Handelskammer Bremen Gewerbefläche allein reicht nicht mehr

Bremen wächst zwar, aber im Vergleich zu vielen anderen Städten nur noch unterdurchschnittlich. Die Handelskammer Bremen will diese Entwicklung so nicht hinnehmen - und legt ein neues Analyse-Instrument vor.
09.12.2015, 00:00
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Gewerbefläche allein reicht nicht mehr
Von Peter Hanuschke

Eine Zufahrtsstraße ins Ackerland asphaltieren, Strom- und Wasseranschlüsse legen – fertig ist das Gewerbegebiet. Vor Jahren mag das als Ansiedlungsargument für Unternehmen alleine ausreichend gewesen sein – die Zeiten einer solch eindimensionalen Standortpolitik sind längst vorbei.

Bremen wächst zwar, aber im Vergleich zu vielen anderen Städten nur noch unterdurchschnittlich. Im Städteranking des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) nimmt Bremen von den 30 größten deutschen Städten nur noch Rang 21 ein, 2008 lag Bremen noch auf Platz 16. Diese Erkenntnis deckt sich mit den Ergebnissen des neuen Analyse-Instruments der Handelskammer Bremen zur Standortentwicklung, das am Dienstag im Schütting der Kaufmannsschaft vorgestellt wurde. Diese Entwicklung wolle man nicht einfach hinnehmen, sondern daraus müssten jetzt die richtigen Schlüsse gezogen und aktiv gegengesteuert werden, so Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer.

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Unternehmen siedeln sich dort an, wo sie ihre Bedürfnisse am ehesten befriedigt sehen. Daran hat sich im Vergleich zu früher nichts geändert – nur haben sich die Bedürfnisse von Unternehmen verändert und werden sich verändern, wie beide Analysen aufzeigen: Der Standort müsse unter anderem eine Lebensqualität aufweisen, die Fachkräfte bindet oder bewegt dort hinzuziehen. Und gewünscht sei auch eine intensive Verzahnung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Dringender Handlungsbedarf

„Wir wollen mit dieser Analyse nicht herausarbeiten, dass Bremen ein schlechter Standort ist, sondern genau das Gegenteil“, sagte Fonger. „Immerhin ist Bremen die zehntgrößte Stadt in Deutschland und der fünftgrößte Industriestandort.“ Ziel müsse es sein, im HWWI-Städteranking wieder nach vorne zu kommen – auf Rang 15 und noch besser. Und die Analyse zeige auf, in welchen Bereichen Bremen dringenden Handlungsbedarf habe, so Fonger.

Im Vergleich zur jährlichen HWWI-Untersuchung steht allein Bremen im Fokus der Handelskammer-Analyse und ist somit noch wesentlich kleinteiliger. Aufgeführt sind insgesamt 22 Einzelindikatoren wie etwa das Bruttoanlageinvestitionsaufkommen, die Anzahl von Unternehmensinsolvenzen, das Bevölkerungswachstum, Standortkosten oder das Wirtschaftswachstum. Daraus wurde ein Gesamtindikator ermittelt, der in Vergleich zu den Bundesdaten gesetzt wurde.

„Wir sind überzeugt davon, dass erstmals eine Analyse für Bremen vorliegt, die belastbar und ehrlich ist und daraus vor allem auch ehrliche Konzepte abgeleitet werden können.“ Die Skalen-Einteilung geht von null bis 200, bei 100 liegt der Bundesdurchschnitt. Danach hatte Bremen 2009 noch einen Indikator von 103. Danach ging es abwärts: 2013 lag er bei 96,2, 2014 nur noch bei 90,2.

Kommentar zum Wirtschaftsstandort

Fonger: Noch deutlicher als diese Zahlen zeigten, gehe es nicht – es müsse gehandelt werden. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass Bremen in den vergangenen Jahren eigentlich ein gutes Wirtschaftswachstum hingelegt habe. Solch eine Entwicklung relativiere sich nämlich schnell, wenn man berücksichtige, dass das Wachstum in den meisten anderen Städten wesentlich größer ausgefallen sei.

Es könne nicht sein, dass Bremens wirtschaftliche Entwicklung von der Entwicklung Gesamtdeutschlands so massiv abweiche. Das etwas nicht stimme, habe in der Vergangenheit auch schon der Konjunkturklimaindex der Handelskammer aufgezeigt. Zwar sei dabei bei den befragten Unternehmen von einer guten wirtschaftlichen Entwicklung die Rede gewesen, aber „auf der anderen Seite hat Bremen bundesweit die höchste Arbeitslosenquote“, sagte Fonger.

„Wir haben aufgrund der Analyse deshalb klare Handlungsfelder herausgearbeitet, die zu einem Großteil von der Politik bearbeitet werden müssten, aber auch die Wirtschaft beziehungsweise die Handelskammer ist gefordert“, stellte der Kammer-Geschäftsführer klar. Es müssten unter anderem gute Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen geschaffen und weitere Gewerbeflächen mit einer guten Infrastruktur ausgewiesen werden. Es dürfe auch nicht angehen, dass aufgrund der Haushaltsknappheit öffentliche Investitionen derart ausblieben, dass beispielsweise eine Beratung für Existenzgründer nicht mehr ausreichend stattfinde. Es müsste auch eine wesentlich stärkere Verzahnung zwischen der in Bremen „exzellenten Wissenschaft“ und der Wirtschaft stattfinden. Erfolgreiche Schnittmengen gebe es da in erster Linie in der Luft- und Raumfahrt – das sei aber für einen Industriestandort, der in mehreren Zweigen gut aufgestellt sei, zu wenig.

Funktionierender Wissenstransfer

Dass ein gut funktionierender Transfer zwischen Universität und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen hin zur Wirtschaft mit daraus resultierenden innovativen wettbewerbsfähigen Produkten ein bedeutender Standortvorteil sei, davon ist auch Henning Vöpel überzeugt. Für den Geschäftsführer des HWWI-Instituts, der zu Beginn der Veranstaltung das Städteranking vorstellte, gibt es darüber hinaus vor allem zwei wesentliche Bereiche, die künftig die Qualität von Standorten wesentlich beeinflussen werden: Es gehe um Digitalisierung – „Industrie 4.0 wird die Wirtschaftsstrukturen völlig neu ordnen“ – und darum, wie man dem demografischen Wandel am besten begegnen könne.

Die Standorte, die es zum einen schafften, Industrie 4.0 zu fördern und einzuführen, und zum anderen Fachkräfte aufgrund der guten Lebensqualität anzuziehen, würden die entscheidenden dynamischen Zukunftsmotoren besetzen und sich mittelfristig durchsetzen. Vöpel: Das sei eine große Herausforderung und eine große Chance – auch für Bremen.

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