Chefanalyst der BLB im Interview Hellmeyer: „Ich bin absolut entspannt“

Der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, begrüßt den möglichen Wandel der mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten einhergeht. Für Hellmeyer ist die Wahl Trumps ein Hilferuf der USA.
11.11.2016, 00:00
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Hellmeyer: „Ich bin absolut entspannt“
Von Lisa Schröder

Der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, begrüßt den möglichen Wandel der mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten einhergeht. Für Hellmeyer ist die Wahl Trumps ein Hilferuf der USA.

Topp, Trump gilt. Der Milliardär wird der nächste amerikanische Präsident. Sind Sie überrascht?

Folker Hellmeyer: Ich habe es erwartet und darauf gewettet. Wir haben uns die regionalen amerikanischen Medien angeschaut. Dort wurde sehr deutlich, dass die Zustimmung zu Trump viel größer ist, als im internationalen Medienkonzert berichtet wurde. Die Wahl Trumps ist ein Hilferuf der tragenden Gesellschaft der USA für echten Wandel. Der Mittelstand erodiert: Die Konsumverschuldung ist im Schnitt höher als vor der Lehman-Pleite. Knapp 44 Millionen Menschen beziehen Lebensmittelmarken.

Was ging im Analysten vor?

Ich habe mich gefreut, weil damit für die USA und die Welt eine Chance einhergeht.

Wenn die Märkte eines nicht mögen, dann sind es aber doch Unwägbarkeiten. Ist der unberechenbare Trump nicht ein Albtraum für jeden Anleger?

Diese Wahrnehmung, er sei unberechenbar, ist berechtigt. Im Wahlkampf hat er alle Unzufriedenheit, die es gibt, auf sich projiziert, um Stimmen zu gewinnen. Das war seine einzige Chance. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Wahlkampf- und Politikmodus: Was versprochen wird, wird nicht immer eingehalten. Trump steht für Change. Er steht für eine Entschleunigung der Globalisierung, für eine andere Außenpolitik, für Steuersenkungen. Er steht dafür, dass die Industrie wieder in den Vordergrund gerückt wird. Das sind alles Themen, die für die Nachhaltigkeit von Ökonomie und Gesellschaft gar nicht schlecht sind.

Die Börsenkurse reagierten heftig. Warum fürchtet sich der Finanzmarkt vor Trump?

Wir haben heute in der westlichen Welt ein Establishment zwischen Politik, Wirtschaft und Lobbyisten. Eine Hillary Clinton hätte bedeutet, dass genau dieses Netzwerk weiter seine Fäden zieht. Jetzt haben wir plötzlich eine Person aus dem Non-Establishment, die in die mächtigeste Position der Welt hineinrückt. Das wirft Fragen und Unsicherheiten auf. Die Reaktionen sind Ausdruck von Angst.

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Was bedeutet Trump für Europa?

Europa ist Hort einer unglaublichen ökonomischen Potenz. Hidden Champions sind der Lebensnerv einer Volkswirtschaft. Weltweit gibt es 2.700 davon – 1.700 kommen aus Europa. Außerdem ist unser Rechtssystem sicher; wir haben die beste Infrastruktur, eine aktive Handelsbilanz und unsere Haushaltsdefizite im Schnitt im Griff. Ich sage bewusst: Wir sind der Restposten der Welt einer humanistisch geprägten Demokratie. Europa muss wachsen und Verantwortung übernehmen. Wir sollten als Mediator auftreten und das Motto der Hanse leben: Wandel durch Handel. Handel schafft Friedfertigkeit und ist Basis für Wohlstand. Durch Wohlstand entsteht Freiheitswille.

Ist Trumps Maxime „America first“ denn nicht schädlich für die Weltwirtschaft? Er setzt auf Protektionismus, will Strafzölle gegen China einführen, Handelsabkommen sollen verhindert werden.

Bei den Freihandelsabkommen steckt nicht drin, was draufsteht. Wenn Sie ein transpazifisches Abkommen schließen und Russland und China ausschließen, ist das Geopolitik. Da geht es um Machtfragen, nicht um Freihandel. Durch TTIP gibt es durchaus Kostenvorteile für Unternehmen. Die Selbstbestimmung politischer Räume wird jedoch nachhaltig beeinflusst. Deutschland hat einen enorm prosperierenden Welthandel – ohne dieses Abkommen. Ich sehe deshalb kein Problem. Trumps Protektionismus wird ein spezifischer sein, kein allumfassender. Er wird sich zum Beispiel auf Stahl und Kohle konzentrieren, wo es Dumping gibt. Da haben auch wir Zölle und Sanktionen verhängt. Das sollten wir nicht vergessen. Die USA sind zudem zwingend auf Importe angewiesen.

Sie befürchten also nicht, dass die deutschen Exporte zurückgehen? Bremens Wirtschaftssenator hat sich da sehr besorgt geäußert.

Die Wahrscheinlichkeit ist extrem überschaubar. Nehmen wir unseren Standort in Bremerhaven und die Automobilbranche. Viele deutsche Hersteller sind in den USA aktiv: Volkswagen, BMW, Mercedes. Die USA würden sich selbst ins Fleisch schneiden, wenn es hier Beschränkungen gäbe. Ich bin absolut entspannt. Wir werden erleben, dass Donald Trump ein Business-Man ist, ein Pragmatiker.

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Details, wie Trump die Wirtschaft gestalten will, sind noch gar nicht bekannt. Wissen Sie, was Trump vorhat?

Es ist fragmenthaft. Er hat sehr viel gesagt und sich teils widersprochen. Ich denke, Trump wird Sanktionen insbesondere gegen China vornehmen, um Produktionen in die USA zu verlegen oder bestimmte Märkte zu schützen. Er wird, wie Reagan, Steuern senken – auch für den kleinen Mann und damit den Konsumcharakter stärken. Ich glaube auch, dass er den Steuersatz gegenüber Unternehmen drastisch reduzieren wird. Wir sollten diese Veränderung nicht solitär als Risiko wahrnehmen, sondern als Chance für Europa. Unser Establishment hat sich auch von den Menschen entfernt. Ich wünsche uns die Weisheit, zuzuhören. Wir erleben einen Terror des Mainstreams, der Political Correctness, das ist undemokratisch. Die Demokratie lebt vom Wettbewerb der Ideen.

Trump will die Steuern senken, zugleich in die Infrastruktur investieren und Staatsschulden abbauen. Ist das realistisch?

Das Programm unter Präsident Reagan wurde ebenfalls durch ein enorm hohes Haushaltsdefizit vorfinanziert. Trump versucht, etwas herbeizuführen, was mit den Reagonomics vergleichbar ist. Die Finanzmärkte werden das goutieren. Allerdings hat Amerika, anders als unter Reagan, einen prekären Haushalt. Wir haben eine Staatsverschuldung von über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Situation ist kritischer, aber die Defizite könnten in den nächsten Jahren durch das entstehende Wachstum finanziert werden.

Warum unterstützen die Finanzmärkte Trump?

Die wesentlichen Player sitzen in New York und London. Der König wird verteidigt.

Der Name Reagan ist oft gefallen. „Make America great again“ ist sein Slogan. Welchem seiner Vorgänger wird Trump ähneln?

Ich glaube, er ist ein besserer Schauspieler als Ronald Reagan (lacht). Es ist viel zu früh, um darüber etwas zu sagen. Reagan wurde auch als absolute Katastrophe dargestellt, um nachher gefeiert zu werden. Das muss Trump nicht gelingen, aber ich denke, er wird unterschätzt. Wir können heute nicht genau sagen, was er umsetzt. Vom Genannten gehe ich aus. Ein Problem wäre eine Politik des Weiter-so. Damit einhergegangen wäre eine weitere Verarmung des Mittelstands.

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Die Steuersenkungen begünstigen vor allem Spitzenverdiener. Kommen die Pläne überhaupt der Mittelschicht zugute?

Ökonomie braucht Zeit. Ob die Politik wirkt, wird sich erst nach zwei bis drei Jahren zeigen. Sie wirkt immer zuletzt am Arbeitsmarkt. Wichtig ist, dass Trump die Finanzmärkte zurückdrängen will. Sie haben in der Vergangenheit immer eine dienende Funktion für die Realwirtschaft gehabt. Es gilt nun, die Strukturen der Finanzaristokratie zu zerstören, sonst ist sie die stille Macht in einer Demokratie.

Positiv sehen Experten durchaus, dass eine neue Verbindung zu Russland entstehen könnte. Was bedeutet das?

Ich freue mich, dass Trump den Versuch machen wird, die kritischen geopolitischen Themen anzusprechen. Wir hatten unter der Regierung Obama eine Politik, insbesondere gegenüber Russland, Gespräche abzubrechen. Das war eine bewusste Eskalation des Westens.

„You cant´t always get what You want“ – diesen Song spielte Trump nach seiner Siegesrede. Welches wirtschaftspolitische Ziel wird er nicht umsetzen?

Das ist schwer zu sagen. Er hat eine enorm potente Position derzeit, Mehrheiten im Repräsentantenhaus und im Senat. Es gibt im Oberen Gerichtshof eine republikanische Mehrheit. Trump könnte einen Großteil seiner ökonomischen Programmatik umsetzen. Ich rede nicht von der Mauer zu Mexiko. Das ist eines der Themen gewesen, die zum Wahlkampfgetöse gehörten.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Zur Person:

Folker Hellmeyer ist Chefanalyst der Bremer Landesbank. Um die Wirtschaft unter dem Präsidenten Donald Trump macht der gebürtige Hamburger sich keine Sorgen, sondern begrüßt einen möglichen Wandel.

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