.

von Hardenberg: Die Vielfalt der Spieler ist natürlich ein großes Vorbild. Für junge Leute, die wir auch aus demografischen Gründen in Arbeit bringen müssen, kann das ein Antrieb sein.

Kommt für Sie eine Quote in Frage zum Beispiel in Aufsichtsrat, Geschäftsführung oder bei den ehrenamtlichen Funktionen?

Hess-Grunewald: Ich bin da skeptisch. Es ist nicht einfach Menschen zu finden, die bereit sind, sich zu engagieren. Die dann auch zur Funktionärsarbeit zu verpflichten, wäre kontraproduktiv und man würde ihnen vielleicht sogar zu viel zumuten. Nur ein Beispiel: Wir haben eine Vereinsjugendvertretung bei Werder etabliert. Die findet jedoch in der Realität fast nicht statt. Weil die Jugendlichen neben Schule und Training es zeitlich nicht schaffen dann auch noch Funktionärsarbeit zu machen. Statt Motivation empfinden sie eher Belastung. Vielleicht müssen wir hier umdenken.

von Hardenberg: Wir wären besser beraten, wenn wir Ziele formulieren. Quoten sind negativ belastet. Man muss anders denken und bewusst verschiedene Gruppen ansprechen, wenn man Gremien besetzt. Wenn man das nicht macht, bleibt man immer in denselben Strukturen.

Im Fußball gibt es die Baustelle Homosexualität. Würden Sie einem aktiven Profi-Fußballer raten, sich zu outen?

Hess-Grunewald: Im Moment nicht. Dafür ist das Klima unter den Zuschauern aus meiner Sicht noch nicht soweit. Wenn es einer alleine machen würde, glaube ich, dass er ein Problem hätte. Ich denke, es wäre besser, wenn es eine Art Gruppen-Outing gäbe. Ein Einzelner wäre in der Tat verloren. Doch wir wissen erst mehr, wenn die ersten Aktiven sich geoutet haben. Ich glaube, heute wäre die Reaktion der Gesellschaft eine andere, als noch vor ein paar Jahren.

Die Fragen stellten Maren Beneke und Milan Jaeger.

Zur Person

Aletta Gräfin von Hardenberg ist seit fünf Jahren Geschäftsführerin des Vereins Charta der Vielfalt. Zuvor verantwortete sie bei der Deutschen Bank das Diversity Management. Hubertus Hess-Grunewald ist Präsident des Vereins SV Werder Bremen und Mitglied der Geschäftsführung des gleichnamigen Unternehmens. Der promovierte Jurist hat sich als Anwalt aufs Arbeitsrecht spezialisiert.

Zur Person

Die Charta der Vielfalt Die Charta der Vielfalt ist ein Manifest, das 2006 ins Leben gerufen wurde. Sie setzt sich für Chancengleichheit ein. Mittlerweile haben etwa 2300 Unternehmen die Charta unterschrieben. Ihr zehnjähriges Bestehen feiert der gleichnamige Verein nun mit einer Deutschlandtour, seit Montag auch in Bremen. Noch bis Mittwoch werden Workshops im Mercedes-Benz-Kundenzentrum zum Thema Vielfalt veranstaltet. Infos unter www.vielfaltswerkstatt.de.
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