Kriminelle jugendliche Flüchtlinge

Geschlossenes Heim wird noch teurer

Die Pläne für das geschlossene Heim, in dem kriminell gewordene, jugendliche Flüchtlinge in Zukunft untergebracht werden sollen, verzögern sich weiter. Und das Projekt wird deutlich teurer.
06.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Geschlossenes Heim wird noch teurer
Von Sara Sundermann

Die Pläne für das geschlossene Heim, in dem kriminell gewordene, jugendliche Flüchtlinge in Zukunft untergebracht werden sollen, verzögern sich weiter. Und das Projekt wird deutlich teurer.

Das geplante geschlossene Heim im Blockland für kriminelle jugendliche Flüchtlinge wird sich offenbar weiter verzögern und noch teurer werden als geplant: Immobilien Bremen (IB) bestätigt, dass das Gebäude der ehemaligen JVA Blockland, wo das Heim entstehen soll, voller Schadstoffe ist. „In dem Gebäude ist überall Asbest verbaut worden“, sagt IB-Sprecher Peter Schulz und verweist auf das Bremer Asbest-Register. „Dadurch wird der Abriss teurer und komplizierter.“

Eine schnellere und kostengünstigere Sprengung des Gebäudes, die zunächst angedacht war, scheide damit im Grunde aus, so Schulz. Eine Sprengung des schadstoffbelasteten Gebäudes sei zu gefährlich für Bauarbeiter und Anwohner. Stattdessen müsse das Gebäude Schritt für Schritt abgetragen und die Bauteile auf der Deponie entsorgt werden. Das ehemalige JVA-Gebäude, das seit mehr als zehn Jahren ungenutzt ist, soll zunächst abgerissen werden, bevor dort ein Neubau für das geschlossene Heim entstehen soll. „Auch auf dem Gelände neu zu bauen, ist eine komplizierte Angelegenheit“, sagt Schulz.

Möglicherweise würden dort Tiefbohrungen nötig, damit ein Neubau in dem sumpfigen Gelände stabil steht. Kenner des Geländes gehen davon aus, dass es noch Jahre dauern wird, ehe dort ein Neubau steht. Nach einem Senatsbeschluss soll das geschlossene Heim im Blockland aber im vierten Quartal kommenden Jahres den Betrieb aufnehmen.

Innere Mission legt Konzept vor

Zeitgleich hat nun ein kirchlicher Bremer Träger – der Verein für Innere Mission – ein umfassendes Konzept für eine stationäre Betreuung krimineller Jugendlicher entworfen. Ein Konzept, das explizit auf eine Arbeit mit den Jugendlichen ohne Einsperren setzt. Jakob Tetens, Mitarbeiter der Inneren Mission und Autor des Konzepts, beschreibt: „Es geht darum, für Jugendliche, die Taten begangen haben, in der Zeit zwischen Anklage und Hauptverhandlung Untersuchungshaft zu vermeiden.“

Studien zeigten, dass sich Jugendliche in der Untersuchungshaft oft weiter in ihrer Rolle als „Kriminelle“ bestätigt fühlen und dort zudem weitere Straftäter kennenlernen, so Tetens. Statt in die Haft sollen Jugendliche in die Einrichtung der Inneren Mission verwiesen werden, in der sie Tagesstruktur durch Sport, Handwerk und Sozialtraining bekommen sollen – und eine enge Betreuung rund um die Uhr.

„In der ersten Phase sollen die Jugendlichen nur in Begleitung eines Betreuers das Haus verlassen“, sagt Tetens. Geplant ist, den Jugendlichen konsequent und konfrontativ gegenüberzutreten, ihnen aber auch Möglichkeiten zur Mitbestimmung einzuräumen.

Ergänzende Maßnahme zu Blockland-Heim

Die Sozialbehörde will das Konzept der Inneren Mission zunächst prüfen. Die geplante Einrichtung sei „ein Element“ der Gesamtstrategie des Ressorts zum Umgang mit kriminellen jugendlichen Flüchtlingen, sagt Behördensprecher Bernd Schneider – und damit kein Ersatz für das geplante Blockland-Heim, sondern eine ergänzende Maßnahme.

Auch Jakob Tetens, der dem Blockland-Heim kritisch gegenüber steht, will sein Konzept dennoch nicht als Alternative zur geschlossenen Unterbringung verstanden wissen. Jugendliche, bei denen Fluchtgefahr bestehe, sollten in der Einrichtung der Inneren Mission nicht unterkommen, betont der Pädagoge. Allerdings brauche es für diese Jugendlichen möglicherweise dennoch nicht eigens eine geschlossene Einrichtung, weil sie oft so schwere Taten begangen hätten, dass dann auch die Untersuchungshaft greifen könne, so Tetens.

Die Grünen fordern Aus für geschlossene Unterbringung

Das Konzept der Inneren Mission und die Nachricht der Schadstoffe im JVA-Gebäude sorgten für Reaktionen aus der Politik: „Die Blockland-Einrichtung wird noch einmal verteuert und verzögert, geschlossene Unterbringungen in anderen Bundesländern sind massiv gescheitert, und nun gibt es den Vorschlag eines Bremer Trägers, der die letzte Lücke im Bremer Angebot schließt“, sagt der Bürgerschaftsabgeordnete Matthias Güldner (Grüne).

„Das muss jetzt endgültig das Aus für die geschlossene Unterbringung bedeuten“, fordert er. Der Vorschlag der Inneren Mission komme von einem etablierten Träger, auf den die Behörde Einfluss ausüben könne, er sei konkreter als die Pläne der Hamburger PTJ, die das Blockland-Heim betreiben soll, zudem günstiger und schneller umsetzbar.

Linke: Stigmatisierender Weg

Die Linke, die das Blockland-Heim als „Millionengrab“ kritisiert, urteilt, die Pläne des Senats würden immer absurder. „Die Pläne für ein geschlossenes Jugendheim waren von Beginn an kompletter Wahnsinn“, sagt Sofia Leonidakis (Linke). Der Senat habe einen „ungeeigneten, rückwärtsgewandten und stigmatisierenden Weg“ eingeschlagen. Die Schadstoffbelastung treibe nun zusätzlich die Kosten nach oben.

An diesem Dienstag kommen in Bremen Experten und Praktiker zu einem Fachtag zusammen, bei dem diskutiert werden soll, wie Straftaten verhindert und Jugendliche nachhaltig wieder auf den richtigen Weg gebracht werden können.

Dort debattieren neben Vertretern von Polizei, Justiz- und Sozialbehörde unter anderem ein Referatsleiter des Brandenburger Ministeriums, unter dessen Führung die berüchtigten Haasenburg-Heime geschlossen wurden, in denen es zu massivem Missbrauch an Jugendlichen kam. Er schildert, was es alles braucht, um Missbrauch in geschlossenen Heimen zu verhindern. Auch Gegner der geschlossenen Unterbringung wie der Hamburger Professor Michael Lindenberg sind zu Gast.

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