Serie: Made in Bremen

Helfer der Autokonzerne

Die IT-Berater von Abat sorgen dafür, dass in den Fabriken von Daimler oder VW alles glatt läuft. Sie sind Experten für die Abläufe in der Autoproduktion und für die Computerprogramme.
24.07.2016, 00:00
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Helfer der Autokonzerne
Von Philipp Jaklin
Helfer der Autokonzerne

Die Logistik im Blick: Abat-Mitgründer Ronald Wermann mit dem Modell eines Hochregals in der Firmenzentrale in der Überseestadt.

Christina Kuhaupt

Die IT-Berater von Abat sorgen dafür, dass in den Fabriken von Daimler oder VW alles glatt läuft. Sie sind Experten für die Abläufe in der Autoproduktion und für die Computerprogramme.

Wenn Ronald Wermann Bekannten oder Familienmitgliedern erklären soll, womit er sein Geld verdient, ist das manchmal nicht so einfach. „Kaum jemand kann sich etwas darunter vorstellen“, sagt der Bremer. Es hat viel mit Wissen zu tun, mit Technik – und mit Menschen. Und damit, wie alles ineinandergreift, bevor zum Beispiel ein Auto entstehen kann.

Vor einigen Jahren baute Daimler in Bremen ein neues Kompaktlager. In seiner Rohbauhalle im Werk in Sebaldsbrück brachte der Autohersteller auf fünf Ebenen bis zu 1000 Gitterboxen unter, gefüllt mit Teilen für die Mercedes-Produktion. Denn das Material muss möglichst schnell dort ankommen, wo man es braucht. Immer fünf Boxen passen hintereinander in die Regalfächer, um den Platz möglichst gut auszunutzen.

Doch was, wenn in der Fabrik gerade Teile aus einer hinteren Box benötigt werden? Hier kommt das Computerprogramm ins Spiel, das den Materialfluss steuert. Das Zentralgehirn des Lagers muss die Boxen dann für eine Weile auf einen Parkplatz umleiten. Und es muss sicherstellen, dass die Autoteile immer auf mehreren Ebenen zugänglich sind; falls mal irgendwas klemmt. Denn eines darf in der modernen Autoproduktion auf keinen Fall passieren: Stillstand am Band.

Silicon Valley in Bremen

Dass in Autofabriken wie dem Bremer Daimler-Werk innerhalb von wenigen Tagen aus 6000 Einzelteilen ein komplettes Fahrzeug zusammengesetzt wird, wäre ohne sie nicht möglich: die Spezialisten von Abat. Sie sind Berater, Programmierer, Ingenieure, insgesamt etwa 450 Mitarbeiter – Experten für die Abläufe in der Autoproduktion und für die Computerprogramme, die in den Fabriken und in der Logistik dafür sorgen, dass alles reibungslos läuft.

Wer die Abat-Zentrale in der Überseestadt besucht, könnte mitten in Bremen einen Hauch von Silicon Valley verspüren. Offene, helle Räume, Holzfußböden – und viele junge Menschen, das Durchschnittsalter liegt bei 38 Jahren. „Wir sind keine Garage mehr“, sagt Vorstand Wermann. „Aber die Garagenstimmung, die ist noch da.“

Dabei hat das Geschäft auf den ersten Blick eine gewisse Sprödigkeit. Abat ist ein sogenanntes SAP-Beratungshaus. Solche Dienstleister sind darauf spezialisiert, die Computerprogramme des deutschen Unternehmenssoftware-Herstellers SAP auf die Bedürfnisse der meist größeren Kunden, auf ihre Abläufe in der Produktion zuzuschneiden; und darauf, sie vor Ort im Betrieb einzuführen und die Mitarbeiter zu schulen, wenn zum Beispiel eine neue Fertigungslinie oder ein neues Lager eröffnet wird. Manche Beratungshäuser haben – wie Abat – auch eigene Software im Angebot.

Spezialisierung auf die Autoindustrie

Natürlich muss ein SAP-Berater nicht nur technisch versiert sein und die Produktionsprozesse durchschauen. Er muss auch viel soziale Kompetenz mitbringen – und manchmal ein Diplomat sein. Wenn zum Beispiel eine Abteilung gegen die andere arbeitet, wenn Machtspiele nötige Veränderungsprozesse in einem Konzern behindern.

Dabei verlangt der Job einiges ab. Denn als SAP-Berater von Abat arbeitet man meist fern der Heimat, ist vier Tage pro Woche vor Ort mit Projekten beim Kunden beschäftigt. Familienfreundlich ist das nicht. „Das muss man wollen und können“, so Wermann, der selbst drei Kinder hat und mit seiner Familie in Achim lebt. Die jährliche Fluktuation im Unternehmen von drei bis vier Prozent sei allerdings eine „erträgliche Rate“.

Wer sich mit der Materie auskennt, ist ein hochbezahlter und auf dem Jobmarkt stark begehrter Experte. „Der SAP-Berater ist ein gejagtes Wild“, sagt Wermann. Abat gehört zwar nicht zu den ganz großen der Branche, hat sich aber sehr erfolgreich auf die Autoindustrie spezialisiert. Auf der Liste der Auftraggeber stehen neben Daimler auch Audi, BMW, Volkswagen, MAN, DHL und Thyssen-Krupp. Auf mehr als 42 Millionen Euro Umsatz kommt Abat im Jahr, inzwischen gibt es Tochterfirmen in den USA, Mexiko und Weißrussland.

Firma begann mit einem Start-up-Preis

Als Wermann seine Karriere beginnt, arbeitet man in der Informationstechnologie noch mit Lochkarten. 1979 ist das; der Bremer fängt als Programmierer bei Nixdorf an. Dort kümmert er sich später um die Betreuung der Großrechner und baut nach der Übernahme durch Siemens 1990 das Geschäft in den neuen Bundesländern mit auf. 1996 wechselt er zu Gedas, der damaligen IT-Tochter von Volkswagen, die später an die Telekom-Tochter T-Systems ging.

Für ihn eine Phase der beruflichen Unzufriedenheit. „Mit Überzeugung und Motivation erreicht man mehr als mit Druck und Quälerei“, sagt Wermann. Doch er nutzt die Krise kreativ – und wagt den Schritt in die Selbstständigkeit. Zusammen mit mehreren anderen Führungskräften seines damaligen Arbeitgebers gründet er die SAP-Beratungsfirma Act, die sich später in Abat umbenennt. Alles beginnt mit 13 Mitarbeitern. Als Ziel setzt sich die Firma damals, einmal 100 Menschen zu beschäftigen.

Das Unternehmen gewinnt bald einen Start-up-Preis, wird Landessieger. „Wir haben eingestellt, wen wir kriegen konnten“, sagt Wermann. Von Anfang an ist klar: Dienstleistungen speziell für die Automobilindustrie werden das Geschäft sein. „Wie man Autos baut, das wissen wir.“

Vielzahl von Projekten

Diese Kompetenz hat Abat inzwischen bei einer Vielzahl von Projekten unter Beweis gestellt – etwa im Daimler-Werk im baden-württembergischen Rastatt, wo der Konzern vor einigen Jahren seine komplette Werkslogistik umstellte. Die Berater und Entwickler von Abat aus Bremen waren mit etwa 3000 Manntagen dabei, Studenten leisteten den Monteuren am Band Anlaufunterstützung. „Wir hatten nicht eine Sekunde Stillstand“, sagt Wermann. Auch für Projekte in den Daimler-Fabriken in Bremen, Sindelfingen und im ungarischen Kecskemét bekam Abat den Zuschlag, als nächstes ist das US-Werk in Tuscaloosa dran.

Das Ziel ist klar: Abat will weiter expandieren, 15 bis 20 Prozent Wachstum seien drin, so der Vorstand. Die Vision ist, sich als führendes SAP-Beratungshaus für die Automobilbranche in Deutschland zu etablieren. Entscheidend für den Erfolg im Geschäft sei es, transparent und ehrlich mit Kunden ebenso wie mit Mitarbeitern umzugehen, sagt der 62-Jährige. Gute Leute sind in seinem Gewerbe so schwer zu finden, dass sein Unternehmen gar nicht anders kann, als sich nach Kräften um einen guten Zusammenhalt der Mannschaft zu bemühen und um ein Klima, in dem man gerne arbeitet. „Druck muss der Arbeitgeber jeden Tag erneuern, aber der Spaß an der eigenen Tätigkeit bleibt.“

Events für die Mitarbeiter

So trommelt Abat seine Mitarbeiter alle drei Monate zu Events zusammen – einen Tag lang gibt es die neusten Informationen aus dem Betrieb, am Abend wird gefeiert. Urlaub verfällt grundsätzlich nicht, einen Tag pro Woche kann sich jeder Beschäftigte ohne vorherige Abstimmung freinehmen. Hierarchische Strukturen werde man in seinem Unternehmen nicht vorfinden, so Wermann. „Titel sind bei uns nicht zu vergeben.“ Wer mit seinem Vorgesetzten nicht klarkomme, könne ihn wechseln. Auch wegen solcher Ansätze wurde Abat bei einem Wettbewerb der Universität St. Gallen bereits mehrfach als Top-Arbeitgeber ausgezeichnet.

Aber wie müssen Firmen im digitalen Zeitalter in Zukunft ihre Arbeit organisieren? „Die Technologie und die Gesellschaft sind im Wandel, also müssen sich auch die Unternehmenskulturen ändern“, glaubt der Abat-Vorstand. Das Buch „Reinventing Organizations“ des belgischen Unternehmensberaters Frederic Laloux habe ihn beeindruckt. Das Modell heißt „New Work“ – es ist die Idee völliger Selbstverantwortung im Job, einer Arbeit ohne Vorgesetzten.

Die Idee ist radikal. Wie hoch sind die Gehälter? Wer wird eingestellt, von wem trennt man sich? Wesentliche Entscheidungen, die üblicherweise eine Führungskraft trifft, sind plötzlich Aufgabe des Teams. Gerade in der Informationstechnologie gehen manche Firmen inzwischen sehr weit in der Selbstorganisation. Auch Abat probiert sie seit diesem Jahr aus, in einem Team von etwa 50 Mitarbeitern, begleitet von externen Beratern. „Man muss den Leuten Mut machen“, sagt Wermann. „Die merken ja selber, wenn etwas schiefläuft. Ich bin sehr gespannt darauf.“

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