AOK-Studie zeigt neue Zahlen

Geringer Anstieg bei OPs

Bremen/Berlin. Hunderttausende Patienten kommen pro Jahr wahrscheinlich unnötig unters Messer. Die Zahl der Operationen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. In Bremen fiel der Anstieg geringer aus.
08.12.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Basil Wegener und Melanie Öhlenbach

Bremen/Berlin. Hunderttausende Patienten kommen pro Jahr wahrscheinlich unnötig unters Messer. Die Zahl der Operationen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Ein Report sieht als Grund: Operationen bringen Kliniken bares Geld. In Bremen fiel der Anstieg geringer aus; Niedersachsen liegt in etwa im Bundesdurchschnitt.

Deutschlands Kliniken haben im vergangenen Jahr so viele Patienten behandelt wie noch nie. Doch viele kommen laut einer Studie unnötig unters Messer. Die Zahl der Behandlungen stieg laut dem neuen AOK-Krankenhausreport von 2005 bis 2011 um 11,8 Prozent auf einen Rekordwert von 18,3 Millionen. Allein 2011 kamen 300.000 Behandlungen dazu. Operationen würden oft nur erbracht, damit die Kliniken ihre Einnahmen verbesserten, kritisierten der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) gestern in Berlin.

Nur jeder dritte der zusätzlichen Fälle sei durch das Älterwerden der Gesellschaft erklärbar. Die Hälfte des Zuwachses entfällt laut Report auf Leiden des Muskel-Skelett-Systems, des Kreislaufsystems und der Harnorgane. Besonders drastisch: Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen hat sich bei AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt.

Es gebe besonders dort starke Zuwächse, wo die Eingriffe Gewinn versprächen, sagte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Beim Einsatz künstlicher Hüft- und Kniegelenke liege Deutschland europaweit an der Spitze. Einen Anstieg von 25 Prozent habe es binnen zwei Jahren bei der Implantation kleiner Defibrillatoren, also Stromstoßgeber, bei Herzpatienten gegeben. "Wir sehen große regionale Unterschiede", sagte Klauber. "Wir haben hier im Kreis Höxter viermal so viele Eingriffe wie in Nürnberg."

Diese Kontraste sowie die Tatsache, dass es gerade bei lukrativen Fällen starke Zuwächse gebe, wertete Klauber als starken Hinweis auf vielerorts unnötige Operationen. Wie Patienten zu unangemessenen Eingriffen gedrängt werden, könne aufgrund des Reports aber nicht gesagt werden. Die Klinikausgaben der Kassen stiegen 2011 um zwei auf 60,8 Milliarden Euro.

"Den ökonomischen Fehlanreizen kommt eine ganz gewichtige Rolle zu", sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Fritz Uwe Niethard. So bringe eine typische Wirbelsäulen-OP einer Klinik 12000 Euro ein. Dafür könnten 100 Jahre Behandlung ohne OP bezahlt werden. Wo es weniger niedergelassene ambulante Chirurgen gebe, seien die OP-Zahlen in den Kliniken besonders hoch.

AOK-Vorstand Uwe Deh machte ein Bündel von Ursachen für die Zuwächse verantwortlich. "Chefarzt-Boni für mehr Menge sind nur die Spitze des Eisbergs." Erst vor wenigen Tagen hatte die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie gefordert, die Vereinbarungen über Bonuszahlungen bei vielen Eingriffen in fast der Hälfte der Chefarztverträge einzudämmen.

In Bremen sind die Fallzahlen nach Angaben der AOK Bremen/Bremerhaven am geringsten angestiegen. Im vergangenen Jahr wurden demnach 199113 Operationen durchgeführt. Das waren 6868 Eingriffe mehr als 2006 (3,57 Prozent Anstieg). In Niedersachsen stieg die Zahl der Operationen von 142270 auf 1615879 (9,65 Prozent). Am stärksten ist der Zuwachs in Hamburg: Dort ist die Zahl der Operationen um 66288 auf 461221 gestiegen (16,78 Prozent). Allerdings liegt den Zahlen ein kürzerer Vergleichszeitraum zugrunde (2006 bis 2011) als den Bundeszahlen im Krankenhausreport (2005 bis 2011), sodass sie etwas geringer ausfallen.

"Bremen hat sich im Vergleich zu den anderen Bundesländern gut entwickelt", sagt AOK-Pressesprecher Jörn Hons. Er führt die relativ geringen Fallzahlen darauf zurück, dass es in Bremen sehr viele Fachärzte gibt, die auch ambulant Eingriffe vornehmen. "Daher muss man nicht jede leichte OP im Krankenhaus behandeln lassen. Das zeichnet Bremen aus."

Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft, weist die Vorwürfe der AOK vehement zurück: "Ärzte operieren nicht, wenn es nicht notwendig ist." Alle Operationen würden mit den Krankenkassen im Vorfeld vereinbart und von diesen genehmigt. Die Schlussfolgerungen der AOK seien eine bloße These; Nachweise dafür gebe es bislang nicht. "Das ist ein Skandal, so etwas zu behaupten, wenn man es nicht vernünftig begründen kann", so Zimmer.

Für den Anstieg der Operationen gibt es seiner Meinung nach mehrere Gründe: Zum einen den demografischen Wandel und seine Folgen, also dass ältere Menschen öfter in Kliniken behandelt werden müssen. Außerdem den medizinischen Fortschritt, der es ermöglicht, Krankheiten besser zu behandeln oder Leiden wie besagte Knie- oder Wirbelsäulenprobleme zu lindern. "Und jetzt wirft man uns vor, aus reiner Geldgier fahrlässige Körperverletzung zu betreiben. Das ist in dieser Generalität überhaupt nicht nachvollziehbar."

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