Kommentar über Feminismus Gleichstellung geht uns alle an

Der Pirelli-Kalender druckt das erste Mal keine nackten Erotikmodels ab, sondern starke Frauen. Ist der Feminismus damit im Mainstream angekommen? "Nein", findet unsere Volontärin. Ein Kommentar.
03.12.2015, 10:06
Lesedauer: 3 Min
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Gleichstellung geht uns alle an
Von Carolin Henkenberens

Der Pirelli-Kalender druckt das erste Mal keine nackten Erotikmodels ab, sondern starke Frauen. Ist der Feminismus damit im Mainstream angekommen? "Nein", findet unsere Volontärin. Ein Kommentar.

Ja, es hat sich einiges getan in Sachen Gleichstellung. In Deutschland tritt ab 2016 erstmals eine gesetzliche Frauenquote für einen kleinen Teil der Privatwirtschaft in Kraft, die Dax-Konzerne. Eine Frau ist seit zehn Jahren Bundeskanzlerin. Dass Mädchen studieren, ist Normalität.

Sogar der kommerzielle Inbegriff der Frauenklischees, der Pirelli-Kalender, bildet im neuen Jahr erstmals seit seinem Erscheinen statt vollbusiger Erotikmodels starke, selbstbewusste Frauen ab. Ist damit die Emanzipation im Mainstream angekommen?

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Mitnichten. Denn der Mainstream ist längst noch nicht so weit, wie es scheint. Feministisches Denken findet vor allem in den Metropolen, an den Universitäten und in den Gleichstellungsbüros dieses Landes statt. Es herrscht vor allem in der Lebenswelt von gut ausgebildeten, jungen Menschen, die aus tausend und noch mehr Möglichkeiten das Auslandssemester und ein Freiwilligenjahr wählen und dazu ein Tutorium über Gender-Theorie besucht haben. In dieser Welt wird diskutiert über die Forderung von Iann Hornscheidt, nicht Professorin oder Professor genannt zu werden, sondern ohne Geschlechtszuschreibung „Profx“.

Diese Debatten sind wichtig. Doch sind sie von der Realität oft weit weg. Leider. In vielen Unternehmen, Familien und Kleinstädten gestaltet sich das Leben noch komplett anders, da sind grundlegende Dinge nicht erreicht: Frauen verdienen immer noch ein Fünftel weniger als Männer (im Durchschnitt!), Frauen übernehmen laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin wie selbstverständlich noch Putzen und Waschen allein. Und wird eine Frau zur Geliebten, ist sie oft die Böse – nicht der betrügende Ehemann. Feministinnen sind in vielen Teilen der Gesellschaft schlecht angesehen. Frauen fürchten Diskriminierung als Quotenfrau, konservative Jungparteien warnen vor einem Genderwahnsinn. Dabei geht es um nichts Schlichteres als ein Recht, das schon in Artikel 3 des Grundgesetzes festgelegt ist: Die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es geht also nicht um eine Besserstellung oder Bevorzugung, sondern um ein Basisrecht.

Der Staat als Arbeitgeber muss als gutes Beispiel vorangehen

Deswegen ist das Gleichstellungsgesetz im öffentlichen Dienst immer noch notwendig. Der Staat als Arbeitgeber muss als gutes Beispiel vorangehen. Auf Bundesebene ist der Anteil an Frauen in Führungspositionen im öffentlichen Dienst bis 2013 nur auf 30 Prozent gestiegen. In der freien Wirtschaft sieht es noch schlechter aus. Einige Dax-Konzerne wehren sich gegen eine Reform der Machtstrukturen. Die Commerzbank zum Beispiel hat sich nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ für 2017 in zwei Leitungsebenen Quoten-Ziele gesetzt, die sie schon 2014 erreicht hat. Diese Praxis grenzt schon fast ans sprichwörtliche Für-Blöd-Verkaufen des Bürgers.

Doch die Verantwortung liegt nicht allein beim Staat und in der Wirtschaft. Sie liegt bei uns allen. Denn Feminismus bedeutet, die gesellschaftliche Rolle der Frau im Ganzen zu hinterfragen, nicht nur ihre Berufschancen zu verbessern. Dazu braucht es in Deutschland ein radikales Umdenken in allen Gesellschaftsschichten. Feminismus muss auch in der Peripherie stattfinden. Feminismus und Frauenförderung darf kein Ideal einer in Soziologie dissertierten weiblichen Elite sein. Es braucht ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für latente Frauendiskriminierung. Damit Rollenklischees durchbrochen werden können, sollten Eltern ihre Kinder nicht mehr mit überkommenen Geschlechterrollen aufziehen. Sprüche aus Großmutters Zeiten vom zickigen Mädchen sollten für immer in der Schublade bleiben. Das Hinterfragen pinker Prinzessin Lillifee-Spielsachen „for Girls“ und blauer Polizeiautos „for Boys“ sollte in allen Elternhäusern angestoßen werden.

Und zu guter Letzt muss Feminismus auch jene erreichen, die glauben, nichts mit der Sache zu tun zu haben: Männer. Genauer: Ältere Männer in guten Positionen. Sie haben sehr wohl etwas damit zu tun. Denn die Chefs müssen das Arbeitsklima vorgeben. Sie können etwas verändern. Sie werden junge Frauen sonst nicht in ihren Firmen halten können. Doch weil das mit der Einsicht und der Konsequenz daraus so eine Sache ist, werden gesetzliche Frauenquoten weiter notwendig sein. Vielleicht braucht es irgendwann sogar noch mehr gesetzliche Quoten. Denn es wird eine Herausforderung, Frauen aus Somalia, Afghanistan oder Syrien gleichzustellen.

carolin.henkenberens@weser-kurier.de

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